3-monate-segeln-in-italien

Prolog

Ewigkeiten, millimeterweise beieinander


Die Personen:

Ich
Die Liebste
Der Bruder
Der Vater
Astrid, 50, leidet an einer heimtückischen Nervenkrankheit, die ihr Stück für
Stück das Bewegen raubt
Peter, 50, ihr Mann, beide aus Holland, beide so zupackend und positiv und
lebensfreudig, dass man sich manchmal als vollständig Gesunder seines Trübsinns schämt
5 halbjunge Römer*innen, wohlhabend, gelangweilt, tätowiert, knapp bikinisiert, groß, besonnenbrillt
3 nicht mehr ganz halbjunge Damen, sonnenbadend, aktiv desinteressiert
1 halbjunge Mutter
Ihre Tochter
1 Priester, 1 Hilfspriester
3 wichtige Menschen in maritimen Uniformen, davon 1 Frau
1 wichtiger Mensch ohne Uniform
1 Photograph
1 Lautsprecher-Boxen-Träger
Mehrere Schwestern in Tracht und Gummischuhen
Fischer
Die Familien der Fischer
Eine große Marienfigur, mit einem hellblauen Kunstblumenbogen geschmückt, auf ein Fischerboot montiert


Um halb Zehn stapfen sie über den Steg. Man merkt schon von weitem an der Art, wie sie gehen, wie sehr sie sich freuen. Mit eleganten, flüssigen, gekonnten Bewegungen und Gewichtsverlagerungen bugsiert Peter den Rollstuhl von Astrid über kleine Buckel, Schläuche, vorbei an Gangways, über Stromkabel und herumliegende Taue. Für sie wird ein Traum wahr. Besonders für Astrid. Sie wird segeln. Gestern Abend haben wir alles rauf- und runterbesprochen. Wo könnte Astrid sitzen? Wie? Wie kommt sie auf’s Schiff? Wie muss das Wetter sein? Und viele Fragen mehr. Schon dabei merkte man ihr freudiges Tatenfieber. Das Wetter ist optimal. Blauer Himmel. Eine Gewitterwarnung für den Nachmittag (da können wir längst wieder zurücksein). Ein leichter Wind. Peter erzählt, Astrid habe sich den ganzen Sommer auf diesen Moment gefreut. Sie haben einen Teil Ihres Urlaubs in diese Gegend bei Ladispoli verlegt, um ihn möglich zu machen.
Sie sind beide geübt. Er zieht sie an den Armen aus dem Rollstuhl, dreht sich, sie dabei haltend, um, legt ihre Arme um seinen Hals. Sie drückt ihre Hände übereinander, schmiegt sich an ihn. In allen Bewegungen spürt man, wie genau sie wissen, was noch geht, was nicht mehr, was genau an welcher Stelle für eine Unterstützung nötig ist. Fast ist es ein Tanz. Schließlich der entscheidende Moment. Er beugt sich vor. Sie hält sich, er hält sie, sie liegt auf seinem Nacken, Rücken, er richtet sich noch einmal aus, dann der Schritt auf die Badeplattform und ins Schiff! Die Liebste hat inzwischen das speziell geformte Kissen aus dem Rollstuhl gegriffen und auf den festgelegten Platz im Schiff gelegt. Die Rückenlehne war schon vorbereitet. Peter lässt Astrid vom Rücken und auf den Sitz gleiten. Er fragt sie, wie es ist. Sie gibt noch ein paar Tipps, was man noch verbessern könnte. Dann sitzt sie und strahlt. Wir starten den Motor. Badeplattform hoch. Navigationsinstrumente an. Heckleine backbord. Ein Zeichen. Mooring und Heckleine steuerbord fallen zusammen.
Langsam gleitet das Schiff aus dem Hafen. Astrids Augen saugen genussvoll alles auf. Dann der Moment, der beim Segeln immer fast der Schönste ist. Die Segel stehen, man steuert leicht vom Wind weg, das Schiff legt sich genüsslich auf die Seite. Der Motor wird gestoppt. Stille kehrt ein. Geblähte Segel nehmen das Schiff und uns mit.
Astrid und Peter klatschen mit beiden Händen einander ab. „Gimmie ten!“ Ein Kuss. Glück. Still, freudig, unendlich.
Später machen wir Peter den Vorschlag, sich vom Schiff ziehen zu lassen. Er bekommt eine Leine um den Oberkörper gebunden, die zusätzlich noch eine Halteschlaufe hat. Wir klappen die Badeplattform wieder runter. Er steht da. Er ist ein Junge. Am liebsten würde er jetzt mit einem Schrei und der fettesten Arschbombe aller Zeiten vom Schiff springen. Den Spaß versage ich ihm. Ich weiß, dass trotz der Langsamkeit der Moment, in dem das Sicherungsseil sich strafft und man tatsächlich vom Schiff gezogen wird, ziemlich ‚mächtig‘ ist. Er juchzt und quiekt und platscht und prustet. Glück, laut, freudig, unendlich.

Peter lässt sich von der Yacht ziehen

Der ganze strahlende Morgen liegt wie ein mehrdimensionales Tiefenfoto in ihren Augen. Und wird dort bleiben. Bei der Liebsten auch. Und bei ihr noch ein bisschen Stolz dazu. Schließlich hat sie das Ganze mit ihrem euphorischen Zupacken ordentlich angeschoben. Bei mir auch. Ich sehe es von innen.
Wieder zurück im Hafen, sitzt Astrid mit uns am Klapptisch im Cockpit und wir nehmen zusammen einen Imbiss, reden, philosophieren, albern herum. Mein Handy klingelt.
Es ist mein Bruder. Ein Anruf von ihm am frühen Nachmittag. Ich weiß, was jetzt kommt, nehme das Handy, steige vom Schiff, nehme den Anruf an. Mit brechender Stimme sagt mein Bruder, dass unser Vater vor einer Stunde gestorben ist. Mehr schafft er nicht.
Ich stehe noch einen Moment am Kopfende des Steges. Ein kleines Stück von einer Plastiktüte treibt vorbei. Großdunkles tieftaubes Schweigen.
Ich gehe zurück zum Schiff, stammle die Nachricht an die Liebste weiter. Ihre innige Umarmung, die Blicke von Astrid und Peter, die so gerne helfen würden und wissen, dass sie nicht können, Ihre Hände, die schweigend meine fassen, … für einen Moment kriecht ein Weinen in mir hoch. Ein wildes Tier. Als ich es bemerke, scheut es zurück. Als hätte etwas eine gefährlich hohe Dosis Schmerz in mich injiziert. Ich weiß es, aber ich spüre die Wirkung nicht.
Vielleicht kommen sie sich ein wenig schlecht vor in dem Moment, aber zugleich wissen Astrid und Peter und wir, dass es richtig ist: Sie gehen und lassen uns allein. Und ich bin auch dafür ihnen dankbar.
Beim Abschied sehe ich diesen Blick von Astrid. Noch immer das Glück des Erlebnisses darin und gleichzeitig ihr Bei-Leid. Ich nehme sie in den Arm und möchte sie gar nicht mehr loslassen. Dasselbe bei Peter.
Dann machen die Liebste und ich uns auf den Weg. Noch auf dem Steg sehe ich ein schönes altes Holz-Segelboot.

Altes Segelboot

Dies, denke ich, wäre doch schön für seine letzte Reise. Und sehe es schon im Dunst dahintreiben.
Wir wissen, dass wir jetzt laufen müssen. Schweigen. Reden. Wahrscheinlich zögerlich. Hilflos. Schweigen. Wieder reden. Und bewegen. Bewegen hilft dem Gemüt sich zu regen. Wir wollen am Meer entlang zu einer Reihe von Badehäuschen, die wir vom Schiff aus gesehen haben und die uns, um sie zu sehen, fast hätten übersehen lassen, dass hier untiefes Wasser ist. Am Meer entlang … das denkt sich leicht. Wird dann aber schwer. Nach einem kleinen öffentlichen schwarzsandigen Strand scheint es vorbei damit. Ehemals schicke, jetzt schon auch verwitterte Häuser drängen sich bis zum Wasser.

Häuser am Meer

Sie stammen wohl aus der Zeit, als dieser Ort ein Hotspot für die Schönen und Reichen war. Lange her. Fünfziger Jahre. 20. Jahrhundert. Sie stehen dicht an dicht aneinander. Schmeißen sich ans Gestade heran. Lassen keinen durch. Wollen auch den letzten Streifen Ufer für sich. An einigen Stellen müssen wir durchs Wasser waten. Dann wieder ein Stück Felsen. Dann ein Stück verlassene Terrasse. Auf einer dieser Terrassen am Wasser spielt ein Mädchen. Ihre Mutter kommt dazu. Wir fragen sie, ob man hier irgendwo auch wieder hoch kommt. Eigentlich hoffen wir, dass sie uns anbietet, die Treppe zu nutzen, die es in ihrem Haus ja geben muss. Das tut sie nicht. Aber sie erklärt uns, wo wir einen Aufgang finden. Es ist noch ein Stück. Da, wo wir ihn nach dieser Erklärung vermutet hatten, ist er aber nicht. Stattdessen wieder eine Felsenterasse. Darauf drei Frauen. Sie sitzen nah beieinander, reden kaum, streichen sich selbst über die Beine. Sie sehen uns und versuchen so intensiv uns zu ignorieren, dass deutlich wird, wie unerhört sie finden, dass wir überhaupt hier sind. Auch sie fragen wir, bekommen aber nur ein kaum hörbares an die eigenen Zehen gerichtetes „Wissen wir nicht“. Wir sind Eindringlinge in einer von ihnen besessenen Welt. Denken sie. Denke ich. Wieder müssen wir waten, wieder kommt eine schmale Felsenterasse. Wir hören eine Stimme. Schauen uns suchend um. Ach so, sie kommt von oben. Dort beugt ein gesichtsverspiegelter Jüngling seinen Kopf herunter, besitzergreifend die Hände auf das steinerne Geländer gestützt und fragt, was wir wollen. Vier weitere Köpfe und mehrere tätowierte Arme und Schultern erscheinen. Diesmal ist es nicht mühsam aufgebautes Desinteresse, sondern arrogant amüsiertes Verscheuchen der armen Irren, die nicht wissen, dass sie hier nicht sein dürfen. Geraunzte Bemerkungen zueinander, Kichern. Zu uns sagen sie auf unsere Frage „Doppo“. Sie würden wohl gerne auch noch das Wasser ihr eigen nennen dürfen. Verteidigen dieses lächerliche Stückchen Felsen, obwohl sie doch ein Stockwerk höher Cocktails schlürfen.
Irgendwann finden wir tatsächlich den Aufgang. Er führt zu einer hoch gelegenen kleinen Aussichtspiazza. Gestern sind wir hier von oben gekommen und haben drei sehr junge Jugendliche aufgescheucht. Zwei davon huschten schnell in die Unsichtbarkeit. Vielleicht hatten sie gekifft. Als wir uns nach einem langen Blick übers Meer wieder abwandten, pfiff der allein zurückgebliebene Junge. Ob es den anderen beiden galt? Sie sind weg! – ?
Nach langem Stapfen, merken wir, dass ein Gewitter aufzieht. Wir verabschieden uns von den Badehäuschen, die wir nun doch nicht zu sehen bekommen und treten den Rückweg an. Inzwischen stolpern nicht mehr nur ab und zu einzelne Wörtergebilde aus uns. Manchmal sind es schon mehrere Sätze hintereinander. Gedanken, Erinnerungen, Fragen, Antwortversuche.
Wieder am Hafen angekommen, sehen wir, wie gerade zwei auf einfache Art fein gemachte Männer einen Bogen aus hellblauen Kunstblumen über eine Madonnenfigur auf das kleine Steuerstandhäuschen eines Fischerbootes montieren. Menschen nähern sich zögernd. Einige klettern zwischen die Fischernetzhaufen, die am Pier liegen, um das Boot mit der Figur fotografieren zu können. Hinten, am gegenüber liegenden Pier sitzt ein Paar. Beide rauchen. Ob sie sich dafür interessieren, was jetzt hier offensichtlich gleich kommt? Oder sind sie einfach nur aneinander interessiert? Eine Plane wird bereitgelegt. Sie soll wohl die Madonna mit den Blumen schützen, wenn es anfängt zu regnen. Und es scheint bald soweit zu sein.

Madonna-Figur auf Fischerboot

Eine Passantin erzählt, dass hier jetzt gleich eine Prozession anlässlich von Mariä Himmelfahrt sei. Kurz danach hören wir Gesang. Es ist die mehrkehlige Brabbeligkeit vom Gesang einer Gemeinde. Wir drehen uns um und sehen eine kleine Prozession einen Hang hinunter sich biegen. An der Spitze der Pfarrer. Er hält ein Mikrophon in der Hand. Neben ihm ein Helfer. Er trägt ein Holzgerüst mit Riemen auf dem Rücken, an dem rechts und links zwei megaphonige Lautsprecher befestigt sind. Die Assoziation ist: Christus trägt sein Kreuz. Daneben ein weiterer Priester. Dann zwei Männer mit weißen Marine-Uniformen, eine Frau mit einer schwarzen Uniform. Ein Mann, vielleicht Mitte 50, tritt etwas abseits. Schaut wohlgefällig lächelnd in die Runde. Richtet seine Frisur. Richtet die Revers seines Sakkos. Es ist, sagen wir: der Bürgermeister. Zwischen den Menschen in der Prozession mehrere Schwestern in grauen Trachten und Gummischuhen. Sie sind eine Mischung aus den Gummischuhen, die sogar in der feinfühligen Modewelt Italiens hipp geworden sind, die ich aber immer noch mit Gartenarbeit assoziiere, aus diesen Gesundheitsschuhen mit dicken gewölbten Abrollsohlen, die eine Zeitlang jeder trug, die oder der Rückenprobleme hatte, und Flip-Flops. Die Pfarrer, die Uniformierten, der Bürgermeister, einige einfache Leute und der Mann von der Presse, den man an seiner fulminanten Kamera erkennt, die er gerade aus einer fulminanten Kameratasche genestelt hat und jetzt mit einer fulminanten Perspektiv-Bildungs-Verdrehung in Stellung bringt. Es wird noch hier genestelt und da gerichtet. Dann legt das Boot ab. An den Stegen dahinter sieht man eilige Bewegungen. Offensichtlich wird es jetzt auch eine Boots-Prozession. Der Pfarrer spricht durch das Mikrophon. Die Gemeinde antwortet. „Madre Maria, prega per noi pescatori“. Trotz der Kinder, die abseits spielen. Trotz der sexy gestylten Touristinnen, die etwas abseits am Handy nesteln oder lauthals telefonieren. Trotz des seidigen Pop-Jazz, der aus der Bar herübertröpfelt, trotz allem stellt sich hier um uns herum wehmütige, melancholische Feierlichkeit ein. Die Bootsprozession beginnt. Das Gewitter hat dahinter eine tiefschwarze Drohgebärde aufgebaut. Woanders scheint es schon zu regnen, denn es bildet sich ein Regenbogen. Wir sehen, – schweigen, – atmen schwer. Dann stimmt der Pfarrer von dem jetzt schon etwas weiter entfernten Boot ein Lied an. Die Gemeinde stimmt in den klagenden Gesang mit ein.
Die Schleusen in uns öffnen sich. Die Injektion beginnt zu wirken. Wir schluchzen, halten uns im Arm, weinen, weinen bitterlich. Der Gesang klagt weiter. Mit uns. Für uns. Prega per noi.
Kurz danach öffnet auch der Himmel die Schleusen. Es schüttet. Scharf platschendes Regenwasser mischt sich mit dem Salz unserer Tränen.

Die Wochen 1+2

Stationen:

Portoferraio,
Elba – Porto Azurro,
Elba – Golfo della Lacona,
Elba – Bucht bei Saccheto,
Elba – Porto de Campodoro,
Korsika – Solenzara,
Korsika – Anse de Canelle,
Korsika – Anse de Pinarellu,
Korsika – Cala Canella,
Isola de Giglio – Cala Capazollo,
Giglio – Cala Spalmatoi,
Isola di Giannutri, San Stefano (Monte Argentario),
Civitavecchia

26. Juli 2018

(München)

Die technischen Gegebenheiten im Liegewagen erschließen sich nicht auf Anhieb.

28. Juli 2018

(Portoferraio, Elba)

Ein bisschen flau wird uns schon auch. Dies also wird jetzt drei Monate lang unser Zuhause sein.
Gut, dass jetzt in den ersten 2 Wochen noch Heide und Klaus dabei sein werden. Da sind wir nicht so alleine.

