vierzehn

Dschihad

(für جابر البكر‎,)

Er lässt den Lieferwagen ausrollen. Es ist die festgelegte Stelle. Hier, am Rand des Wochenmarktes, wird er nicht weiter auffallen.
Er stoppt den Motor.
Er reckt den Hintern aus dem Sitz und puhlt das Handy aus der Hosentasche.
Er sucht den Kontakt, unter dem die Nummer gespeichert ist.
Sein Daumen schwebt schon über dem Wahlbutton.
Er hält inne und beschließt, noch eine Zigarette zu rauchen.
Die erste Rauchwolke walzt an der Frontscheibe hoch.
Durch den Qualm hindurch sieht er eine hübsche junge Frau mit Kopftuch. Ziemlich genau sein Alter. Sie ist an das Geländer eines Treppenabgangs gelehnt. Mit einer Hand telefoniert sie, mit der anderen wiegt sie sacht den Kinderwagen, der vor ihr steht. Ab und zu lächelt sie liebevoll in den Kinderwagen hinein. Der Handlauf des Geländers drückt eine Delle in ihren Po. Verlegen huschen seine Augen weiter.
Zwei junge Männer kreuzen seinen Blick.
Er folgt ihnen mit den Augen. Sie debattieren lebhaft. Einer von ihnen rudert dabei mit den Armen. Es scheint ernst. Trotzdem lachen sie ab und an. Er schaut ihnen hinterher und entdeckt einen Polizisten.
Er erschrickt. Dann schiebt der Polizist seine Mütze etwas nach hinten und wischt mit einem Taschentuch seine Stirn ab. Es ist drückend heiß.
Sein Schrecken legt sich.
Er schaut auf sein Handy. Der Bildschirm mit dem Kontakt ist noch zu sehen.
Er hebt den Blick wieder. Der Polizist ist weg. Die Frau ist noch da. Die beiden jungen Männer sind auch weg.
Er wendet den Kopf, schaut zur anderen Seite. Auf einer Bank hockt ein alter Mann. Er hat die Hände auf einen Stock gestützt. Er ist blass, in sich zusammengesunken. Plötzlich belebt er sich. Ein kleines Mädchen kommt auf ihn zu gehüpft und springt auf seinen Schoß. Zwei Frauen folgen dem Mädchen und begrüßen den alten Mann liebevoll.
Er dreht den Kopf wieder zur anderen Seite. Dort halten zwei Geschäftsleute mit Laptop-Taschen bei der Kopftuchfrau an. Sie fragen sie etwas. Die Frau antwortet und zeigt dabei mit der Hand nach rechts. Offensichtlich erklärt sie einen Weg. Die beiden Geschäftsleute danken freundlich und ziehen weiter. Seine Augen bleiben noch einen Moment bei der Frau.
An der Hitze des Filters in seinem Mund spürt er, dass die Zigarette fast aufgeraucht ist.
Er lässt surrend die Seitenscheibe herunter und schnippt den Stummel raus. Im Flug glüht er noch einmal leicht auf. Durch die offene Scheibe quillt das Stimmen-Wimmeln vom Markplatz.
Er fährt die Scheibe wieder hoch. Die Stimmen schrumpfen zu einem grauen Rauschen.
Er greift zu dem Handy in seinem Schoß. Es hat in den Ruhezustand gewechselt. Er muss den Kontakt erneut aufrufen. Er zögert und schämt sich ein bisschen dafür. Unruhe pulst seinen Hals hinauf. Er gibt sich einen Ruck.
Im selben Moment, da er die Nummer wählen will, platzt die Fahrertür auf. Schwarz vermummte Polizisten in dick wattierten Westen reißen ihn aus dem Wagen. Beim Sturz heraus fällt sein Handy auf das Pflaster. Er verliert es aus dem Blick. Zwei Beamte knien auf ihm. Die Knie bohren sich schmerzhaft in seinen Rücken. Er hört ein Gewirr von hektischen Rufen. Er will sehen, wo sein Handy liegt und dreht mühsam im Liegen den Kopf. Sein Blick streift den alten Mann auf der Bank. Und wandert weiter. Er stutzt. Er entdeckt einen Mann, den er kennt. Es ist der Mann, der die Nummer in sein Handy programmiert hat. Der Mann schaut ernst und konzentriert auf die Szenerie und greift in seine Innentasche.
Noch ein kleines Stück kann er den Kopf weiterdrehen.
Jetzt sieht er sein Handy. Ein Polizist hebt es gerade auf.
Dann hört er Schreie und das Stampfen vieler Schritte, dann einen Schuss.
Er spürt, wie etwas in seinen Hals dringt.
Es lässt ihn seltsam unberührt.
Hoffentlich wählt der Polizist die Nummer nicht, ist das letzte, was er denkt.

