Eins

S-Bahn-Aufgang Berlin

Zwei

Volksbühne Berlin

Drei

Konzertplakat Nachtigall

[Die Nachtigallen auf dem Plakat sind eigentlich Amseln. Sie stammen aus der Feder von Bina Placzek-Theisen und gehören zu ihrer Amsel-Serie. Schon wegen dieser Amsel-Skizzen lohnt sich der Besuch auf ihrer Homepage. Erst recht lohnt er sich, wenn man in all ihren anderen Arbeiten stöbert. Ja: Dies ist eine herzliche Empfehlung.]

Vier

Dies gelte Ihnen,

verehrte namenlose Pflasterstreuner,

auch wenn Ich weiß, dass die Ehre, die Ihnen durch diesen Text zuteilwerden möge, Sie gar nicht erreichen wird. Wohl aber wird sie erreichen das Ebenbild, das Sie in meinem Gemüt hinterlassen haben, jetzt, da ich mich nachträglich traue, Sie genauer anzusehen. Ihnen abwesend zur Ehre, mir selbst zur Lehre.

Da sind zum Beispiel Sie: Fleisch gewordene Klage. Ich begegnete Ihnen, als ich in der U-Bahn saß. Der Zug wurde auf diesem Bahnhof eingesetzt und stand eine Weile mit offenen Türen da. Zuerst hörte ich Sie nur. Ein durchgehendes, kaum Atem holendes, kraftloses, klagendes Wimmern. Mal leiser, mal lauter, näherte es sich mir. Dann sah ich Sie. Mit tief gesenktem Kopf schlurften Sie ungeordnete Kreise, Achten, Ellipsen auf das graue Bahnsteigpflaster. Auch unmittelbar vor den offenen Türen des Wagons, in dem ich saß. Und wimmerten und klagten ihre Litanei. Sie tauchten an der Tür auf. „Hoffentlich kommt er nicht rein“, dachte ich. Sie drehten wieder ab. An der nächsten Tür kamen Sie wieder näher, schlichen wieder zur anderen Tür. Ich sah Sie immer nur kurz mit verstohlenem Schnell-Wieder-Weg-Blick. Registrierte zerschlissene, löchrige Kleidung. Sehr viel zu wenig für einen winterlichen April-Tag. Ein Gesicht, von dem ich eigentlich nur das tiefe graue Blass wahrnahm. Und die Ausgezehrtheit. Dann stiegen Sie doch ein. Ich hielt meinen Blick von Ihnen weg. Gutsinnig könnte ich behaupten, ich hätte Ihnen nicht zu nahetreten, Sie nicht beschämen wollen, indem ich Ihr trauriges Dasein betrachte. Es wäre aber falsch. In Wahrheit hatte ich Angst, dass Sie mein Sie-Ansehen als Kontakt-Angebot verstehen und sich noch direkter mit Ihrer flehenden Klage an mich persönlich wenden würden. Und Angst vor der Unmissverständlichkeit Ihres Leides, das mich wie ein wundgeschossenes Tier in einem verzweifelten Angriff beim Hinsehen mit ausgefahrenen Krallen angesprungen hätte. Sie blieben stehen. Selbst die bittende Ausgestrecktheit Ihres Arms, Ihrer Hand nur kraftlose Andeutung. Dann stiegen Sie wieder aus. Ich schaute Ihnen mit heimlicher Erleichterung und zugleich mit schlechtem Gewissen hinterher. Ihre Hose hing tief. Kurz vor dem endgültigem Herunterrutschen. Die beiden Pobacken zeichneten sich in der blassgrünen Unterhose ab. Als hätte ich erst in dem Moment spüren können: Tatsächlich ein Mensch. Langsam leiser werdend zogen Ihre kraftlos geschlurften Kreise und Ihr Klagelied von dannen.

Und auch Sie: Barfüßige Fast-Schweigerin.  Auch Sie in der U-Bahn. Wie gerne würde ich heute Ihr Gesicht wenigstens kurz angesehen haben. So bleibt Ihr Ebenbild gesichtslos. Und ich muss beim Erinnern diesen Mangel ertragen. Und trotzdem hinsehen. Statt an Ihr Gesicht erinnere ich mich an Ihre Füße. Sie waren nackt. Wer weiß: Vielleicht hat Ihr Gesicht sein Antlitz in Ihre Füße geschickt, um mein Wegsehen-wollen zu überlisten. Touché! Ihre Füße waren Ihr Gesicht. Fleckig waren sie. Von Schmutz und Reizung. Noch nicht wund, aber vielleicht bald. Und das bei dieser Kälte! Darüber aber wenigstens mehrere – sicher wärmende – Schichten aus Stoff, so tief und dicht hinuntereichend, dass Ihr Beine sehr kurz wirkten. Die äußerste Schicht ein schwerer dunkler Mantel. Ein Körper als ein Berg von Stoffschichten, getragen von zwei geschundenen Füßen. Schwiegen Sie? Habe ich nicht doch ein leises Geräusch gehört? Zu wenig konturiert, um Sprache zu sein, und doch zu melodiös geformt, um keine zu sein. Ihre Schweigsamkeit ein sprechendes Tasten im Zwischenraum zwischen Atmen, Räuspern, Raunen, Sprechen? Sie streckten – durchaus fordernd – einen dreckigen Coffee-t0-go-Becher den Menschen entgegen. Zweimal sogar klonkerte etwas hinein. Sie hatten nur einen Halt Zeit, um aufzutauchen und an den Sitzreihen entlangzutapsen. Kurz vor dem Türeschließen gingen Sie wieder hinaus. Ihr leises Sprech?-Geräusch wurde zu einem mürrischen Raunen dabei.