Erster Blick auf "unsere" Yacht

01. August 2018

(Bucht bei Saccheto, Elba)

Der Abend endet spektakulär romantisch mit einem rot aufgehenden Mond. In der Nacht wache ich auf. Das Schiff schwankt stark. Die Wand zwischen Salon und Kajüte knarzt gruselig. Ich versuche erst mich draußen hinzulegen. Das ist mir aber definitiv zu hart. Irgendwann krieche ich wieder zur Liebsten in die Kajüte und schlafe sogar ein. Beim Aufwachen finde ich die Weltformel. Und teile das traurige Schicksal aller Genies. Keine Sau interessiert sich für die Formel.

Beim Aufwachen Entdecken der Weltformel

02. August 2018

(Überfahrt von Elba nach Korsika)

Gesprochen haben wir darüber nicht. Jedenfalls erinnere ich mich nicht. Ich glaube, wir haben insgeheim erfofft, dass wir irgendwann auf unserer Fahrt einmal Delphinen begegnen. Bloß nicht zu laut aussprechen, sonst werden sie womöglich verschreckt!
Und dann sind sie plötzlich da. 8 Tiere. Sie zeigen sich zuerst nur vorsichtig, sporadisch. Und dann wird ihr Spiel mit uns immer intensiver. Erst rufen wir aufgeregt durcheinander. Stolpern übers Schiff, um unsere Foto-Apparate zu holen. Dann werden wir zunehmend still und schauen einfach nur noch gebannt dem Schauspiel zu. Fast eine Stunde bleiben sie bei uns. Dann sind sie wieder verschwunden. Unser Staunen lassen sie da.

06. August 2018

(Anse de Pinarellu, Korsika, am Morgen)

So ein Bootsluder entwickelt eine schier unglaubliche Vielfalt an Geräuschen. Was da alles klappern, quietschen, knarzen, heulen, stöhnen, klopfen, scheppern, klöpfeln, klunkern, bristeln, gluckern, glucksen, gräubeln, platschen, plätschern, klimperimpern, schlagen, zirbeln, zwirpen, zwurpen, zworpschen, britzeln, einfach einen Krach, ein Krächeln, ein Krächelchen, ein Getöse machen kann, dass es dir den Schlaf raubt, dass du dich in deiner eigenen Kajütenhitzewolke wälzt mit vom heimtückisch vermasselten Schlafeswunsch zornig verdunkeltem Gemüt.
Ein Wunder eigentlich, dass du dann doch einschläfst, kurz vor dem Morgengrauen im flachen Schlafgewässer traumwatest, durch die Deckenluke den Mast entlang zum blauen Himmel hinaufschaust und denkst: So sieht es also aus, wenn man dem Glück in den Hals guckt.

Segelyacht Blick durch Deckenluke

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06. August 2018
Korsika Lichtspiel auf Wasseroberfläche
Einfach

Einfach mal
Die Silhouette einer Küstenlandschaft
Gegen die Sonne erblinzeln
Sie dann mit sich zu-
kneifenden Augen Wunderkerzen-haft weg-
glitzern zu lassen.
Ich glaub, ich könnte jetzt
Sonnenstrahlen zählen.
Sie schießen auf die
Tanzenden Gleißflächen
Auf dem Wasser.
Oder schießen sie daraus?
Wahrscheinlich beides.

08. August 2018

Murphy’s law

Um 2:30 klingelt der Wecker. Hätte er gar nicht gemusst. Wir sind eh alle wach. Hohe Wellen mit dem entsprechenden Krach im Schiff in galliger Allianz mit der Sorge, der Anker könnte vielleicht ausbrechen und wir könnten auf die Klippen treiben, haben Schlaf unmöglich gemacht. Klaus gesteht, er habe schon um halb eins gedacht. „Scheiß auf die vereinbarte Zeit. Wir hauen einfach jetzt schon ab.“ Ich gestehe ihm dieselben Gedanken. Vorher hatte ich  doch einen verzweifelten Versuch gemacht und mich schlafen gelegt. Aber zu dem Schiffskrach hatte sich noch laute Live-Musik gesellt, die von irgendwo an Land in die Bucht hineinwehte. Korsischer Folk, schätze ich. Es klang ein bisschen hysterisch.
Gerade habe ich angefangen alles ins Ignorier-Zimmer zu verbannen, als ein Blitz die schwarze Nacht erhellt. Kurz danach an krachendes Gepolter. Oh Gott! Jetzt auch noch ein Gewitter. Ich stürze raus. Kein Gewitter. Ein Feuerwerk. Irgendetwas ganz Besonderes muss hier gefeiert werden. Imponierend die Funken regnenden Krachgemälde vor dem schwarzen Meer und dem schwarzen Himmel, – nur: Ungenießbar! Schließlich stehlen sie die letzten Reste des vor Minuten doch noch erträumten Schlafes. Nach dem Feuerwerk Fortsetzung Folk. Dann Pumm-Ts-Pumm-Ts-Pumm-Ts-Let’s-dance-the-night-away-Gewummer. Alles von weit her und doch laut, schrebbelig und nervig. Halb drei stehe ich dann gerädert tatsächlich auf, aus der Koje, – nicht aus dem Schlaf. Wir hatten beschlossen, nur einen Kaffee zu trinken und dann in die Dunkelheit hinein aufzubrechen. Die Rückkehr von Korsika zurück nach Italien zur Insel Giglio würde Zeit brauchen.
Den Versuch, Kaffee zu kochen gebe ich entnervt auf, weil bei dem Getaumel im Schiff die Koordination von Wasserkessel auf kardanisch aufgehängtem Herd, Thermoskanne, Trichter (Ja! Trichter! In dieser schicken Hochseeyacht gibt’s einen Filter und schicke metallene Warmhaltekannen, nur mit dem Haken, dass der Kaffee neben die Kanne läuft, wenn man den Filter direkt auf sie setzt), Filter, Filtertüte und Kaffepulver schlicht unmöglich ist. Außerdem hat der im Wellengang kochendes Wasser spuckende Wasserkessel kurz vor dem Pfeifen die Flamme gelöscht.
Motorölkontrolle, Kühlwasserkontrolle, Motor an, Navigationsinstrumente an, Anker lichten und ab! Denken wir. Für’s Anker Lichten brauchen wir Licht. Aber der bordeigene große 12-Volt-Scheinfwerfer löst einen Kurzschluss aus. Mit der normalen Taschenlampe schaffen wir es doch, den Anker geordnet hochzuholen und düsen ab. Als sich auf offenem Wasser dann endlich etwas Ruhe einstellt und wir vier, die wir bisher eher schweigend agiert haben, die letzten Reste verzweifelten Schlafeswunsch aus den Augen gerieben haben, machen wir einen neuen Anlauf, Kaffee zu kochen, kriegen aber die Flamme nicht an. In der angespannten und auch ein bisschen ängstlichen Was-alles-schiefgehen-könnte-Dynamik der Nacht entwickeln wir alle möglichen dramatischen Erklärungen dafür und kommen erst spät auf die richtige und eben einfache Erklärung: Gas alle! Klar! Dass auch noch die Beleuchtung des Kompasses an der zweiten Steuersäule kaputt ist, ist schon nur noch eine kleine Randnotiz. Klaus weiß gar nicht, was er zuerst reparieren soll. Klar! Den Herd! Wir brauchen im Moment nichts dringender als Kaffee. Noch immer beherrscht eher gespanntes Schweigen die Szenerie. Es ist einfach merkwürdig in die Dunkelheit hinein über’s Meer in die Große Wasser-Himmel-Schwärze zu fahren und sich nur darauf zu verlassen, dass der errechnete Kompass-Kurs uns in die richtige Richtung führt. Dann ein erster Hauch von Dämmerung. Dann ein Sonnenaufgang über dem Meer. Die Gemüter lichten sich. Das große Lächeln stellt sich wieder ein. Murphy geht schlafen. Hoffentlich tief und lange!

Und dann war da noch …
Segelboot als Aufzählungszeichen … eine Wortschöpfung. Klaus prägt den Begriff des Jahres: „Schnuggi-Tours“. In einer Bucht vor Anker schraddeln wir mit dem Schlauchboot Richtung Strand, um dort in einem Restaurant zu essen. Die beiden Ladies paddeln. Aus der Sicht des Profipaddlers Klaus vielleicht nicht 100% richtungstreu. Auf eine lustige Bemerkung dazu folgt die Replik:
Wollen wir doch mal sehen, wie ihr das macht auf dem Rückweg!
Wieso Rückweg?!? Wir haben bei Schnuggi-Tours beide Wege mit Euch als Paddlerinnen gebucht. Gekicher.

Segelboot als Aufzählungszeichen … ein schöner „Fach“begriff: „Handwarm anziehen“. Beispiel: Du drehst den Verschluss der Thermosflasche schön fest zu, damit nix ausläuft. Später willst du sie öffnen und kriegst sie nicht auf. Warum? Beim Reindrehen war Flasche warm, Schraubverschluss kalt. Schraubverschluss wird nach Reindrehen warm. Schraubverschluss dehnt sich aus. Geht nicht auf. Deshalb „handwarm anziehen“. Es ist die noch etwas feinere Variante von „nach fest kommt ab“.

Segelboot als Aufzählungszeichen … das Engagment der Liebsten bei ihren Recherchen zum Thema Schiffstoilette. Wir haben einen Fäkalientank. Soviel steht fest. Wir lassen also im Hafen nix ins Wasser laufen. Die Liebste fragt sich: Wie können wir evtl. entstehender Geruchsbelästigung wirksam entgegentreten? Sie studiert sogar Foren. Dort gibt es interessante Vorschläge, z.B. Kaffeesatz in die Toilette kippen oder Babyöl. So richtig überzeugend ist allerdings keiner. Wir beschließen, weiterhin auf Meerwasser zum Spülen und Lüften zu vertrauen. Und Verklappen auf offener See. Müssen aber natürlich regelmäßig daran denken … Die Liebste fragt sich des Weiteren: Die in die Schiffstoilette hinabgelassenen ‚Objekte‘ sind ja nun von unterschiedlicher Größe und Konsistenz. Können die u.U. die Toilette nicht verstopfen? Sie findet heraus, dass unsere Toilette sogar einen Zerkleinerer hat. Sie findet gar einen Test über Schiffstoiletten-Zerkleinerer. Hurra! Wir haben den Testsieger! Allerdings ist auch der nur bedingt zuverlässig. Die Liebste findet zu unser aller Erheiterung schöne Testbilder. Z.B. Gurkenstückchen oder Reisbällchen, die als Testobjekte dienten und praktisch unzerkleinert im Zerkleinerer steckenblieben und ihn lahm legten. Intensive Debatten darüber, ob ein Gurkenstick die übliche Konsistenz der ‚Objekte‘ wohl angemessen repräsentiere, erfreuen uns.

Segelboot als Aufzählungszeichen … die ganz neue Neuerwerbung der Liebsten extra für unsere Tour: Eine transportable, nur mit Sonnenkraft betriebene Dusche. Ein schwarzer Plastiksack, den man mit Wasser füllt und lange genug in die Sonne legt. Die Dusche soll zum ersten Mal zum Einsatz kommen. Der Plastiksack liegt in der Sonne. Klaus lässt gedankenverloren einen Blick über die Wasseroberfläche gleiten. Er belebt sich. „Ach! Guck mal! Da schwimmt genau so eine Dusche, wie du sie hast.“ Augenblicklich springt die Liebste auf. Sie wirft einen Blick auf’s Vorschiff, wo der Sack ihrer Meinung nach sicher gelegen hat. Der Sack ist weg. Die Liebste versteht in diesem Moment die physikalische Gesetzmäßigkeit der Wanderbewegung von unbefestigten Gegenständen auf dem Vorschiff bei Wellengang. Ein beherzter Sprung und eine kraftvolle Rettungsaktion sichern ihren wertvollen Besitz.

Segelboot als Aufzählungszeichen … ein schöner Ausdruck in rheinischem Tonfall, beigesteuert von Heide: „Schläischfahrt“, der sich aus den Tiefen ihrer Erinnerung an „Das Boot“ in ihre Gegenwart mogelt.

Segelboot als Aufzählungszeichen … die drei Schweizer, die nahebei am Steg mit einer Segelyacht liegen. Eher dicht die Typen. Einer von ihnen steigt irgendwann auf den Steg, nimmt sich den Schlauch und spritzt sich dann selber ab. Höhepunkt: Er zieht die Badehose vorne vom Körper weg und hält den Strahl volle Kraft ins Gemächte. Eine ganze Weile. Scheint ihm zu gefallen. Die Liebste nennt es „méthode suisse“.

Segelboot als Aufzählungszeichen … Idylle, Vergnügen, Blödsinn

Schnellimbiss auf einer Treppe

Segelboot als Aufzählungszeichen … das Studium der verschiedenen Techniken des Festhaltens. Hier auf Fotos mit den entsprechenden englischen Fachbegriffen dokumentiert.

Two point security grip

Haltegriff Segeln Two Point Security

… hier einmal eine Variante aus dem Freizeitbereich …

Two point security grip in master relax-Ausführung

(man beachte cie 180 Grad Armstellung und die hohe Auflagefläche der Arme)

Relaxen im Schlauchboot

Two point security grip mit 45-Grad-Versetzung

Haltegriff Segeln Two point security grip 45 Grad

One point side step open grip (Indian style)

Haltegriff Segeln One point side step open grip Indian style

Tender finger tap

Haltegriff Segeln tender finger tap

One hand swing out

Haltegriff Segeln One hand swing out

… hier ein eher abschreckendes Beispiel …

Haltegriff Segeln nicht nachahmenswerte two point

eigentlich auch ein two point security grip, aber in der Funktion als Steuermann ein völlig verunglückter no hand foot tap. Achtung! Nicht zur Nachahmung empfohlen. Erhebliche Sicherheitseinschränkung!

Segelboot als Aufzählungszeichen  Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke.

Küstenlinie und Himmel bei Korsika

Ankerplatz Giannutri

Giglio Hafeneinfahrt

 

 

 

Die Wochen 3 + 4

Stationen:

Civitavecchia,
Ostia (Porto turistico di Roma),
Fiumicino (Porto Romano),
Nettuno,
Isola Palmarola,
Isola Ventotene

12. August 2018

(Civitavecchia)

Natürlich wollen wir nach Rom! Und auch wieder nicht. Denn in Rom werden wir uns von Klaus und Heide verabschieden. Wir fahren mit dem Zug dorthin. Obwohl Heide und Klaus ihr Gepäck schon dabei haben, schaffen wir es noch, den Abschied auszublenden. In Rom machen wir das, was wir in großen Städten am liebsten machen. Latschen. Allerdings zuerst unfreiwillig. Wir wollen eigentlich an einer Haltestelle in einen Hop-on-hop-off-Stadttour-Bus einsteigen, um damit zum Collosseum zu fahren und von dort weiter zu spazieren. Wenn wir eine Haltestelle haben, kommt kein Bus. Wenn ein Bus kommt, stehen wir gerade nicht an der Haltestelle. So treiben wir langsam weiter und sind schließlich so nah, dass wir das Collosseum schon sehen. Gut ist dieser Weg. Diese volle Breitseite antiker Stein-Zeugnisse einer gigantischen Großmacht hätte uns womöglich so eingeschüchtert, dass wir schnell weitergegangen wären.

antikes Rom Forum Romanum

So aber nähern wir uns langsam. Nehmen auch das andere Rom wahr. Das von heute. In dem Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen, herumlungern, warten, hetzen, – was auch immer. Sie, die hier leben, relativieren die Wucht der Geschichts-Kollosse, an denen wir staunend und schwitzend entlang gehen. Auch den Trevi-Brunnen nehmen wir mit auf unserer kleinen Erkundung. D.h.: Wir vermuten, dass er es ist.

Rom menschen am Trevi-Brunnen

Sehen können wir ihn so gut wie gar nicht. Zu viele Menschen. Zu viele Andenken-Händler*innen. Zu viele Nippes-Stände. Solche Orte haben sicher die Erfindung der Selfie-Sticks gefördert. Man braucht eine Von-Oben-Perspektive um mit einer Sehenswürdigkeit zusammen ins Bild zu kommen. Kurz zuvor hatten wir in einem Nachrichtenportal gelesen, dass zwei Touristinnen sich genau hier in eine üble Schlägerei verwickelt haben, weil sie sich um einen Selfie-Standpunkt stritten. Der nächste Schritt ist schon in der Pipeline. Demnächst werden Tourist*innen durch die Stadt schwärmen und über ihnen kreist eine per Handy gesteuerte Drohne, die jederzeit bei netten Selfie-Post-Chancen zugreift. Das wird ein lustiger Flugverkehr.
Noch einmal essen wir in einem kleinen Restaurant eine Pizza. Stehen dann an der Bushaltestelle, als wollten wir noch woanders hinfahren. Fast scheint es, als würden wir erst in dem Moment, wo die Köpfe von Heide und Klaus sich noch einmal aus der Menge im Bus recken, um lächelnd zu sehen, wie wir die aus dem Restaurant mitgenommenen weißen Servietten schwenken, begreifen, was das hier ist: Abschied.
Ein bisschen ratlos schauen die Liebste und ich dem Bus hinterher. Dann ist klar: Wir schlendern weiter. Das gemütliche Treiben auf der Piazza Navona hilft uns zurück aus dem Abschied in den Urlaub.