البكر‎,

Vor einer Woche hat sich Dschaber al-Bakr umgebracht. Seinen Namen habe ich aus Wikipedia hierhin kopiert. Wenigstens diese kleine Ehre will ich ihm erweisen, – seinen Namen in arabischer Schreibweise zu zeigen.
Als ich weiterschreiben will, stelle ich fest, dass die Schriftrichtung sich umgekehrt hat. Von rechts nach links.
Ich muss eine ganze Weile herumprobieren, bis die Schriftrichtung wieder von links nach rechts läuft.

Eine Woche ist sein Tod nun her. Inmitten all des hysterischen Wort- und Bild-Getümmels findet sich alles, was man medial aufbieten kann. Verpixelte Bilder, O-Töne von Fachleuten, Filmaufnahmen von allen möglichen Orten, die irgendwie mit ihm verknüpfbar sind. Selbst der schwerkranke Bosbach meldet sich zu Wort.  Zahllose Spekulationen, Bewertungen, Erklärungen, Verknüpfungen aller Art stürmen durch die Medien.
Sogar zu schein-spaßigen billigen Begriffsspielereien lassen sich Journalisten hinreißen. Im Presseclub sagt der Moderator, er verstehe nicht, warum die Psychologin keine Selbstmordgefährdung gesehen habe. Schließlich gehöre der Selbstmord ja geradezu zum Berufsbild eines Selbstmordattentäters. Höhö.
Der tote junge Mann verkümmert zu einem Terroristen, dem man keine Träne nachweint. Zu einem, den irgendwie das richtige Schicksal ereilt hat. Zu einer bedauerlichen Lücke in diversen Ermittlungsmechaniken.
Irrsinnig viele Äußerungen. Nur eines nirgends: Mitgefühl.
Ist das naiv? Ist das trotzkopfdumm? Ein junger Mann ist tot. Er hat sich unter den Augen derer umgebracht, die auf ihn aufpassen sollten. Ist das unsere Rolle im zynischen Automatismus des Märtyrertodes? Dass eine aufgeklärte, demokratische, liberale, menschliche Gesellschaft einem toten potentiellen Attentäter das Mitgefühl verweigert?
Dschaber, – ich wünschte, er hätte andere Möglichkeiten der Zuversicht und des Aufgehoben-Seins finden können.
Ja, – es tut mir leid, dass er sterben musste.

Autoaufkleber Kein Kind

Vor mir an der Waschstraße ein schicker schwarzer Kombi. Bisschen tiefer gelegt. Getönte Scheiben. 225er auf bösen schwarzen 18“-Alufelgen.
Die Botschaft auf der Heckscheibe schubst mich in das Bemühen sie zu verstehen.
Wahrscheinlich teilt hier jemand mit, dass ein Kind in ihrem oder seinem Auto sitzt. Und zwar eins mit nur einem Namen. Und der ist gut. So richtig verstehe ich nicht, warum mir das als Hintermann mitgeteilt werden soll. So viele Kinder mit einem Scheiß-Doppelnamen gibt es ja nicht. Wann sieht man schon mal „Wladimir-Donald“ oder „Frauke-Marine“ oder „Recep-Adolf“ oder so? Jedenfalls doch nicht so oft, dass es sich lohnen würde, sich darüber via Heckscheibe zu ereifern.

Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur.
Alle einschlägig bekannten Dylan-Fans beklatschen das euphorisch.
Bruce Springsteen hat schon vor Jahren das Zitat geliefert, das jetzt allenthalben zitiert wird: Er gab zu Protokoll:
„Elvis Presley gab dem Rock ’n Roll den Körper, Dylan gab ihm den Geist.“
Der Rock ’n Roll ist noch dabei ihn weiterzuverteilen, – den Geist. Er ist jetzt bei Buchstabe „P“. Bruce Springsteen ist auch bald dran.