Und Sie: Eloquenter Almosen-Locker. Auch Sie in der U-Bahn. Sie schwangen sich herein zu uns. Drahtig, beweglich, munter. Sie waren ärmlich, aber nicht straßendreck-geplagt gekleidet. Sie erinnerten an einen dieser Marktstand-Händler, die einen zwar billigen, aber doch – zumindest auf den ersten Blick – ungemein praktischen Haushaltsgegenstand vorführen. Sie blieben an der ersten Haltestange stehen, schauten in die Runde und hielten eine kleine Rede. Sie baten um Entschuldigung für die Störung, gerade jetzt, wo wir vielleicht unterwegs wären zu einem Sonntagsausflug zu unseren Lieben oder mit ihnen, und nur ungern bei unserer Erholung und Vorfreude gestört werden würden. Sie würden verstehen, wenn wir gerade jetzt keine Lust hätten, uns mit Ihren Problemen zu befassen. Sie würden es auch kurz machen. Sie seien durch familiäre Probleme obdachlos geworden und müsste sich jetzt auf diese – zugegeben: Nicht sehr angenehme – Weise über Wasser halten. Übergangsweise hoffentlich. Und wir könnten ja vielleicht ein bisschen dabei helfen. Sie würden sich sehr freuen. Dann an den Sitzreihen entlang. Auch In Ihren Coffee-to-go-Becher klonkerte etwas. Beim nächsten Halt gingen Sie hinaus, als müssten Sie gerade hier aussteigen und zur Arbeit.

Ihnen, verehrter Mister Homeless, begegnete ich vor einem Straßenecken-Dönerladen. Ich hatte das Grün der Fußgängerampel nicht mehr geschafft und mich – schutzsuchend vor dem Regen – unter seine Markise zurückgezogen. Neben eines dieser schrill orange bemalten Miet-Bikes, das hier abgestellt war. Jenseits des Bikes standen Sie, als gehörte das Bike zu Ihnen. Ich wunderte mich, weil Sie nicht aussahen, als wären Sie gerade auf touristischer Entdeckungstour. Ich wandte mich ab. Und doch blieb ein Teil meiner Aufmerksamkeit bei Ihnen. Nach einer Weile verstand ich, warum. Im Augenwinkel nahm ich wahr, dass Sie mich unverwandt anschauten. Bewegungslos. Tonlos. Zuerst. Dann begannen Sie zu sprechen. Ich bezog das nicht auf mich. Vielleicht einer dieser Knopf-im-Ohr-Sprecher, bei denen ich im ersten Moment immer denke, er führe Selbstgespräche. Ich verstand nichts. Sie sprachen eine Art Englisch. Jedenfalls vom Klang der Worte her. Dann schaffte es ein Wort doch hin zu meinem Verstehen: „Homeless“. Ich schaute Sie an. Sie redeten immer weiter. Ihr dunkles, bärtiges Gesicht schwebte zwischen gebrochener Starre und tiefem Vortrags-Ernst. Immer wieder das Wort „Homeless“. Zunehmend drängend. Erst nach einer Weile verstand ich das Betteln. Ich fingerte Münzen aus meiner Hosentasche und reichte Sie über das Fahrrad zu Ihnen. Eine Hand mit abgewetztem fingerlosem Handschuh kam mir entgegen. Ich legte die Münzen hinein. Die Hand blieb geöffnet, schien unsicher, wackelig. Ich sorgte mich, dass die Münzen herunterfallen würden. Währenddessen setzten Sie Ihren „Homeless-Vortrag“ fort. Ich dachte, Sie würden mich um weitere Hilfe bitten, vielleicht um eine Unterkunft. „I can`t help you“, sagte ich. Sie redeten weiter, genau wie vorher. Sie hatten Kontakt zu mir geschafft und jetzt ließen Sie ihn nicht mehr los. Die Hand immer noch geöffnet. Mein Blick fiel auf die Ampel. Sie war grün geworden. Ich wandte mich zu Ihnen, sagte, ich müsse jetzt los, und floh. Eine grün gewordene Ampel als Notausgang aus dem Schreien der Not.

Ihnen allen und Ihren Gefährt:innen zur Ehre helfe ich meinem Erinnern auf die Sprünge. Ich zeichne Ihre Ebenbilder in meinem Gedächtnis nach. Lasse Ihnen Wahrnehmung, Kontur, Aufmerksamkeit zukommen, die ich Ihnen bei der Begegnung verweigert habe. Und ich gelobe mit unsicherer Feierlichkeit: Bei der nächsten Begegnung werde ich das Wahrnehmen nicht auf das Erinnern verschieben. Jedenfalls werde ich es aufrichtig versuchen. Ich will Sie sehen.