Rom Piazza Navona Pflastermaler

Vorläufig.
Mit dem Sonnnenuntergang kommen dann Melancholie und Besorgnis. Wie wird es jetzt wohl werden auf dem Boot? All diese Verrichtungen, die wir jetzt alleine hinkriegen müssen. Anker fallen lassen, Anker lichten, Segel setzen, Segel bergen, Häfen suchen, Ankerplätze suchen, vielleicht keine finden, die Begegnungen mit Unruhe und Besorgnis bewältigen. Wir schliddern mit unseren umwölkten Gemütern auch an Missstimmungen zwischen uns entlang. Wir finden das Gleis nicht, von dem aus der letzte Zug uns nach Civitavecchia zurückbringen soll. Was, wenn wir ihn verpassen? Ein Augenbrauen-Zucken der Liebsten, als es einen Moment lang so aussieht, als hätte ich die Rückfahrkarten verschlonzt, schafft es gerade eben noch, nicht der Tropfen zu sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ein Glück, dass wir geschafft sind von dem Tag. Zu müde zum Streiten. Und zu klug. Das Schweigen ist zwar dumpf, aber doch erträglich. Schlafen hilft. Morgen werden wir uns wieder freuen.

13. August 2018

(Civitavecchia)

Große Wäsche auf der Segelyacht

Waschtag. Jetzt also alleine. Einen ganzen Tag lang eignen wir uns unser Zuhause nun wieder neu an. Bereiten uns vor auf das, was kommt. Was uns ein bisschen beunruhigt. Und worauf wir uns genauso freuen. Denn genau das wollten wir ja: Tiefe Ruhe! Den Frieden des Segelns! Und zugleich das Abenteuer dieser Art von Reise.

14. August 2018

(Santa Marinella)

Wie schön das ist! Wir haben alle Abläufe in Ruhe besprochen. Und sie klappen wunderbar. Vom Ablegen über das Segel Setzen, das Segeln bis zum Anlegen. Wir können das! Richtig gut! Und zu zweit. Nur ein kurzes Stück segeln wir, um uns heranzutasten. Und sind glücklich.

16. August 2018

(Porto Turistico di Roma, Ostia)

 

Beim Wachwerden war es plötzlich klar: Ja, ich möchte schreiben. Ab und zu. Für meinen Blog. Über unsere Reise. Mit dem Wohlgefühl eines schönen Vorsatzes schäle ich mich schon sehr früh aus der Koje. Wie immer setze ich eines dieser Doppelkegel-förmigen Kännchen auf den Gasherd, mit denen man sich im ganzen Mittelraumraum die morgendliche Kammerflimmerbrühe zubereitet, den Herd zusaut, wenn man es wieder mal zu lange auf der Flamme stehen lässt und wie üblich vergisst, beim Abzapfen den Deckel aufzumachen, so dass einige Tropfen neben die Tasse kleckern. Wenn ich vom Pinkeln komme, wird sie leicht röchelnd die Kajüte mit verlockenden Duft füllen.
Die Liebste schläft noch. Ich steige ins Cockpit. Himmlische Ruhe. Mildes Morgenlicht. Ein frischer Tag. Was man jetzt alles Tolles machen könnte. Jede Menge Möglicheiten. Z.B. den ersten Text für den Blog schreiben. Oder dieses Sudoku anpacken, auf dem ich schon so lange herumkaue. Oder das Logbuch auf den letzten Stand bringen. Oder schon mal die Wetterberichte studieren? Oder ein paar Seiten lesen? Ach, – so viele Möglichkeiten! Und doch immer wieder ein „Och, — nööö.“
Mein Blick fällt auf das Stück altes Brot, das schon seit ein paar Tagen unter der Sprayhood herumlungert. In dem Moment weiß ich, was ich mache: Fische füttern.
Gar nicht einfach, von dem brettharten Knochen Krümel in der Größe von kleinen Fischmäulern abzuknispern. Bei den ersten Versuchen rieselt erstmal nur Kleinstgefissel ins Wasser. Dann endlich ein paar kleine Krumen. Eine ganze Weile glotze ich freudig gespannt auf das Fischfutter. Dann macht sich langsam Enttäuschung breit. Kommt keiner. Enttäuscht will ich mich schon abwenden und erneut der drängenden Frage stellen, welche kulturell hochstehendere Beschäftigung jetzt folgen sollte. Da sehe ich plötzlich: Es tut sich doch was!! Und zwar viel!! Unzählige klitzekleine Fischchen, kaum größer als Mückenlarven, nuckeln an den Kleinstbröckchen herum. Das ganze Körperchen eines jeden zittert vor Aufregung. Hmmm! So leckere Häppchen! Sie sind die Babys. Kurz danach die Kinder. 4-5 cm lang. Erst nur 3 oder 4. Sie sind vorsichtiger. Ihnen geistern wahrscheinlich schon ein paar gruselige Geschichten im Kopf herum, die die Alten nicht müde werden zu erzählen. Von bösen Fallen, durch die man glaubt hindurchschwimmen zu können, und aus denen man dann doch nicht mehr herauskommt. Oder von leckeren Würmern, die einem unverhofft vor’s Maul pendeln. Und dann freut man sich und schnappt zu und beißt in etwas Spitzes, Hartes, das unfassbar weh tut im Gaumen. Und im nächsten Moment wird man schon aus dem Wasser gerissen. Die Großen erzählen gerne auch so bescheuerte Abenteuer-Geschichten. Wie sie mal ein merkwürdiges Schwimmwesen verfolgt habe, das mit einem langen spitzen Gegenstand in den Flossen auf sie gezielt habe. Und dann sei dieser Gegenstand auf sie zugeschossen und sie hätten erst im letzten Moment, … und so weiter, und so weiter. Sie würden ältere Großfische aus ihrer Familie kennen, die schwere Narben am Körper trügen von solchen Begegnungen. Nun schwammen da aber diese leckeren Häppchen, und es wurden immer mehr. Und eigentlich war doch weit und breit keine Gefahr zu sehen. Oder? Kommt, lasst uns lieber noch ein paar Kumpels holen, o.k.?!
Und so drehten die 3 oder 4 einfach erstmal wieder ab. Erneut Enttäuschung bei mir. Aber nicht lange. Da kommt eine ganze Meute Fischkinder um die Ecke. Bestimmt 15 oder so. Und das muntere Fressen geht weiter.
Kurz danach die Jugendlichen. Cool. Erstmal gucken. Bloß nicht anmerken lassen, dass man genauso grell auf die Brocken ist, wie das kleine Kröppzeug. Erstmal ranpirschen. Und dann ganz ruhig und lässig mitten dazwischen, immer in Formation. Wir sind die Gang, wir gehören zusammen. Natürlich müssen die kleinen Pissblagen zu Seite. Tun sie auch.
Eine Etage tiefer sind jetzt immer öfter die Ollen auf Streife. Als ob sie lieber mal ein Auge auf diese Halbstarken werden wollten. Machen auf Draufgänger und wenn’s drauf ankommt, schreien sie doch nach Mama und Papa. O.k., – na gut, – wenn man jetzt schon mal hier ist, kann man ja auch den einen oder anderen Happen. Supervorsichtig natürlich. Man weiß ja Bescheid. Und hat sehr schnelle Augen. Sehr schnelle Augen.
Und dann der Chef. Noch eine Etage tiefer. Bestimmt 40 cm lang. Zieht langsam unten durch. Würdigt diese leichtsinnige gefräßige Blase keines Blickes. Die wissen nichts! Nichts wissen die! Da kann man reden und machen und tun … ! Und schon ist er im Schatten unter dem Steg verschwunden. Ich werfe ihm einzelne größere Stücke hinterher. Aber er bleibt verschwunden. Nur die Brocken sind auf rätselhafte Weise immer verschwunden, wenn ich nochmal hinschaue.
Der Clou am Abend. Die Liebste und ich müssen schallend lachen. Wir schlendern nach einer kleinen Passegiata mit Eis und Absacker am Hafenbecken entlang zurück zum Schiff. Unmittelbar vor unserem taucht plötzlich eine Gruppe von den Coolen auf. Schön in Formation wie heute Morgen. Lässig. Und dann das Unglaubliche: Sie heben allesamt die Köpfchen aus dem Wasser und klappen das Maul auf und zu. Eine ganze Weile. „Alter!!!! Was‘ mit Essen??!!“ Wie diese dämlichen Kojkarpfen, die sich vom Fisch-Sein irgendwie schon komplett verabschiedet haben.

 

 

16. August 2018

(Porto Turistico di Roma, Ostia)

Fühlen, Denken, Dösen, Spinnen, Lieben, Genießen.
Das Aufwachen aus einem wundervollen Hafentag ist brutal.
Ich sitze gerade unten im `Salon`, und schreibe meine ersten Gedanken für den Blog. Die üblichen Geräusche und Bewegungen, die das Anlegen eines Nachbarschiffes macht, zwei, drei kurze Blicke auf das Wenige, das ich durch die kleinen Fenster sehen kann, – alles das sind nur unbedeutende kleine Randnotizen in meiner Wahrnehmung.
Plötzlich wird das Schiff am Heck in eine jähe Rechtsdrehung gedrückt. Noch bevor ich voller Schrecken zu Ende gedacht habe, was jetzt passieren wird, passiert es. Die Badeplattform am Heck kracht mit Schwung an einen kleinen Anbau an der Pier. Ich stürze raus. Die beiden, die auf dem Nachbarschiff herumturnen, sind genauso erschrocken wie ich. Ein endloses Durcheinander von Telefonaten mit der Charteragentur, verzweifelten Versuchen sich mit dem Schiffsführer auf Italienisch, mit seiner Frau auf Englisch zu verständigen. Auflauf von Mitarbeitern des Hafens. Erneute Telefonate. Hektisch aufgelistete Tätigkeiten, die jetzt zu tun wären und die sich in der Gemütlichkeit eines klimatisierten Büros weit weg leicht sagen, die sich aber hier bei brütender Hitze, umwoben von Wort-Findungs-Nöten, halb Verstandenem, gar nicht Verstandenem, gut Verstandenem, mit dem man aber nicht einverstanden ist, nur schwer umsetzen lassen. Beinah sind wir froh, als wir diesen ganzen Schlamassel am Abend abwimmeln können. Denn wir sind mit Kristina und Moritz verabredet, – Freunde, die genau zu dieser Zeit in Rom sind. Wir haben uns so über diese Verabredung gefreut. Wir wollen sie auf gar keinen Fall absagen. Die beiden sind genau die richtige Medizin gegen die inneren Unfallfolgen.
Erst in der Nacht lässt leider ihre Wirkung wieder nach.

Brücke zum Schiff

17. August 2018

(Porto touristico di Roma, Ostia)

Wir hatten das Unfallgeschehen für ausreichend dokumentiert und vorerst abgehakt gehalten. Wir wollten aufbrechen. Da stellt sich plötzlich heraus, dass ich mit dem Nachbarn noch zur Guardia Costiere muss, damit ein offizielles Unfall-Protokoll erstellt werden kann.
Das zieht sich so lange, dass eine längere Tour kaum noch geht. Trotzdem wollen wir weg. Und brechen auf. Die Nachbarn wundern sich. Wo wir denn hinwollten. Wir nennen den Ort um die Ecke. Und nennen auch den Grund: „Just to get away from here.“ Wenigstens verabschieden wir alle uns in Frieden voneinander.

18. August 2018

(Fiumicino, Porto Romano)

Tibermündung Fiumicino

Ein unglaublich idyllischer Blick vom Schiff aus auf die Mündung des Tiber ins Mittelmeer. Ein unglaublich schöner Hafen. Ein unglaublich schönes Bad, das die Liebste entzückt WhatsApps mit Bildern davon verschicken lässt. Ein Swimming-Pool. Eine unglaublich nette Mitarbeiterin im Hafenbüro. Hafenplatz-Nummern, die in Marmorplatten auf dem Boden gesteinmetzt sind. Ein wunderbarer Kiosk. Ein leckerer Wein. Ein romantischer Abendspazierganz. Ein verliebter Mond. Ich merke, wie verzückt die Liebste ist. Und bin es selber. Und frage sie, ob wir nicht einfach noch einen weiteren Ruhetag einlegen sollen. Die Antwort ist eine eindeutige Gegenfrage: Ein Ruhetag in der Einflugschneise?

Hafentag in der Einflugschneise

Also weiter …

20. August 2018

(Nettuno)

Man glaube nicht, wir segelten hier von Idylle zu Idylle.

Wir segeln in der Idylle …

Segeln auf dem Meer

… in den Trubel

… zwischen Rohbauskelette …

Rohbauskelett am Yachthafen

… und suchen uns da manchmal eine Idylle …

Leben auf der Piazza

… und eine Eisdiele, in der es leckeres Eis gibt.

Nettuno Eisdiele Gelateria i Nobili

Hier, – davon sind wir überzeugt bis zur nächsten tollen Eisdiele – gibt es das leckerste Eis der Welt.

Cheff Gelateria i Nobili Nettuno

Und er ist der Chef

23. August 2018

(Palmarola, pontinische Inseln)

Wir haben uns in das nächste Abenteuer getraut. Zum ersten Mal ankern wir alleine. Obwohl alles vorzüglich klappt, bleibt tief in uns Unruhe. Ob der Anker hält? In der Nacht schrecken wir auf. Ein heftiger Ruck, begleitet von einem Knall. Augenblicklich sind wir draußen. Mitten im Dunkel. Nichts ist zu sehen, was diese Bewegung und dieses Geräusch gemacht haben könnte. Wir kriechen wieder zurück in die Kojen und taumeln durch halbwachen Halbschlaf. Am nächsten Tag beobachten wir Anker und Kette genauer und entdecken die Ursache für die ruckartigen Bewegungen und den Krach. Ab und zu bewegt sich die Kette mit dem Schiff so, dass sie sich unter einem größeren Stein verhakt. Dann kann sie bei den Schiffsbewegungen nicht mehr sehr viel nachgeben. Wenn dann eine Welle den Bug anhebt, strafft sich die Kette schnell und kracht auf die Rolle, über die sie läuft. Einfache Erklärung. Nahezu unmöglich abzustellen. Dazu ist das Gelände hier einfach zu steinig.
Immerhin: Das wahnsinnige Knarzen haben wir mit einer Monster-Schraubzwinge, die wir in San Stefano nach langem Suchen kaufen konnten, abgestellt.

26.08.2018

(Ventotene, pontinische Insel, porto vecchio)

Es gibt das also doch. Das Schlager-Italien. Wenn die Macher der Utta-Danella-Schmonzetten irgendwann die Nase voll haben von Cornwall (oder ist das Pilcher und Danella spielt in Skandinavien, ach nee, das ist Inga Lindström …), – wenn sie also die Nase voll davon haben und auf Italo schwenken: Hier müssen sie hin. Sie brauchen kein künstliches Ambiente bauen. Alles ist da.
Ein malerischer Hafen. Es sind die Überbleibsel eines römischen Galeerenhafens. Den unteren Rand der Gebäude am Hafen und der Hafenmauer zum Meer hin bilden Wände und Durchbrüche, die aus bräunlichem grauem Tuffstein geschlagen wurden. Die ursprünglich sicher mal vorhandene Rechtwinkeligkeit wurde von Wind und Regen in Jahrhunderten weichgezeichnet. Jetzt sieht man nur noch mild geschwungene Linien. An Land einige große Bögen.