Nichts für ungut, Bruce! Die schwarzen Musiker des Rock ’n Roll hast du bestimmt einfach nur vergessen! Kann passieren! Und sie sind ja jetzt auch nicht sooo wichtig.
Nichts für ungut, liebe Feuilletonist /-innen! Mann!, das muss ja immer alles so schnell gehen nowadays. Da kannst du froh sein, wenn du auf die Schnelle ein halbwegs brauchbares Zitat findest. Das kann man dann nicht auch noch immer alles stundenlang durchdenken, sure!

Irritation.
Auf einer langen Autofahrt höre ich mal wieder Dudelfunk. Ein Song zieht an mir vorbei.
An einer Stelle horche ich auf. Da steht jemand im Lehm. Interessantes Bild.
Ist aber, wie mir dann klar wird, ein Verhörer.

Lautschrift: Silbermond, „Das Leichteste der Welt“

Und ich, ich kann nch schlafn
ohne irngdwas zu nehm
und du stehs längs mit beidn Bein
im neuen Lehm

Was mach ich mir eigentlich immer so’n Kopp um Aussprache und Sprachrhythmus und Reim? Voll Retro!

 

Baby gerade auf der Welt

17:59

Herzlich willkommen
Liebneues Menschenwesen
Mögest du ein ganzes
Leben lang
Tanzen dürfen
Den Tanz, der dich leben machte:
Den der Liebe.
Herzlich willkommen
Liebneues Menschenwesen
Mögest du ein ganzes
Leben lang
Spüren dürfen
Diese Kraft
Andere dich lieben zu machen.
Herzlich willkommen
Liebneues Menschenwesen
Mögest du ein ganzes
Leben lang
Dich freuen können, dass du lebst
So wie wir alle jetzt.

Was ich sonst nie tue: Ich clicke eine Bilderstrecke auf web.de an. Es sind Fotos vom Massaker der SS-Schergen an nahezu 34 000 Juden in einem Tal in der Ukraine. Es gibt diese Fotos, weil die SS selbst die Aktion dokumentieren wollte. Heute vor 75 Jahren. Wie ein Urlaubsphotograph hält der SS-Dokumentarist verschiedene Phasen der Szenerie  fest. Ein Bild zeigt den Boden eines breiten Grabens übersät mit Kleidungsstücken. Die Opfer mussten sie auziehen. Zwei Soldaten bücken sich hinein in die Häufchen. Als würden sie nach Wertgegenständen suchen.

SS Massaker Ukraine

Nach diesem Bild plötzlich Werbung. Schon dass sie überhaupt erscheint, macht mich zornig. Es ist wie üblich schwierig sie wieder loszuwerden. Man muss wie üblich aufpassen, dass man sie nicht gerade durchs vermeintliche Wegclicken öffnet.
Die Spitze des Zornes aber entzündet sich beim Inhalt: Werbung für Hundefutter. „Tessa Canis. Das erste Hundfutter in 100% Lebensmittelqualität.“ Sie sollen es gut haben, „unsere“ Vierbeiner.

Wie muss man sich das eigentlich vorstellen?
„Schalten Sie Ihre Werbung in unserem Portal! Bei uns erreichen Sie punktgenau Ihre Zielgruppe! Sie können verschiedene Preisklassen buchen“.
Die Bilderstrecke am Anfang des Portals ist natürlich die teuerste. Schließlich ist der Werbeeffekt hier am größten. Am allergrößten ist er, wenn dann das umworbene Produkt auch noch gut zur Bilderstrecke passt bzw. zu den potentiellen Betrachtern der Bilderstrecke. Kann man das so genau buchen? Ah, – das passt gut, – Erschießung von Juden und  Zielgruppe Hundebesitzer. Womöglich Schäferhund-Besitzer.
Oder ist das Zufall? Bitte – wer auch immer! – lass es Zufall sein! Bitte lass den Marketing-Chef von Tessa Canis nicht gewusst haben, wohinein sein Produkt platziert wird und es auch im Nachhinein nicht gesehen haben.