Hafengebäude Ventotene

Irgendwann waren sie mal die Eingänge zu Lagerräumen. Z.B. Lederriemen für die Ruder, Ersatzschlägel für die Trommel, mit der die rudernden Sträflinge angetrieben wurden, Fesselketten, verschiedene Ausführungen von Peitschen, was man halt so braucht auf Galeeren. Jetzt sind dort hinein malerische Restaurants gebaut, an Lieblichkeit kaum zu überbieten. Du sitzt an kleinen Tischen unter dem Tuffstein-Bogen. Ein Gläschen kühler (Nein! Nicht kalter!) Weißwein. Ein Schälchen Oliven. Vor dir nur ein kleines Stückchen asphaltierter Hafenweg, wie geschaffen für die dreirädrigen kleinen Knatter-Lieferwägelchen von Kitsch-Italien. Versonnen schaust du auf die fast in Greifnähe friedlich vor sich hin dümpelnden kleinen Boote. Einmal, als wir spät noch da sitzen auf ein Glas kühlen Weißwein (Nein! Nicht kalt!) und ein Schälchen Oliven und die Belegschaft am Nachbartisch genüsslich zum Feierabend kifft, ist die Liebste erst sicher, dass wir seitlich schwojen und nicht die Boote. Dann ist sie sicher, dass die Boote im Takt der chilligen Feierabend-Mucke schwojen. Kichernd stellt sie fest, dass es bei Ihr offenbar schon reicht, wenn am Nachbartisch welche kiffen.
Am eigentlichen Hafen, der sich nach einer engen Schmalspur-Sträßchen-Kurve öffnet, ist die Pierfläche etwas größer.

Hafen in Ventotene Fischerboot

Hier steht ein richtiges Haus. Das Restaurant hat die Tische direkt vor den Booten. Die Kellner*innen tänzeln mit den Leckereien aus dem Haus, über das Sträßchen, zu den Tischen. Über dieser Hafenszenerie hat sich eine Reihe niedlicher Häuser versammelt, – allesamt verputzt in diesen Italo-Pastellfarben, die unwillkürlich gute Laune machen. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich vor dem Hintergrund des tiefblauen Himmels einfach gut machen. Sie haben genau den Verwitterungsgrad, der den Eindruck noch malerischer macht. Vor den Häusern müht sich in engen Serpentinen ein Sträßchen aufwärts, schleicht an plötzlich den unschlagbaren Blick auf’s Meer freigebenden Torbögen vorbei, wirft einen schnellen Gruß in eine schattige Bar an einer kleinen Piazzetta und erreicht schließlich die Piazza. Das eigentliche Zentrum dieser Idylle. Das Hauptgebäude eine Art Schloss, das jetzt municipio ist und zugleich museo. Rechts und links davon und gegenüber: Läden, Cafes, Restaurants. Die Piazza lebt. Morgens Menschen, die irgendwas besorgen, auf ein Schwätzchen unter Bäumen bleiben, weiterziehen, verwitterte Einkaufsbeutel oder diese noch immer unvermeidlichen dünnen Plastikbeutel schwenkend. Mittags tiefe Stille. Einige Übriggebliebene drücken sich in die letzten Reste von Schatten, biegen die Köpfe in ihre Handys, sitzen da und tupfen ab und zu die Stirn, lehnen sich an eine etwas kühlere Wand, einen Fuß an sie gewinkelt und dösen.
Abends belebt sie sich wieder. Die Menschen sind fein gemacht. Vor dem Buchladen stehen ein paar Stühle. Zwei Männer vorne reichen ein Mikrophon hin und her, stellen ein Buch vor. Auf der anderen Seite: Passegiata. Man zeigt sich, man guckt, man trifft sich, man redet. Vielleicht holt man sich zwischendurch ein Eis. Mittendrin und drumherum und davor und dahinter – einfach überall: Kinder, Bälle, alle möglichen Arten von Fahrzeugen, alle möglichen Arten von spielerischem Umgang damit. Angesagt zurzeit: Kleine, zweirädrige, blinkende Batterie-Rollgefährte. Die Coolen stehen drauf. Die noch nicht so Geübten fahren es erstmal nur im Knien. Man steuert nur mit Gleichgewichtsverlagerung. Im Hintergrund ein dauerbelagerter Kicker. Hauptsache aber: Der Ball. Fußball. Unzählige Varianten von Spiel damit. Improvisierte Tore. Im Zweifel das Eingangsportal zur Kirche. Dass hier nicht dauernd irgendwas zu Bruch geht, – ein Wunder. In allen Ecken in Gruppen stehend, sitzend, plaudernd, einfach schauend: Die Eltern. Ab und zu ein mahnender Ruf, wenn z.B. die Kleine mit dem Kinderfahrrad im kitschigsten Rosa aller Zeiten und allerlei Plastik-Schnickschnack doch etwas zu dicht an das am Rand vorbeiführende Sträßchen heraneiert. Möglich all das durch nichts anderes als, – Stühle. Ja, Stühle! Auf der Piazza stehen immer stapelweise Plastikstühle bereit. Wenn man keine Lust hat, auf den Stufen zu dem kleinen Mahnmal zu sitzen oder auf dem Rand von einem der Blumenkübel oder auf dem Bordstein, nimmt man sich einen, stellt ihn zu den anderen, bildet Kreise, Halbkreise, chaotische Haufen. Die kleinen Kickerspieler nehmen sie, um sich draufzustellen, weil sie sonst nicht an die Griffe kommen. Ab und zu braucht auch eine weiß gekleidete Piazza-Schönheit mit Gigolo im Schlepptau den Stuhl um mit ihrem süßen kleinen Schoßhündchen „Spring drauf! Na komm! Spring drauf!“ zu spielen und dann wieder runter.
Die Menschen, denen wir begegnen, könnten allesamt Protagonisten sein in der Danella-Italo-Schmonzette. Hauptfigur: Enrico. Schon beim Versuch wegen drohendem Starkwind einen Hafenplatz für zwei Tage später zu bekommen, lernt die Liebste ihn kennen. Am Telefon. Er antwortet knapp, fragt nicht nach Länge, Breite und Tiefgang unseres Schiffes und sagt einfach „vieni!“. Uns ist das nicht so richtig geheuer und deshalb ruft sie gleich nochmal an. Dieselbe karge Wörternutzung. Ob der Platz securo sei. Si, si securo. Auf dem Törn dorthin wetten wir. Die Liebste sagt, wir kommen da nicht rein. Ich denke es auch, aber wette dagegen. Sonst haben wir ja keine Wette. Kurz vor dem Hafen erneut ein Anruf. Wir gucken uns erstaunt und erleichtert an. „Ja. Kommen Sie. Ich hole sie in der Hafeneinfahrt mit dem Schlauchboot ab.“ Der erste Versuch scheitert, – einfach weil wir an der Hafeneinfahrt vorbeidampfern. Sie ist so klein, dass man sie leicht übersieht. Also zurück. Und da steht schon das Schlauchboot. Darauf breitbeinig Enrico. Er winkt. Als wir zurückwinken, dreht er mit Schwung um und gibt uns Zeichen, wie wir die Einfahrt angehen müssen. Unmittelbar nach der Einfahrt selbst drehen wir im 90-Grad-Winkel nach rechts. Enrico vorneweg. Er zeigt uns die Stelle, wo wir liegen sollen. Mit dem Bug vorneweg. Langsam tuckere ich darauf zu. Hoch angespannt. Ich erwarte ziemliches Getrickse beim Eindrehen in den „Parkplatz“. Plötzlich merke ich, wie sich das Schiff wie von Geisterhand dreht. Enrico und ein weitere Helfer in einem Schlauchboot schieben und drehen das Schiff. Haben es eigentlich übernommen. Wir machen nix mehr, außer zwei Leinen an Land zu werfen, die wiederum von zwei Helfern entgegengenommen werden. Selbst die Mooring müssen wir nicht selbst anbringen. Das macht der Mann aus dem zweiten Schlauchboot. In Windeseile ist das Schiff fest. Wir haben so gut wie nichts dazu beigetragen. Wie im Film. Dann der Höhepunkt der Szene. Einer der Männer legt eine breite und dicke Holplanke auf den Bug unseres Schiffes und auf die Pier. Eingeklemmt zwischen einem Poller auf der Pier und unserer Bugklampe.
Die zweite Film-Figur: Pietro.

Junge steuert großes Schlauchboot

Ein vielleicht 10-jähriger Junge schlurft heran. Blaue Shorts, blaues T-Shirt, blaue Flipp-Flopps. Ein ernstes und zugleich offenes Gesicht. Eine fulminante sehr dunkelbraune Lockenmähne, die er ab und zu mit einem kurzen Zucken zu Seite wirft, wenn ein Windchen sie ihm zu sehr ins Gesicht gewirbelt hat. Er erklärt uns irgendwas, was sich auf die Klampe bezieht. Auf ein Bändsel, das am Ende schlonkert. Wir verstehen nicht, was er meint. Einem der Helfer von vorhin dauert das zu lange. Er steigt auf’s Schiff und bändselt kurzerhand die Holzplanke an einer Relings-Stütze fest. Unsere Gangway steht. Der Junge schlurft von dannen.
Wir steigen ab, wollen in die Bar gegenüber, wohin Enrico uns zum Bezahlen geschickt hat: Das Schiff anmelden, bezahlen und in aller Ruhe einen Espresso nehmen.
Die nächste Hauptfigur der Danella-Italo-Schmonzette tritt auf: Marcella. Die Schwester von Enrico. Sie steht tief im Schatten der Bar an der Theke, hat Anthea auf dem Arm, ihre kleine, vielleicht ein knappes Jahr alte Tochter. Wo der Chef sei, frage ich sie, wir wollten den Liegeplatz bezahlen. Direkt der erste Fettnapf. Die Chefin der Bar ist sie. Sie wirft ein paar Haare aus dem Gesicht, lächelt überlegen und sagt, wir müssten bei Enrico bezahlen. Der sei dahinten. Dabei geht sie an uns vorbei zum Eingang, biegt den Kopf heraus, damit er bloß nicht zuviel Sonne abkriegt und ruft mit entschiedener Schärfe und einem Hauch von Gianna-Nannini-Kratzen: Enrico! Und gibt ihm mit Daumen und Zeigefinger zu verstehen, dass hier Geld fließen soll. Ich sehe ihre Geste, schaue ihr ins Gesicht. Ob sie sich ein wenig ertappt fühlt? Sie schaut mich stolz an. Ein leichtes Zucken der Augenbraue. Ein Hauch von Ironie. Das alles sagt: „Ja was??!!“ Geht doch um Geld, oder??!! Also!!“.
Enrico gibt uns zu verstehen, dass wir genauso gut beim Abfahren bezahlen können. In allen anderen Häfen war das Anmelden und Bezahlen ein Verwaltungsakt, der fast der Beantragung eines neuen Personalausweises gleichkam. Da mussten die Schiffspapiere studiert, Namen buchstabiert, Herkunftshäfen genannt, Schiffsdaten genannt, die Registrierungsnummer gesucht werden. Letzteres gar nicht so einfach. Die Schiffspapiere enthalten unzählige sehr wichtig aussehende Nummen. Das alles muss dann mit zwei Fingern, in denen offenbar noch die Erinnerung an alte Schreibmaschinen steckt, in ein Computerformular einhämmert werden. Hier: Lässig. Keine Formulare. Bezahlen beim Abfahren. Begleitet von der dazugehörigen locker hingewunkenen Geste.
Wir bestellen Espresso, Aqua, Torta und sammeln weiter Protagonisten: Vicenze. Wirkt eher nicht wie ein Kellner, eher wie ein noch nicht ganz ausgeschlafener Intellektueller. Er bringt etwas staksig und künstlich unsere Bestellung. Anschließend verdrückt er sich wieder in den Schatten und schiebt den Kopf so tief in sein Handy, dass man merkt, wie sehr er sich freut, wenn eher wenig Gäste kommen. Während wir uns über Kaffee, Wasser und Kuchen hermachen, stehen Marcella und Anthea in unserer Nähe. Die Liebste bricht das Eis. Sie fragt die Mutter, ob die kleine schone anfange zu sprechen. Es folgt ein lebendiger Vortrag. Ja zuerst „Papa“, leider, schon ein bisschen traurig. Man möchte ja … aber dann doch irgendwann Mama. So schön! Sie macht es ein paarmal vor, wie die Kleine Mama sagt. Jede Variante ein kleines Lied. Die Melodie hüpft so hoch beim a, dass man unwillkürlich mit abhebt.
Dann Giosi. Eine füllige junge Nachbarin, deren Brille aufs Netteste ihren jeweiligen Gesichtsausdruck verstärkt, weil er mit viel Gesichtsbewegung verbunden ist. Sie springt fast aus dem Gesicht, als sie auf Anthea zugeht. Sie nimmt Anthea auf den Arm. Anthea gefällt das offensichtlich, denn sie lässt sich bereitwillig in den Kinderwagen setzen. Danach drehen die beiden eine Runde. Nicht weit weg. Denn man hört Giosi immer wieder mal singen. Dass Enrico die Hauptfigur in diesem Szenario ist, merkt man auch daran, dass immer mal wieder einer von irgendwoher, meist von einem Boot aus lustvoll „Enrico“ ruft. Mit freudigem Schwung hüpft der Klang zum i hinauf und schwingt dann beim o sanft aus.
Es folgt: Giro. Er ist hier der Macher. Er war beim Anlegen dabei, räumt herumliegende Schläuche auf, frickelt an einem Außenborder, hat plötzlich gelbe Handschuhe an, erklärt einem Vorbeigehenden, dass er neuerdings öfter Handschuhe anziehe wegen der Allergie (jedenfalls verstehen wir das so …). Auf dem Höhepunkt seiner wichtigen Hafentätigkeiten schnurrt er plötzlich mit einem hoffnungslos überdimensionierten Gabelstapler vorbei. Der passt so gerade zwischen Bar und Restauranttischen durch. Damit bugsiert er einen Stapel Paletten und eine Riesenplastikkiste aus einem der Lagerräume unter den Tuffstein-Bögen. Dann die namenlose Schönheit, die allein im Kaffee sitzt. Schlank und kerzengerade. Sie ist in nicht besonders viel dezentes Schwarz gekleidet. Ernst. Melancholisch. Schweigsam. Pietro dreht inzwischen unablässig Runden mit Enricos großem Schlauchboot. Er steht am Steuerstand, über den er kaum hinwegblicken kann. Also guckt er eher seitlich vorbei. Die Hand muss er heben, um an den Schalt- und Gashebel zu kommen. Mit der anderen Hand lenkt er den dicken Außenborder lässig. Er ist stolz. Und er kann dieses Boot bewegen wie ein Baggerfahrer seinen Bagger nach 20 Jahren Berufserfahrung. Oft muss er andere Hafenjungs irgendwohin fahren, wo sie vom Boot aus irgendwas zu erledigen haben. Einer von ihnen scheint so eine Art Ziehvater von Pietro zu sein. Er ist fast immer bei ihm. Erklärt. Zeigt. Macht vor. Lässt nachmachen. Er redet nie. Scheint es. Und er ist im wahrsten Sinne des Wortes: Cool. Er spielt das nicht. Er tut nicht so. Er hat nicht ein paar nichtsnutzige Assecoires um cool zu wirken. Nein, er ist es. Genetisch. Vegetativ. Er scheißt auf Freundlichkeit. Er grüßt nicht. Aber nicht aggressiv. Es ist einfach nicht wichtig. Er ist eben cool. Und die Sonnenbrille auch. Nicht weil sie RayBan ist oder irgendeine andere In-Marke. Nein. Auch das unwichtig. Die Haltung. Das Sein. Das macht cool. Nein. Nichts macht cool. Man ist es oder eben nicht.
Ach ja, – und Emilia. Sie ist die ältere Schwester von Anthea. Sie ist vielleicht 7. Sie sitzt mit zwei Freundinnen am Tisch. Alle drei wären gerne größer, denn sie haben ihre Beine irgendwie unter das andere gewinkelt, damit sie höher sitzen. Oder sie knien gleich. Mädchengeplapper. Die eine will irgendwas erzählen. Emilia hält sich theatralisch die Ohren zu und schimpft: „Non è vero. Bla bla bla. Non è vero! Bla bla bla“. So lange, bis die anderen einfach gehen. Ihr scheint das egal. Sollen sie doch. Sie ist schon jetzt ein schönes Abbild von der Mutter Marcella.
Wenn wir noch zwei Stunden sitzen hier würden, hätten wir die Figuren und ihre Episoden für die ersten zwei abendfüllenden Spielfilme zusammen.
Und einem Schmonzetten-Drehbuch-Schreibprofi würde es sicher gelingen, die deprimierende Geschichte der Knast- und Konzentrationslager-Anlage auf der kleinen Nachbarinsel ebenso unterhaltungs-verträglich in die Geschichten einzubauen wie die Zisternen, die, bevor sie dann auch zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen als Sträflings-Lager genutzt wurden, in römischer Zeit die Insel, aber vor allem eine Villa mit Wasser versorgten. Die Villa der Julia. Sie war 2 vor Christus von ihrem Vater, Kaiser Augustus, hierhin verbannt worden wegen ihres ausschweifenden zügellosen Liebeslebens.
Aber das wäre dann eine andere Danella-Schmonzette.

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke
Kinder am Kicker Piazza

Wolken über Nettuno

Ventotene Hafen Abendstimmung

Ansteuerung Nettuno

 

Die Wochen 5+6

Stationen:

Ventotene,
Casamicciola – Ischia,
Castellamare di Stabia
(Neapel – Frankfurt – Künselsau – Düsseldorf – Neapel – Castellamare di Stabia),
Capri,
Bucht bei Nerano – Südspitze Amalfi-Küste,
Amalfi,
Porto d’Arechi – Salerno

 

27. August 2018

(Ventotene – Ischia)

Ewigkeiten millimeterweise beieinander,

Teil 2

Der Kummer dem Kichern
Lässige Eleganz der verdreckten Ölhose
Spirituelle Rührung dem profanen Jetzt
Einladendes Lächeln
Der abweisenden Scheißlaune
Gelingen dem Scheitern
Zu wenig Wind zu viel Wind
Leben dem Sterben
– all dies einander
so nah
Wie die Pistazie der Mortadella.

 

27. August 2018

(Ventotene – Ischia)

Das süße Surren der Sirenen säuselt uns ein: „Bleibt doch! So Bleibt doch! Ihr sollt es gut haben. Wir schenken euch liebliche Genüsse aller Art.“
Aber wir segeln weiter.
Weil wir müssen. In ein paar Tagen startet in Neapel ein Flugzeug, das uns zur Beerdigung meines Vaters bringen soll.
Und weil wir wollen. Unsere Reise ist so. Wir werden irgendwo angespült und irgendeine nächste Welle nimmt uns wieder mit.

Also verlassen wir das Schlageritalien-Paradies Ventotene. Wir haben in den Apfel gebissen und kommen dem Rausschmiss zuvor. Die ersten der ungefähr 35 Seemeilen, die wir vor uns haben, verbringen wir eher schweigend. Ab und zu wehmütige Blicke zurück. Ventotene verklingt. Respekt vor den noch immer hohen Wellen und den ausklingenden Resten vom strammen Wind der Tage zuvor. Ab und zu wehmütige Blicke nach vorn. Wir werden meinen Vater beerdigen. Die Trauer fährt mit. Wir merken sie nicht. Nur manchmal schiebt sie sich als bedrückender Umhang um mich, erhitzt den Kopf, verengt den Hals. Fast ein Wunder, dass sie dann auch wieder geht. Bis zum nächsten Mal.
Am Abend laufen wir in Ischia ein. In uns noch die kleine quirlige Beschaulichkeit von Schlageritalien. Und jetzt plötzlich die lässige Eleganz einer mediterranen Urlaubs-Metropole. Ein Kellner, der ein bisschen vor sich hin summt, unsere Blicke bemerkt, und dann mit dem Zauber entspannter Selbstironie über sich selber lacht. Der ein Gespräch mit uns anfängt. Auf Deutsch. Und uns mit geschliffenen Formulierungen erklärt, er habe eine Hotelfachschule in der Schweiz besucht und dort einige Jahre gearbeitet. Noch während ich ihm zuhöre, springen manchmal Bilder von Enrico und Pietro und Marcella in meinen Sinn, lachen und huschen wieder weg. Jetzt, – so sagt der Kellner, beginne eine schöne Zeit. Alles werde etwas ruhiger. Der Trubel gehe und der Sommer bleibe noch.
Ab und zu schreitet kleinschrittig ein mittelalter Mann vorbei. Er ist leicht nach vorn gebückt. Murmelt vor sich hin. Hat einen Gesichtsausdruck, den man nicht deuten kann. Ein bisschen unheimlich. Als könnte jederzeit ein kleiner Gewaltausbruch kommen. Er tritt mehrmals sehr nah an unseren Tisch. Scheint uns anzusehen, aber dann auch wieder nicht. Dann kündet sein Blick eher von einem schieren Schweben in anderen Welten als der unsrigen. Die Kellner hier kennen ihn. Einer wechselt ein paar Worte mit ihm. Auf eine mild respektvolle Art. Der Mann ist einfach dabei. Wir entspannen uns. Die lässige Eleganz nimmt ihn mit.
Wir wollen einen Tag bleiben und fragen den Kellner, der zum Kassieren kommt, was er uns zur Besichtigung empfehlen würde an diesem einen Tag. Er überlegt nicht. Die Aragoner-Burg über Ischia-Stadt. Sie müsse man gesehen haben. Wir kämen von dort hinten mit dem Bus dahin. Lässige ausladende Geste zum „Dort Hinten“. Das italienische „Dort hinten“ erfordert noch mindestens 3 Nachfragen bei Anderen.
So viel Kontakt wie möglich.

28. August 2018

(Ischia)

Wir schlafen uns aus. Und wie! Das mehr als sanfte Plätschern einer großen, gut geschützten Marina schickt uns Schlaf in einer Menge, wie es bisher selten war auf unserer Tour. Manchmal beginne ich schon den Aufstieg aus den Kellergewölben des Schlafes. Dann, meine ich, könnte ich die Sirenen hören, wie sie leise hinter uns her meckern. Und kehre augenblicklich um ins Gewölbe.
Auf dem Weg zur Burg begegnen wir der lässigen Eleganz wieder.

Ischia Kai Stadtmitte

Doch sobald wir den steinernen Zeugen vieler Zeiten – die Aragoner-Burg, die uns der Kellner empfohlen hatte – zum ersten Mal gesehen haben, tritt die Eleganz zurück. Macht Platz für die Magie eines besonderen Ortes.

Ischia Aragoner Burg Ansicht von der Stadt aus

Wir gehen zu dem Aufzug, der uns in das Burggelände bringen soll. Die Türen schieben sich auf und eine junge Frau, die ihrem, sagen wir: Durchaus bedingt interessierten Freund aus dem Reiseführer vorgelesen hat, stoppt ihren Vortrag. Er war auf Deutsch. Wir bitten sie weiterzulesen. Sie freut sich und liest weiter. Auch draußen noch vor dem Aufzug. Sie hat soviel Vergnügen daran, dass sie gar nicht aufhören mag. Es ist so schön das zu sehen, dass wir auch keine Anstrengungen unternehmen, uns aus der Situation zu stehlen. Ihr, wie sagten wir?: Freund steht dabei. Er hat große Ähnlichkeit mit Peter Lohmeyer. Sein längliches Gesicht könnte Langeweile zu bedeuten haben. Könnte aber auch sein, dass er einfach vergessen hat, seinen Gesichtsausdruck seinem inneren Interesse angepasst zu haben. Schließlich trennen sich unsere Wege dann doch. Sie sollen sich noch ein paarmal kreuzen. Dann jedes Mal sehen wir einander verändert. In unseren Gesichtern ein stilles, respektvolles Staunen. Immer weniger Worte. Und die immer leiser. Niemand von uns möchte all die Geschichten verschrecken, die uns hier umwehen. Und die uns ein wenig mit ihnen mitwehen lassen. Hier haben Menschen gelebt, gelitten, geliebt, gekämpft, gebetet, haben es umsonst getan, sind erhört worden, haben Geist und Seele hinterlassen. Und wir dürfen es spüren. Auch die Liebste und ich reden kaum. Wir dürfen frei in dieser verlassenen Burg-Stadt herumlaufen. Wir finden herrschaftliche Orte,

Ischia Aragoner Burg Herrschaftliches Gebäude

stille Gassen aus grobem Kopfsteinpflaster,

Ischia Aragoner-Burg Kopfsteinplaster

Kapellen,

Ischia Aragoner Burg Kapelle

kleine Gemächer, Gärten, Gärtchen. Selbst das Cafe, in dem wir unseren Aufenthalt hier beginnen, atmet berührte Heiligkeit. Was erzählt die Taube von alten Zeiten, altem Glück, altem Leiden? Ich mag eigentlich Tauben eher nicht, aber dieser hier möchte ich unbedingt zuhören.

Ischia Aragoner Burg Taube auf Cafe-Dach

Wir steigen hinab in dunkle Gewölbe. Unten umfängt uns heiliges Weinen. Nimmt uns mit. Noch tiefer hinein in die Spiritualität dieses Ortes. An Felswände sind steinerne Sitzplätze mit Armlehnen gebaut. Stühle wie Skulpturen vom Steinmetz. Die Nonnen, die einst in den Gemächern oben lebten, setzten hier hinein Ihre Toten. Dort saßen sie bis nur noch Knochen von ihnen übrig waren. Abend für Abend kamen die Lebenden zu ihnen. Saßen bei ihnen. Meditierten über den Tod. Vielleicht weinten sie. Vielleicht schluchzten sie. Vielleicht weinten sie still mit ertrinkenden Augen, so wie wir jetzt. Gerade wollen die Tränen sich doch ausschütten, stürmt Lärm die Treppen hier herein. Eine scherzende, lachende, plappernde Gruppe älterer Italiener*innen poltert herab. Wenn ich drüber nachgedacht hätte, hätte ich mich das nie getraut. So aber gehe ich ihnen entgegen. Sage mit energischer Leisheit: „Signori! Per favore!“ und drücke den Zeigefinger gegen die Lippen. Sie hauchen einen kurzen Blick um sich herum, verstehen, – … und verstummen. Jedenfalls kurz. Dann kichern sie leise und reden zischelnd. Meine feuchten Augen lächeln: Immerhin ein Versuch von Respekt. Vielleicht haben ja auch die Nonnen, die hier meditierten, manchmal gezischelt und leise gekichert. Manche von denen, die da leblos wie lebend saßen, waren sicher auch lustige Zeitgenossinnen.
Wir wissen nicht, wie viele Stunden wir hier schon meandern. Jedenfalls mehr als wir Worte wechselten. Ein falscher Vergleich, natürlich. Und doch stimmt er. Langsam lösen wir uns wieder heraus aus diesem Gefilde. Wie ein Salzkorn, das auf einem Stück Holz vom Meer erzählt.
Immer wieder fangen wir an von dem zu erzählen, was wir da gerade erlebt haben. Und sind froh, dass wir am Abend in „unserem“ Cafe jenem Kellner danken können für seinen schönen Rat. Wir wissen nicht, wie, aber dass: In dem verwirrten Mann, der auch heute wieder da ist, lebt etwas von da oben.

29. August 2018

(Castellammare di Stabia)

Als wir uns in den frühen Morgenstunden wieder auf den Weg machen, schauen wir erst wieder mehr zurück als nach vorn. Der Morgendunst hat die Aragoner-Burg auf Ischia, die wir gestern erleben durften, sanft eingehüllt, als wolle er sie vor dem scharfkantigen Tun des hellichten Tages schützen. Fast bin ich froh, dass ich schreibe und Fotos mache. Sonst könnte dieses Heiligtum sich womöglich selbst aus profaner Erinnerung tilgen, um sich zu schützen.
Je mehr die Burg sich im Hintergrund versteckt, um so klarer werden die Konturen von Castellammare di Stabia. Und umso klarer wird, dass wir uns dem Gegenentwurf zur Idylle nähern, aus der wir kommen. Große Gebäude, Werfthallen, Kräne, dichte Bebauung. Aus 5 Meilen Entfernung noch beeindruckend. Mit jeder Meile, die wir näher kommen, sehen wir deutlicher: marode Melancholie. Offenbar segeln wir gerade in die Città von der traurigen Gestalt. Dass es irgendwie passend ist, dass hier unser Schiff vier Tage liegen wird, wenn wir zur Beerdigung meines Vaters aufbrechen, – diesen Gedanken haben wir und finden ihn kitschig. Umgekehrt romantisch. Eigentlich Blödsinn. Aber er stimmt ja doch auch.
Der Mann, der uns am Steg empfängt und einweist, passt zu dieser Melancholie. Auf schöne Art. Er ist ernst. Schweigsam. Sucht Blickkontakt mit einem Hauch von Lächeln. Er ist vielleicht 50-55 Jahre alt. Sein Gesicht erzählt von Schmerz, aus dem er aufgetaucht ist. Sein Hund, der wie ein treuer Stegbegleiter ihm folgt, hat ihm bestimmt dabei geholfen.
Wir zwei traurige Gestalten durchstreifen diese Stadt ein wenig. Diese Art von Bewegen kennen wir nicht. Es ist kein Besichtigen, kein Schlendern, kein Flanieren. Es ist ein hilflos schwimmendes Treiben. Wie zwei alte Stücke Holz in brackigem Hafenwasser mal hier, mal da hin schwappen. Vor die Reste eines Festmachers an einem verrosteten Ring und von da wieder zurückgeschubst. Diese Stadt hat es nicht verdient, besichtigt zu werden. Sie hat Besseres verdient. Respektvolle Begegnungsversuche. Vorsichtiges Betrachten der Narben. Noch vorsichtigeres Betrachten der Stellen, die noch davor sind Narben zu sein. Große, rissige Löcher im Putz der Basilika.

Castellammare die stabia Basilika

Castellammare di Stabia Basiklika Heiligenfigur

Castellammare di Stabia Basilika Leuchter

Außen und innen.

 

Castellammare di Stabia alte Landungsbrücke

Hohläugige Reste alter Landungsbrücken. Boote, die die Seele schon verkauft haben und mutlos in alten Seilen hängen. Straßenbahnschienen, die im Asphalt enden und zu nichts dienen, als von Zeiten zu erzählen, in denen man hierhin wollte. Zierlose Kübel, in denen selbst das Unkraut vertrocknet ist. Große Wohnhäuser mit Balkongittern aus Rost, in denen sich das leise Wimmern der noch verbliebenen Putzreste mischt mit Kinderkichern, Radioschrebbeln, Prontorufen, Platzlachern, Lustschimpfen. In der verfallenden Basilika zünden wir zwei Kerzen an. Das heißt hier: Wir legen einen kleinen Kippschalter um und zwei schräg dahinter liegende Birnen auf Stümpfen im Kerzenlook glimmen auf.
Mir fällt eine Szene aus Nettuno wieder ein. Noch recht früh am Morgen saßen wir im Cockpit. Dann ein Motorengeräusch. Wir drehten uns um. Eine xhundert-PS-Schwanzverlängerung mit aggressiv vorgestrecktem Bug bubberte gerade frisch geputzt aus dem Hafen. Am Steuerrad ein Rolex-Glatzkopf, leicht vorgebeugt. Nestelte am Handy. Wahrscheinlich wollte er vor der Arbeit noch mal schnell raus, – `ne Runde Meer ficken. Kurz nach ihm in umgekehrter Richtung: Ein Fischer kehrte heim von der Arbeit. Er stand auf seinem kleinen Kutter, trug noch die alte verdreckte Ölhose, die ihm bis zur Brust reicht und die ihn wie immer davor geschützt hatte, beim Einholen der Netze klatschnass zu werden. Genau auf unserer Höhe drehte er sich zur Kirche, bekreuzigte sich und drehte sich wieder zurück. Wir winkten ihm mit kleiner Bewegung. Er winkte zurück.

Castellammare di Stabia herumliegende Gegenstände

Wir wollen beim Herumstreifen auch nach einem Supermarkt gucken. Wir sehen keinen. Also wollen wir fragen. Aber selbst das ist schwierig. Kaum jemand ist zu sehen. Dann doch eine Dame, die ihren Hund ausführt. Ja, sie kenne einen Supermarkt, nicht sehr weit weg, bezweifle aber, dass er jetzt schon auf sei. Es ist 5 Uhr nachmittags. Aha, die Grenze zwischen Mediterranien und Mezzogiorno verläuft also irgendwo zwischen Ischia und Castellammare di Stabia. Immerhin erfahren wir den Namen des Hundes: Maccenuto. Die Dame spricht ihn häufiger an. Als wäre er Teil unserer Konversationsrunde.
Wir trudeln in eine Bar. Sie ist schmucklos, kühl, sachlich. Längs durch den schmalen Raum hindurch eine Theke. Am Anfang ein Zigarettenregal, dann die Kaffeemaschine. Dahinter rechts der sinnlos vor sich hin dudelnde Fernseher. Eine Vitrine mit drei heimatlosen Cornetti. Ein Stückchen weiter ein offenes Hinterzimmer mit Spielautomaten, Daddelkisten, die regelmäßig kleine Lockmelodien in die Bar kullern lassen. Suchtbude. Der Espresso-Mann ein smarter, schick frisierter, bodygebildeter, muss noch erwähnt werden: tätowierter? Mann. Seine Bewegungen haben lustvollen Schwung. Jede Geste Teil eines Tanzes. Wie der Ellenbogen ausschwingt, wenn der Arm den Kaffeepulver-Träger am Griff über einen Widerstand hinweg zum Einrasten bringt. Wie die Finger zielsicher zum Stapel der schweren Tässchen schwirren und eine von ihnen unter den doppelläufigen Ausfluss fliegen lassen. Der Espressotango des Kaffeemachers scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein zu der maladen Stadt. Am Abend aber, als die Menschen ins bunt beleuchtete Dunkel mit buntem Glimmer-Zuckerguss schwirren, essen, plappern, lachen, verstehen wir: Der Espressotango war ein kleines Vorspiel zum abends erwachenden Leben hier. Eine sterbenslebendige Stadt verschluckt zwei lächelnd ratlose Touristen von der traurigen Gestalt.
Die sich die Frage nicht mehr stellen, ob sie sich diesen Reise-Gewaltakt Flug-Leihwagen-Hotel-Beerdigung-Auto-Rückflug wirklich antun wollen. Denn die Antwort war ja schon tausendmal und überzeugt: Ja. Dass wir die Frage trotzdem immer wieder von neuem stellen, ist Angst. Und dass wir sie immer mit Ja beantworten, ist richtig. Wahrscheinlich gerade wegen der Angst.

30. August 2018

(Castellamare di Stabia – Napoli – Frankfurt – Künzelsau)

Wir brechen auf zu unserer riesenkleinen Trauerprozession.

Bordkarte Neapel

Ich glaube, ich habe das Starten eines Flugzeuges, bei dem ich immer schon überbordende Angst habe, noch nie so sehr als brachialen Gewaltakt empfunden.
Der Versuch, das, was in diesen zwei Tagen geschieht, zu beschreiben, kommt mir vor wie Blasphemie gegenüber der heiligen Wirklichkeit von Leben und Sterben. Es gibt das. Das muss reichen. Worte machen kleiner. Denke ich.

Todesanzeige

 

01. September 2018

(Künzelsau – Düsseldorf – Napoli – Castellammare di Stabia)

Als wir wieder zurück sind von der Beerdigung meines Vaters, schreibe ich nur ein paar Stichworte in mein Logbuch. Die Momente, in denen mein Weinen Anker geworfen hat, auf dass es zurückkehren könne. Und nicht in Vergessenheit gerate.
Da ist ein Pfarrer chinesischer Herkunft. Klein. Mit heller Stimme. Es ist am Anfang schwer ihn zu verstehen. Mein Vater wird zu Grabe getragen. Dies ist seine Messfeier. Und ich verstehe den Pfarrer nicht. Irritation. Dann gewöhne ich mich und verstehe. Und mag sehr, was der Pfarrer sagt. Seine kleine Rede zu Ehren meines Vaters hangelt sich entlang am Text eines Liedes von Martin Gotthard Schneider: Kommt der Tod ins Nachbarhaus. Der Pfarrer spricht überzeugt, leise, hell, wach. Ich fühle den Tod und das Leben meines Vaters wirklich gewürdigt. Das hilft meiner Trauer.
Da ist die Bitte des Pfarrers, jemand möge ihn mitnehmen zum Friedhof. Er würde den Weg nicht kennen. Diese lächelnde Offenheit. So ist das im Leben: Dass man manchmal den Weg nicht kennt. Sogar dann, wenn alle Welt glaubt, man müsste ihn kennen.
Da ist des Pfarrers Wunsch für meinen Vater: Gott möge alle Schuld von ihm nehmen und ihm den Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann. „Schuld“, „Frieden“. Diese Worte treffen mich so sehr, dass ich intuitiv weiß: Sie werden mich noch lange weiter begleiten.
Da ist das Klappern der sehr alt gewordenen Tasten der Orgel. Auch eine Art Arthrose. Das Klappern, das dem traurig schönen Choralvorspiel „Jesus bleibet meine Freude“ die Schönheit des Alterns beifügt.

Da ist die Vase unter seinem Zuhause im Columbarium. Da hinein schiebt eine jede und ein jeder eine weiße Rose in ein schönes ovales Gefäß aus silbrigem Metall.
Da ist das Gefühl von Einsamkeit inmitten eines Gebildes, das wir Familie nennen. Das mehr Wunsch ist als gelebte Wirklichkeit. Das jetzt in den vier Wochen, in denen es galt, Gerd und seine Frau auf diesem letzten Weg zu begleiten, in einem Maß gelebte Wirklichkeit war, wie man es sich kaum hätte vorstellen können. Mit einer Innigkeit und einer Wärme, die die Sehnsucht, es möge öfter so sein, noch vergrößert hat. Wie schön, dass es bei uns allen zumindest diese Sehnsucht gibt. Aus ihr kann etwas wachsen.
Auf dem Rückweg in unsere Reise sind wir zum Glück nicht allein. Tochter Katharina und ihr Bald-auch-offiziell-Mann begleiten uns. Wir alle sind ernst, geschäftig, vorfreudig.
Ich bin auch skeptisch. Wo wir die beiden jetzt hinbringen- die città von der traurigen Gestalt, – das ist nicht gerade das klassische Yacht-Urlaubs-Paradies. Im Gegenteil.
Und hat doch Charme. Wir haben ein Restaurant ausgesucht in der Nähe, wo wir am Abend essen wollen. Es hat Tische malerisch zwischen dem alten Gebäude und der Basilika. Als wir Platz nehmen, müssen Ulrike und ich lachen. Wir bekommen eine Speisekarte gereicht, die wir kennen. 3 Tage zuvor hatten wir dieselbe. Nur nicht hier, sondern in einem sehr einfachen Laden. Papiertischdecken, Plastikbecher. Klamotten auf’n Tisch. Mampfen. Fertig. Die Karte ist ein schon angegilbtes Din-A4-Blatt, doppelseitig bedruckt, in eine Prospekthülle geschoben, die Hitze und Dauergebrauch schon so labbrig gemacht haben, dass man ihr den Schutz, den sie bieten soll, nicht mehr abnimmt.
Hier ist alles edler, langsamer, gediegener. Aber das Essen offenbar dasselbe. Wir sind gespannt. Der Kellner hat eine ähnliche Ausstrahlung wie Salvatore, der uns auf dem Steg empfangen hat. Und er hat Ähnlichkeit mit Harry Dean Stanton, dem männlichen Hauptdarsteller in Paris, Texas. Beides Figuren von der traurigen Gestalt.
Wir haben gerade bestellt, da kündigt sich Unheil an. Blitze. Donner. Windstöße. Als es anfängt zu regnen, ziehen wir hastig um ins Innere. Kurz danach tobt draußen schon ein Wolkenbruch. Der Kellner beruhigt uns. Das ist schnell vorbei. Das dauert höchstens cinque minuti.
Der Liebsten fällt ein, dass die Deckenklappe in der Bugkabine ja undicht ist und sie darunter noch ihr I-Pad liegen hat. Manchmal bin ich edler Ritter und biete an zu gehen. Ich frage die Restaurant-Chefin, ob sie vielleicht einen Schirm habe. Ja, ja, sogar einen schönen großen. Im Auto. Da unten. Schon zwirpt sie das Gefährt mit der Fernbedienung auf, sicher im Trockenen stehend. Als ich das Auto durch den knöchelhohen Sturzbach, der inzwischen den Durchgang zwischen Haus und Basilika hinabschießt, und durch 10 Meter schirmloses offenes Gelände erreicht habe, bin ich schon klatschnass. Erst recht, als ich mit dem Riesending von Schirm an dem Durchgang zu unserem Steg hängenbleibe. Die undichte Bugklappe schickt tatsächlich Nässe aufs Bett und auf das i-Pad. Ich kann ein bisschen sichern. So hat es sich wenigstens gelohnt. Wieder zurück, kommt der zweite Gang. Es schüttet immer noch. Erst nach dem Dessert hört es auf. Ich sage zum Kellner, das seien aber lange 5 Minuten gewesen. Wir lachen alle mit Lust. Inzwischen sind wir mit diesem Ort tatsächlich irgendwie befreundet.
Noch bleiben wir, denn wir wollen morgen von hier aus Pompeji besuchen. Das war eine unserer ganz wenigen absoluten Festlegungen vor unserer Reise. Hier wollten wir unbedingt hin. Und von hier, von Castellammare aus sind es nur 2 Stationen mit dem Zug. Sagt Gianlucca. Es sind aber italienische 2 Stationen. Das heißt: in Wahrheit 5.

02. September 2018

(Pompeji)

Salvatore hat uns angeboten, uns zum Bahnhof zu fahren. Wir sollen einfach Bescheid sagen, wenn wir soweit sind. Er sei ja da.
Vorher möchte ich unbedingt noch einen kleinen „Altar“ fotografieren, den jemand mitten im Hafen liebevoll gestaltet hat und pflegt.

Castellammare di Stabia kleiner Altar am Yachthafen

Als ich die Kamera runter nehme, kommt Salvatore vorbei. Ganz der joviale, naive, neugierige, ein bisschen aufdringliche Tourist frage ich ihn leutselig, was es mit diesem Altar, … und möchte am liebsten abbrechen, denn sein Gesicht wird grau und leer. Meins wahrscheinlich auch. Er erklärt leise, dieser Altar sei für seinen Sohn. Der sei als kleiner Junge 1996 hier im Hafen ertrunken. Er habe gespielt, sich den Kopf gestoßen, sei bewusstlos geworden und ins Wasser gefallen. Mit allem, was ich habe zusätzlich zu den paar Brocken Italienisch, versuche ich ihm mein Mitgefühl auszudrücken. Wir sind beide verlegen. Er rettet sich damit, dass er ein paar trockene Blätter aus seinem Altar pickt. Ich stehe da …
Salvatores Angebot, uns mit seinem Auto zum Bahnhof zu bringen, wenn wir nach Pompeji aufbrechen, nehmen wir gerne an.

Castellammare di Stabia mit dem Auto durch die Stadt

Als wir alle im Auto sitzen, hat sich längst das Leben wieder breitgemacht. Er surrt die Scheibe herunter, dreht das Radio voll auf und macht dem Hafen und verschiedenen Menschen hier seine Aufwartung. Wirft Rufe zur anderen Straßenseite. Bleibt kurz stehen um ein paar Worte mit einer Person im Eingang einer Bar zu wechseln. Dreht das Radio leise, dreht es wieder laut, lässt uns am Bahnhof aussteigen und hat sich so schnell umgedreht und wieder in Fahrt gesetzt, dass es nicht möglich gewesen wäre, ihm Geld zu geben für seine Hilfe. Ich bin sicher, er hat gewusst, dass ich mich frage, ob ich das nicht eigentlich müsste und wollte es unbedingt vermeiden.

Ob es die Vorstellung ist, dass diese Stadt mitten aus dem Leben heraus vom Vesuv brutal auf „Stop“ gestellt wurde und wir nun sie ansehen, als wäre es gerade passiert? Oder ist es die Tatsache, dass so Vieles so gut erhalten ist, dass man hier wirklich städtisches Leben vor 2000 Jahren fühlen kann? In allen Facetten.

Pompeji Steinblöcke auf der Straße

Z.B. „Straßenverkehr“. Ich höre geradezu das Rumpeln der Holzräder auf diesem Pflaster. Wir rätseln lange, was diese Erhöhungen in dem Straßenpflaster sollen. Sie wirken wie ein steinerner Zebrastreifen. Schließlich einigen wir uns darauf, dass sie dazu dienten die Straße zu überqueren ohne sich in der Kloake, die sie ebenfalls war, die Füße zu versauen.
Z.B. kleine Läden entlang der Straßen. In manche der gut erhaltenen „Theken“ sind in Reihe und Glied Tongefäße eingelassen, von denen man nicht weiß, welche Funktion sie hatten.
Z.B. der Wellness-Tempel, die Arena, die schicke Villa am Stadtrand, die kleinen Wohnungen in Nebenstraßen, die Verwaltungsgebäude. Alles gestern noch belebt und in Gebrauch.
Uns alle nimmt dieses Gelände mit auf eine berührende Zeitreise. Na ja, nicht ganz alle. Manche treiben auch hier und da morbiden Schabernack.

Pompeji Selfie mit Schädeln

„Uns alle“ sind Hunderte von Besuchern, deren Gewimmel das Staunen manchmal etwas zerfleddert.

Pompeji Besuchermassen

Andererseits ist es schön. Uns alle verbindet offenbar etwas. Vielleicht die Ehrfurcht vor der wirklich gelebten Geschichte. Und es ist schön, weil heute der Tag ist, an dem es keinen Eintritt kostet, dieses Gelände zu besuchen. Ein Geschenk für „Uns alle“.
Bei der Rückkehr führt uns unser Fußweg wieder durch die città von der traurigen Gestalt.
Morgen wird uns der Weg wieder von ihr weg führen. Wir werden sie mit Sympathie in Erinnerung behalten, diesen Ort, von dem wir erst dachten, sein malades Dasein würde uns zusätzlich betrüben.
Jetzt dagegen erwarten wir es ganz anders. Uns erwartet italienische Postkarten-Idylle par excellence. Capri. Amalfi. Was für klangvolle Namen, die jedem winterlichen blassgesichtigen Italien-Fan in unserem Heimatland Seufzer des Entzückens entlocken.

03. September 2018

(Capri)

Entzücken, – wir kommen. Auf dem Weg nach Capri erleben Katharina und Stefan richtiges Segeln. Mit Schräglage, mit den Geräuschen von Winschen, Rollen, Tuch und Tauen. Und mit herrlichen Blicken auf die Insel, der wir uns in schon rötlich werdendem Spätnachmittags-Licht nähern.
Und dann erleben wir den umgekehrten Castellamare-Effekt. Wir freunden uns ab.

Capri überfüllte Hafeneinfahrt

Unfassbar viel Verkehr in der Hafeneinfahrt. Protzige Edelyachten, kleine Ausflugsboote, große Schnellfähren veranstalten hier einen Betrieb, der arg dem Gedränge vor dem Kirmeslokus ähnelt. Und es geht so weiter. Die Mitarbeiter im Hafen, die uns wie üblich empfangen, sind arrogant. Kein freundliches „Salve!“. Nur irgendein knurriger Laut, den man mit viel phantasievoller Menschenfreundlichkeit als Begrüßungsfloskel deuten kann. Wenn es nicht doch einfach nur ein Rülpsen war. Man steht gelangweilt mit einer unserer Heckleinen am Steg und macht sie mit einem Palstek am nächstbesten Ring fest, damit man nicht umständlich die ganze Heckleine durch den Ring ziehen und uns das Leinenpaket zurückgeben muss. Wie es sich eigentlich gehört. Man drückt noch ein paar Anweisungen unter der Spiegelsonnenbrille weg – Hafenbüro, Papier, elektronischer Stromanschluss-Schlüssel, Toiletten – und schlurft grußlos weg. Trotzdem machen wir uns mit postkartiger Vorfreude gegen Abend auf einen ersten kleinen Gang aus dem Hafen. Mitten im entspannten Hafentreiben ein paar Schritte gehen mit einem leckeren Eis in der Hand. Anschließend mit Blick auf die obligatorischen roten und grünen Leuchtfeuer in der Hafeneinfahrt einen leckeren Aperitif nehmen und die Nachfreude über einen schönen Segeltag genießen.
Nix wird draus.
Die arroganten Ormeggiatori haben uns am äußersten Ende des Hafens geparkt. Wahrscheinlich, damit wir mit unserem lächerlich kleinen, obendrein auch noch von weitem als Charteryacht erkennbaren 10m-Segelboot den Anblick der frisch geputzten mindestens doppelt so langen und längeren Angeber-Dampfbügeleisen nicht stören. Endlich aus dem Hafen raus, müssen wir feststellen, dass es Eis gar nicht mehr, einen Aperitif nur noch mit ganz viel Glück geben wird. Die Liebste wird als Gipfel der Ungemütlichkeit mit einem frechen leichten Seitaufwärtsruck des Kopfes, begleitet von einem pfeifenden Zischlaut aus einer Bar gescheucht. Wie eine Schülerin, die sich auf verbotenem Gelände befindet. Ein paar Souvenirläden sind noch auf. In der Tür schlecht gelaunte Verkäufer*innen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass sie vielleicht doch noch eine dieser lächerlichen Capri-Käppies verkaufen. Und ein klitzekleiner „Lebensmittel“-Laden, dessen Besitzer sich hinter der hohen Theke versteckt und von dort ungerührt weiter seine Lieblingsserie im Fernseher gegenüber guckt. Wir wagen es trotzdem, seinen Laden zu betreten. Eine Flasche Weißwein, zwei Flaschen Bier. Wenn wir schon in den Bars nichts mehr kriegen?! Selbst beim Bezahlen nimmt er den Blick nicht vom Fernseher. Ob er uns den Preis gesagt hat? Oder einfach nur stumm auf die Anzeige an der Kasse gedeutet hat? Ob er ein Ciao gemurmelt hat? Oder wenigstens mit dem Kopf genickt? Keine Ahnung. In die Erinnerung hineingefühlt: Nein.
Zu allem Überfluss hat sich die Liebste beim Anlegen auch noch eine Zerrung im Brustkorb geholt. Sie musste tief nach unten gebeugt über eine ins Fleisch einschneidende Reling eine halbherzig hingehaltene Mooring-Leine angeln und mit aller Kraft halten. Seitdem hat sie, – ja wie sagt man? Manche haben Ischias. Die Liebste hat Capri.
Die 4 Stunden-Chance, die das centro storico der Stadt Capri am nächsten Vormittag noch kriegt, nutzt es eigentlich auch nicht. Die Altstadt, zu der wir mit einer Zahnradbahn gelangen, an der schon am frühen Vormittag Unmengen von Tages-Tourist*innen warten, bringt uns hin. Ein großer Teil der Altstadt befindet sich in wirklich schönen, engen Gewölbegängen, die Schatten und gemütliche Geborgenheit spenden, … – würden, … – wenn man sich nicht auch hier gegenseitig auf die Füße treten würde. Wir wagen ab und zu eine kleine Flucht in einen Lebensmittelladen. Metzger. Gemüse und Früchte. Bäcker. Hier ist dann plötzlich Ruhe. Hier hört man Italienisch. Hier bieten mit Stolz Frauen und Männer die Produkte ihrer Arbeit an. Und erklären einem auf Italienisch den Weg zur Post. Denn wir brauchen noch Briefmarken. Für alte Postkarten. Nicht für welche aus Capri. Kurz: Hier war es mal sehr schön. Und wahrscheinlich ist es das auch noch. Z.B. Anfang November.
Amalfi setzt das fort: Atemberaubende Blicke vom Schiff aus. Eine wunderschöne Küste. Orte, die malerisch in die Talsenken gegossen sind, die bis zur Küste reichen. Und an die Hänge rundherum hochgetupft. Nur näher kommen darf man, scheint es, nicht. Ein schönes Stück Käse-Sahne, das am frühen Abend zu lange unbewacht auf der Terasse stand und nun von Ameisen übersät ist. Alle wollen was davon. Zurecht. Auch die, die sich sündig teure Megayachten leihen und von Heerscharen von Servicekräften fahren, putzen, polieren und auf Hochglanz halten lassen. Katharina recherchiert ein bisschen. Diese hier z.B. kostet 265 000,- €.
Pro Woche.

Amalfi-Küste edle Yacht

Stefan und ich gestehen einander, dass wir uns angesichts dieser blitzblanken Protzbolzen und der herrisch aus ihnen herausglotzenden Allesmeinstypen aggressive Gefühle bekommen. Die bei näherem Hinsehen die üble Phantasie erzählen, man sei klein und unbedeutend. Wieder einmal bewahrheitet sich Stefans Leitspruch: Wer in den Vergleich geht, geht ins Leid.

 

05. September 2018

(Amalfi)

Nach einer durchschaukelten Nacht an einer Ankerboje in einer Bucht am Anfang der Amalfiküste segeln wir weiter die Amalfi-Küste entlang. Kurz vor der Stadt Amalfi kommt wieder Wind auf. Richtig guter. Wir hatten gerade beschlossen, den schlappen Wind zu nutzen, uns ein bisschen vom Schiff durchs Wasser ziehen zu lassen. Gerade rechtzeitig geben wir den Plan dran, denn jetzt heißt es tatsächlich: Mit Schmackes segeln. Die Liebste steht am Ruder. Was wir im Golf von Neapel und auch vor und nach Capri beobachteten: Müll. Diesmal organischer. Ein dünner, aber immerhin doch: Baumstamm. Und noch einer. Denkt die Liebste. Mein Gott, da ist schon wieder einer. Aber ein richtig dicker! Ruft sie. Und erstarrt. Unmittelbar neben uns schießt dieser Baumstamm eine Fontäne in die Höhe. Gemächlich taucht er den Kopf unter, wölbt den Rücken aus dem Wasser. Zeigt kurz den Anfang einer Flunke. Taucht sie wieder weg. Schießt wieder eine Fontäne. Magisch. Unwirklich. Geheimnisvoll. Berührend. So fesselnd, dass wir erst auf die Idee kommen zu filmen, als der Wal schon wieder weiter weg ist. Wir fahren mit Schwung eine Wende, hoffend, wir könnten ihn ein bisschen begleiten. Aber er schwimmt genau gegen den Wind. Wir wollen nicht, aber wir müssen: Begreifen, dass er einfach wieder weg ist. Zum Abschied schenkt er uns beim Abtauchen noch einmal seine Flunke in ganzer Pracht.
Immer wieder von vorn erzählen wir einander, was wir ohnehin alle gesehen haben. Und können schon nach kurzer Zeit die Frage nicht mehr beantworten: War er so etwa 5 Meter lang? Oder eher 8? Oder mehr? Ist auch egal. Der Zauber ist eh nicht messbar. Wie tief er reicht, wird klar, als Katharina das Gefühl äußert, hier habe uns kurz ihr Opa einen Besuch abgestattet und einen Gruß fontänt. Ich sage „Ja“. Das heißt: Ich versuche es zu sagen. Aber mir verrutscht die Stimme. Wäre es richtig zu sagen das „Ja“ war wieder besseres Wissen? Welches Wissen? Ich habe es in diesem Moment einfach geglaubt und sie bestätigt. Wir haben Rührung geteilt und vergrößert. Wir haben Gerd innig zurückgegrüßt.
Kaum eine Viertelstunde später lacht das Leben. In Form eines Ormeggiatore. Wir haben gerade erst kurz vor dem Hafen von Amalfi über Funk unsere Ankunft gemeldet, da braust uns ein Schlauchboot  entgegen. Darauf zwei Männer. Das Schlauchboot legt sich sanft gegen unsere Bordwand, einer der beiden steigt bei Fahrt behände auf den Süllrand und schon steht er auf dem Schiff. Er lacht. Er begrüßt uns und gibt uns zu verstehen, dass er jetzt steuert. „Sit down!“ Lacher. „Relax!“ Lacher. „Enjoy. It’s kind of automatic!“ Lacher. Dabei fährt mit einem Affenzahn in eine Kleinsteinfahrt zwischen zwei Stegen. Dreht an einer etwas breiteren Stelle das Schiff mit Schwung um 1800 und fährt mit kaum verminderter Geschwindigkeit das Schiff rückwärts weiter. Und schon ist der Spuk vorbei. Das Schiff schwankt sanft perfekt festgemacht an einem Schwimmsteg. Claudio steigt vom Schiff. Und lacht noch immer. „First time Amalfi? You will like!“ Lacher.

Amalfi Ormeggiatore 1

Amalfi Ormeggiatore 2

Gut, dass wir den Touri-Race-Supergau schon in Capri bewältigt haben.

Positano Scharen von Tagestouristen

So geht er uns in Amalfi und in Positana nicht mehr so auf die Nerven. Nach Positana fahren wir die berühmte Amalfitana mit dem Bus. Jede Menge innere „Ah’s“ und „Oh’s“ und Guckmals. Und jedes Mal schwingt die Kamera hoch. Und ist schwerer als sonst. Sie weiß wahrscheinlich, dass es absolut sinnlos ist, hier fotografieren zu wollen und macht sich extra schwer.

Posotano Cafe am Stadtrand

Wir helfen uns auch hier damit, dass wir uns ganz bewusst lauschige Orte abseits vom Trubel suchen, um innezuhalten und die Sinne zu lüften.
So nah liegen die Welten beieinander: Da begegnen wir dem am besten gelaunten Ormeggiatore auf unserer Tour, liegen in einem Yachthafen, von dem wir mit 5 Minuten Fußweg ein lauschiges Städtchen erreichen, dessen Postkartencharakter am Abend, wenn der Trubel vorbei ist, sogar zu intensiven Momenten von Genuss führt.
Haben aber im Hafen keine Toiletten, keine Duschen. „I’m sorry, no.“ Lacher.

07. September 2018

(Porto d’Arechi, Salerno)

Wir segeln in eine Riesenmarina, abseits von Salerno, so abseits, dass an einen lauschigen Fußweg nicht zu denken ist. Das Gegenteil von Amalfi-Charme. Dafür perfekt organisiert und Sanitäreinrichtungen, – ja mehrere!, damit man es immer einigermaßen nah hat. Egal, wo man liegt – Sanitäreinrichtungen also, die man mit Respekt und Genuss tatsächlich „Bad“ nennen kann. Und mittendrin wieder die kleine Tristesse des Abschieds.
Morgen werden Katharina und Stefan wieder abreisen.
Der Tag ist geprägt vom Genuss des Services in einer freundlich und gut organisierten Marina und vom trägen Grau eines Wartens auf den Abschied. Von Besorgungen, die man besser hier macht, weil sie woanders vielleicht nicht gehen, aber nötig sind. Z.B. eine Gasflasche besorgen. Oder waschen.
Zum wunderbaren Service in dieser Marina gehört auch ein Shuttle-Service, der uns am Nachmittag umsonst nach Salerno bringt.
Und wieder zwei Köpfe, die aus einem sich entfernenden Gefährt, diesmal ein Zug, sich uns noch einmal entgegenzurückstrecken. Dieser kurze Moment der Ratlosigkeit nach jedem Abschied. Heute findet er das Bild der Hinterseite des letzten Wagons, dem wir irgendwie sinnlos hinterherblicken.
Der anschließende Rundgang durch Salerno zeigt uns das Gegenteil von Italo-Idylle. Eher ein kleines Napoli. Gesteigert in unserem Rückweg. Wir nehmen die letzte Bahn raus zum Hafen. An der Endstation steigen wir aus. Ein trister, auf gespenstische Art nächtlich verlassener Ort. In Sichtweise ein Fußballstadion, das wir umrunden müssen, um zum Hafen zu kommen. Verlassene Parkplätze. Überhitztes Pflaster. Überhitzter Beton. Pflanzen, die verzweifelt ums Überleben kämpfen. Hier und da einzelne Gestalten in Autos, die in dieser Szenerie vor allem wie eines wirken: Einsam. Und ein bisschen unheimlich. Wir gehen Hand in Hand dicht beieinander. Beschleunigte Schritte. Die Einkaufstasche drücke ich dicht an mich. Darin sind einige Vorräte, die wir gerade gekauft haben. Natürlich auch ein paar Scheiben italienische Mortadella.

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Ischia Aragoner Burg Katze

Segeln nach Capri Katharina am Ruder

Pompeji Handy-man im Amphitheater

Pompeji Pause im Schatten

Amalfi Auf dem Wasser

Die Wochen 7+8

Stationen:

Salerno – Porto d’Arechi,
Agropoli,
Bucht bei Ogliastro,
Palinuro,
Maratea,
Bucht bei San Nicola,
Cetraro,
Vibo Valentia – Marina

09. September 2018

(Salerno-Agropoli)

Geschenkewochen

Ein Tag wie ein Geschenk. Ein großes Paket. Man macht es auf. Findet darin viele weitere Geschenke. Man macht eins davon auf. Etwas sehr Schönes. Und noch ein hübsch verpacktes Etwas. Man macht es auf …
Am Morgen gehe ich ins Hafenbüro in Arechi, um den Hafenplatz zu bezahlen, den elektronischen Key für den Strom abzugeben, Pfand zurückzubekommen, den auf dem Key gespeicherten Stromverbrauch zu bezahlen, den Fahrradschlüssel zurückzugeben, das Pfand für das Fahrrad zurückzubekommen. Jeder dieser Akte war nach dem Ankommen hier und ist jetzt mit einem schon fast an Kabarett grenzenden Aufwand an Formularen, auszufüllenden Leerfeldern, Unterschriften und Pfandhinterlassenschaften verbunden. Stefan hatte schon vermutet, man hätte hier vor einigen Jahren intensive Fortbildungen in Deutschland genossen.
Wer jetzt aber denkt, hier im Hafenbüro wäre Stempelmief-Stimmung mit missmutigen Gesichtern und Beamtengras auf der Fensterbank, liegt falsch. Die zwei, die hier sitzen und die zwei in einem Raum hinten, sind allesamt sonnig und nett. Man macht Späße, wechselt freundliche Worte, lächelt und wickelt dabei gut gelaunt den Berg an Formularen ab. „Nome di barca?“ Lächeln. Zum x-ten Mal buchstabiere ich. „Acca, o, n, e, Ypsilon. Come miele in Inglese.“ Lächeln. „Ah, si, ricordo“, Lächeln. Der junge Mann fährt mit dem Finger über meinen Personalausweis. Er ist sich nicht sicher, welches mein Geburtsort ist. „Borken“. Lächeln. „60 anni fa“. Lächeln. Gespielte Verwunderung bei ihm: „Oh, certo?“ Ich übersetze es innerlich geschmeichelt mit „So alt sehen sie gar nicht aus.“ Ich: „Per essere esatto: 62“. Lächeln. Er: „Poco fa sessanta tre.“ Das Feld mit dem Geburtsdatum hat er schon ausgefüllt und sich das Geburtsdatum gemerkt. Er weiß, dass mein Geburtstag nicht mehr weit ist. Lächeln.
Regelmäßig schaue ich vorbei im Hafenbüro mit irgendeiner Frage. Wie läuft das mit den Waschmaschinen? Elektronischer Schlüssel, Formulare, – natürlich. Wo können wir Gas kaufen? Wo ist ein Supermarkt? Jedesmal dasselbe Spiel des schönen Lebens. Fragen, Antworten, Formulare ausfüllen, Nachfragen, nochmal Antworten, wieder ein Feld im Formular, Bitten, Ablehnen ohne „Nein“ zu sagen, oder Erfüllen mit sechsmal „si“ und sechsmal „certo“. Alles sind willkommene Gelegenheiten für Kontakt, nicht nur zielgerichtete Abwicklungsszenarien.
Heute Morgen sage ich, dass wir jetzt fahren. Wie aus einem Mund sagen beide Nein. Das gehe nicht. Wir müssten bleiben. Wir seien molto simpatico. Natürlich gebe ich das Kompliment zurück. Kontakt.
Kann ein Tag schiefgehen, an dem einem am frühen Morgen wildfremde Leute sagen, man sei molto simpatico?
Ich frage, ob es wohl nötig sei, in Agropoli – dort wollen wir hin – vorab um einen Hafenplatz zu bitten. Er verneint. Nein, zu dieser Zeit der Saison nicht mehr. Schon hat er das Handy in der Hand. Versucht einen Anruf. Gibt mir gestikulierend zu verstehen, ich solle kurz warten. Erreicht niemand. Lässt sich meine Handy-Nummer geben. Er wolle mich anrufen, wenn er die Person erreicht habe. Er kennt offensichtlich einen ormeggiatore in Agropoli.
Dann Abschied von den beiden. Ich schlurfe gut gelaunt zurück. Plötzlich höre ich hinter mir Rufe, die ich erst nicht auf mich beziehe. Dann doch. Denn ich höre „Onnie! Allo! Onnie!“ Langsam übersetzt mein Hirn. „Honey, hallo! Honey!“ So heißt doch unser Schiff. Ich drehe mich um. Der junge Mann aus dem Hafenbüro kommt auf einem viel zu kleinen Fahrrad angefahren. Seine langen Beine drohen dauernd unter den Lenker zu stoßen. Entsprechend eirig fährt er. Er erreicht mich, bleibt stehen und übergibt mir einen Zettel mit einem Namen, – Andrea – und einer Telefonnummer. Hier solle ich anrufen, wenn wir ankämen. Andrea würde am „pontile communale“ arbeiten. Da würden wir einen Platz bekommen. Er würde von der Stadtverwaltung betrieben. Dort wäre die erste Nacht umsonst. Und lächelt. Und ich auch. Wieder ein Geschenk.
Das nächste Geschenk: Ein strahlend blauer Himmel. Weiche Wärme. Sommer in Reinform.
Wir packen noch eins aus: Die Wetterberichte waren sich einig darin, uns kaum Wind anzukündigen. Wir waren schon darauf eingestellt, einen großen Teil der Strecke zu motoren. Und jetzt weht doch ein guter Wind. Und auch noch aus einer guten Richtung. Wir können tatsächlich gut segeln. Wir dürfen wieder diesen wundervollen Moment erleben, wenn man den Motor abstellt und Schiff und Seele sich leicht auf die Seite legen und sich an den Wind anlehnen.
Stundenlang ziehen an uns vorbei: Vereinzelte Fischerboote, einige Pfirsiche, Trauben, Nektarinen, Kekse, einige Wolken, die vor allem dazu da sind, mit ihren weißen Klecksen das Blau des Sommers zu betonen, tiefsinnige Gespräche, geradezu von spiritueller Intensität, – selbst einfache Sätze plustern sich in dieser wohligen Wolke schönen Daseins dazu auf, sonnen sich, ziehen sich wieder zurück und machen Platz für komplett sinnfreie Albernheiten vom Kaliber „die 10 Seemeilen machen dann den Helmut auch nicht mehr fett“, tiefsinniges Schweigen, Lächeln, hohles Glotzen, weil man irgendeinem schemenhaften Gedanken nachhängt und selbst Gesichtsmuskel-Tätigkeit komplett übertriebener Muskelaufwand wäre bei der Hitze, zärtliche Berührungen, zärtliches wieder Loslassen, sich gegenseitig besonders schöne Blicke zeigen.
Irgendwann dann auch den auf ein Dorf, das sich wie eine Haube auf einem Hügel versammelt hat.

Agropli Altstadt auf Hügel

Agropoli, unser Ziel. Eine Viertelstunde, bevor wir in den Hafen einlaufen, rufen wir die Nummer an, die wir bekommen haben. „Pronto?!“ Es ist Andrea. Er weiß schon Bescheid. Als wir in den Hafen einlaufen, steht er auf der Pier und winkt mit beiden Armen, wo wir hin sollen. Er wartet mit Seelenruhe, bis wir das Schiff vertäut haben, erklärt uns ein paar Sachen, schaltet Strom und Wasser frei, schreibt ein paar Daten aus den Schiffspapieren ab. Alles, was er dafür braucht, hat er in einem Täschchen in seinem Fahrradkorb. Es ist sozusagen das ormeggiatore-Fahrrad. Sein Kollege Marco benutzt es auch.

Agropoli Ormeggiatore Fahrrad

Am Abend essen wir in einem Restaurant im alten Teil der Stadt oben auf dem Hügel. Wir sitzen an einer Brüstung mit einer unglaublichen Aussicht über die ganze Bucht.
Dass die Pizza, die wir uns als letzten, als Hauptgang teilen wollen, als erstes kommt, die Muschel-Spaghetti, die wir uns als zweiten Gang teilen wollten, danach und während der ersten auf die Gabeln gerollten Portionen die frittierten Bällchen, die wir uns als Vorspeise teilen wollten, nehmen wir mit Humor. Auch die Tatsache, dass wir die beiden Gläser Wein erst nach dem Essen trinken. Denn das Essen war ja nicht im Geschenke-Paket.
Wohl aber die Nacht im Schutz der Madonna am Ende der Hafenmauer.

Agropoli Hafenmauer beleuchtete Madonna

 

10. September 2018

(Agropoli)

Zum ersten Mal auf dieser Reise geht es mir am Morgen richtig schlecht. Kopfschmerzen, leichter Schwindel, leichte Übelkeit, das Herz pocht den Hals hinauf, leichtes Frösteln und zugleich hitziger Kopf. Ein Zustand wie an dem Tag, als ich nach den Niereninfarkten aus dem Krankenhaus entlassen wurde und, zuhause angekommen, gleich wieder eingeliefert wurde mit einem viel, viel zu hohen Blutdruck. Ich habe Angst. Ich alter Hypochonder verlasse wie betäubt den gestern noch so festen Boden zuversichtlich sicherer Lebensfreude und steige hinab ins dunkle Schattenreich der Sorge. Erst am frühen Nachmittag steige ich wieder hinauf. Die Beruhigungsformel ist: Am Vortag zu viel Sonne und zu wenig Wasser. Sie wirkt, auch wenn ich keine Ahnung habe, ob’s stimmt.

10. September 2018

L’anarchia della vita quotidiana in Italia

(Die Anarchie des Alltagslebens in Italien)

Da gibt es eine lange Hafenmauer. Sie schützt auf’s Beste den Hafen. Sie hat ein schickes Geländer, auf dass der Hafenbedienstete, der das Leuchtfeuer am Ende der Mole warten muss, sich gut festhalten könne, wenn er sich bei schwerem Wetter auf den Weg zum Leuchtfeuer macht. Sie ist sehr, sehr, sehr lang. Niemand anders als Bedienstete darf diese Mauer betreten. Das wird durch viele, viele, viele Schilder mehr als deutlich gemacht.

Agropoli Schilder auf Hafenmauer

Es hat sogar Versuche gegeben, das Verbot durch zusätzliches Flatterband zu verstärken.

Agropoli Hafenmauer Flatterband

Selbstverständlich darf schon gar nicht der Aufgang auf die Hafenmauer benutzt werden, hinter dem ein nettes kleines Stück Strand liegt. Denn das wäre ja viel zu gefährlich.
Und genauso selbstverständlich werden diese Verbote ignoriert. Die Hafenmauer wird den ganzen Tag für diverse Aktivitäten genutzt. Besonders gerne als Sportstrecke. Abends für die passegiata.

Agropoli Hafenmauer Sport

Und natürlich wird auch der Strand benutzt.

Agropoli Strandaufgang Verbotsschilder

Mit Freuden.
Und mal ehrlich: Sieht dieses nette Schildchen im Ernst wie ein Warnschild aus?

Agropoli Warnschild Wellenschlag

 

 

11. September 2018

(Bucht bei Ogliastra)

Aeneis, 13. Buch, 1-69

Noch heute künden die Namen der Orte von den alten Geschichten:

Punta Licosa Kartenausschnitt

Kartenausschnitt Palinuro

Kartenausschnitt Maratea

Jupiter war’s in seiner unstillbaren Begierde
Näherte sich Licosa, der schönsten der Sirenen.
Als Kind der Lust gebar sie ihm die schöne
Ogliastra. Liebreizend, heimtückisch, anmutig, wild
Lebt‘ es im ganzen Wesen das Schicksal seiner Zeugung.
Jupiter wollte das Kind dem Einfluss der Mutter entzieh’n.
Doch ihr Weinen erweichte noch einmal sein göttliches Herz.
Er gewährte der Tochter entgegen der ersten Absicht
Die Nähe zur Mutter, aber entfernte sie zugleich
Von ihr, denn er erhob das wachsende Kind in den Stand
Der Götter, die über alles menschliche Sein sich erheben.
Diese jedoch erzürnten über diesen Frevel
Ihres Herrn und lehnten sich dagegen auf.
Diana, Neptun, Vulcan. Sie taten sich zusammen
Und trennten mit Sturm und Beben und anderen Gewalten
Den Wohnort der Ogliastra durch Klippen und Felsenschlunde
Vom Orte der Licosa, damit sie beide nur schwer
Noch zueinander kommen könnten. Und sie belegten
Den Wohnort der Ogliastra mit einem Bann, der besagte
Dass jeder, der diesen Ort würde jemals sehen oder
Besuchen, auf ewig verpflichtet wäre von ihm zu schweigen.
Ein Mensch, der hierhin käme, müsste sich dem Orakel
Von Palinura stellen. Nur, wenn dieses erklären
Würde, dass der Besucher für immer von diesem Orte
Schweigen würde, könne er leben. Wenn nicht, dann müsste
Ogliastra ihn eigenhändig töten, auf dass der Ort
Ein immerwährendes Geheimnis bleiben müsse
Bewohnt von der einsamsten Göttin, die je im Universum
Lebte. Dies Schicksal erlegten sie der Ogliastra
Auf als Rache an Jupiter, ihren Göttervater.
Ogliastra fügte sich willig dem Schicksal und wuchs heran
Zur einsamen Götterfrau, die, kaum gesehen
Von jedem auf ewig im Bann des Verschweigens gehalten wurde.
Licosa, die Mutter, zürnte ihrem sirenischen Wesen
Gemäß und maßlos gesteigert als gekränkte Mutter.
Einen Seefahrer nach dem anderen lockte sie mit
Vergiftetem Gesang ins Verderben. Keiner von ihnen
Überlebte. Alle starben in den Klippen
Oder sie mussten nach gescheitertem Orakel
Den einst bestimmten Weg des tödlichen Endes gehen.
Dies alles wusste Äneas nicht, der mutige Held.
Wohl aber wusste er von der tödlichen Macht der Sirenen.
Er widerstand mit eisernem Willen dem gift’gen Gesang.
Und fand ohne Schaden den Weg ins liebliche Gestade
Der Ogliastra. Sie sah ihn, sie nahm ihn auf und schickte
Wie es wohl ihre Bestimmung war, nach dem weisen Orakel.
Voll Sorge erwartete sie den Boten mit dem Urteil.
Sie hatte noch nie so sehr gehofft wie jetzt auf ein gutes.
Alles Hoffen vergebens! Auch diesmal hieß das Orakel:
Tod! Tod dem Manne, der wie noch keiner ihr Herz
Berührt und ihre Sinne belebt hatte. Sie hieß es Liebe.
Und sie wollte nur dieses eine Mal nicht folgen
Der göttlichen Fügung, dem bitteren Urteils-Spruch des Orakels.
In ihrer Verzweiflung rief sie Venus an, die Mutter
Von Äneas und auch eine Göttin, hoffend auf Milde
Und Verständnis für Liebe. Diese enttäuschte sie nicht.
Sie riet ihr ein zweites Orakel einzuholen, wie es
Bei schwerer Entscheidung schon vor ihr Männer und Frauen getan.
Nach der Priesterin Maratea solle sie schicken.
Diese sei unbestechlich und wahrhaft und voller Frieden.
Vielleicht könne deren Orakel das erste unheilvolle
Mäßigen und ein neues freundliches Urteil erwirken.
Sie aber, Ogliastra, müsse, um neuen Zorn
Der Götterbrüder zu verhindern ihren Äneas
In fester Gefangenschaft halten bis zu dem neuen Urteil.
Dies tat Ogliastra. Sie bannte Äneas auf ein Schiff
Vor der Küste. dies ließ sie von freundlichen Walen bewachen.
Jeden Abend besuchte sie ihn mit Speisen und mehr.
So harrten sie beide hoffend des neuerlichen Urteils.

(Vergil, Aeneis, 13. Buch, 1 – 69
Übersetzung: Mintar Khirgge. [Die Übersetzung ahmt den Hexamter nur insofern nach, als sie die 6-Hebigkeit einhält und mit der Mischung von Daktylen und Trochäen die im klassischen Hexameter gebräuchlichen Pausen nach bestimmten Halbversen nachahmt. Sie ergänzt den klassischen Hexamter um Auftakte und um weibliche Kadenzen. Die/der geneigte Leser*in mag selbst entscheiden, ob diese metrisch freiere Form dem Original-Werk angemessen ist. Sie/er möge dabei berücksichtigen, dass im modernen Deutsch der Rhythmus der Sprache nicht vornehmlich durch Längen und Kürzen entsteht, sondern durch Hebungen und Senkungen. Die „Eins-zu-Eins-Übertragung“ des Systems von Längen und Kürzen in das von Hebungen und Senkungen erscheint mir allzu leicht gestelzt. Deshalb habe ich diese metrisch eher freiere Übersetzung von Khirgge gewählt.])

 

12. September 2018

(Palinuro)

Freunde sind wir nicht geworden. Das Städtchen Palinuro und wir. Ich gebe zu, das Städtchen hat’s nicht leicht gehabt mit uns, – nach Agropoli und Ogliastro. Aber es hat es auch nicht versucht mit uns. Die ormeggiatori eher gelangweilt, – fast ein bisschen mürrisch. Wortkarg. Bemüht mit einem Minimum an Kontakt uns in Empfang zu nehmen, um möglichst schnell wieder zurück zu kommen ins Hangin‘around im Schatten beim Hafenbüro.
Schon beim Anlegen ist klar: Die Pier ist so hoch, dass wir nicht über unsere eigene Gangway vom Schiff kommen. Über die Badeplattform schon gar nicht. Mein Blick schweift umher. Manchmal liegen in solchen Häfen Holzplanken herum, die man als Gangway benutzen kann. Ja, die könnten wir nehmen, bedeutet uns der ormeggiatore. Ich bin gespannt, ob er es schafft sich zu bewegen und die Planke zu uns zu schieben. Wir kommen ja nicht dran und er wirkt erstmal nicht so, als wollte er sich irgendwann überhaupt nochmal bewegen. Aber dann doch: Er schlurft zwei Schritte, bückt sich und schiebt die Planke in unsere Richtung. Das Geräusch, das sie macht, als sie über das Pflaster schrappt, hört sich an, als wollte auch sie sich auf keinen Fall bewegen. Schon gar nicht auf unser Schiff. Wie es sich für eine Planke gehört, hat sie an jedem Ende durch ein Loch gezogen ein Bändsel, mit dem man sie auf Pier und Schiff fixieren kann. Diese Bändsel aber sind nur noch traurige Reste. An den Stellen, die ein langes Scheuerleben im Loch hinter sich haben, bestehen sie nur noch aus einzelnen Fasern, die bei der nächsten größeren Belastung drohen zu reißen.
O.k.. Anspruchsvolle Aufgabe. Planke installieren. Multikomplexes Geschäft. Sie muss sicher liegen. Sie darf nicht die Oberfläche des Schiffes beim Bewegen beschädigen. Sie muss auch bei hohem Wellengang oder bei großen Wasserstandsänderungen sicher liegen. Sie soll nirgendwo anstoßen, schon gar nicht dauernd, damit sie nichts beschädigt oder unseren Schlaf stört. Sie muss leicht hoch zu binden sein in der Nacht, um noch sicherer frei und geräuschlos schwingen zu können. Bei diesem traurigen Etwas von Planke ist das eine Arbeit von mehr als einer Stunde.

Menschen, die über die Pier flanieren und ungerührt neugierig in unser Boot glotzen. Ein Kellner in der Hafenkneipe, dem wir ebenfalls lästig scheinen. Wir müssen weg von diesem Hafen und nehmen einen Shuttle-Bus ins Städtchen. Der Fahrer schickt uns schon nach einer Haltestelle, die kaum 1 Kilometer entfernt ist, wieder raus. Dort – er zeigt auf ein kleines Sträßchen – gehe es zum Zentrum, er biege jetzt hier ab. Das Städtchen ist, – na eben ein Städtchen. Das Zentrum ist eine relativ neu gebaute Kirche. Der Platz davor schafft es wahrscheinlich auch am Abend nicht in den Status der Piazza. Ein lauthals streitendes Paar in einem verfallenden Haus mit unfassbar schönem Blick auf’s Meer ist schon fast ein Lichtblick. Immerhin lächeln wir. Italien!
Auch aus dem Städtchen müssen wir raus. Wir hatten ein Hinweis-Schild auf einen Weg zu einem Leuchtturm gesehen. Dem wollen wir jetzt einfach folgen. Je höher wir kommen, desto weiter weg sind wir von den Niederungen des Daseins „da unten“ und desto schöner wird es.
Bucht bei Palinuro

Palinuro Untiefe beim Hafen

Palinuro Blick auf Felsen im Wasser

Oben auf der Kuppe des Berges hinter Palinuro erreichen wir tatsächlich ein Gelände mit einem Turm. Nur der idyllische runde, am besten weiße Leuchtturm, der den Seefahrern entgegenlächelt, ist das nicht. Der Turm ist viereckig, gelblich-beige, von hohem Zaun umgeben, mit Schildern bewehrt: Zona militaria, gehörnt mit einer Unzahl Antennen. Wir drehen wieder um. Noch höher können wir nicht. Wir finden eine Stelle, an der wir mit einem sehr schönen Weg durch einen alten Pinienwald die Strecke zum Hafen abkürzen können.
Am Abend wollen wir essen gehen. Vorher einen Spaziergang machen in Richtung eines Kaps, das wir vom Schiff aus sehen können. Bestimmt gibt es da einen grandiosen Sonnenuntergang. Etwas zu spät kommen wir weg. Wir schauen den Hang hoch. Dort oben steht ein idyllischer runder weißer Leuchtturm mit einem roten Häubchen. Unmittelbar hinter einem größeren beigen mit Antennen drauf. Sonnenuntergang am Kap. Eine idiotische Idee, – angesichts der Verhältnisse. Die Zeit würde zwar passen, aber am Himmel haben sich in wilder Drohgebärde Wolkentürme versammelt. Ich meine, da oben hängt ein großes Schild: Zona Militaria! Heute kein romantischer Sonnenuntergang. Wir dackeln zurück. Inzwischen ist es so dunkel, dass wir den Weg kaum noch erkennen. Außerdem beginnt der Himmel seine Drohung wahr zu machen.
Immer öfter zerreißen grelle Blitze die Schwärze des nächtlichen Gewitterhimmels in gleißende Fetzen. Immer öfter brodelt gewaltiger Donner durch die Täler nahe dem Meer. Beides in immer kürzeren Abständen von einander.
Wir schaffen es trocken ins Restaurant. Kaum sitzen wir, öffnet sich draußen der Vorhang zu einem Drama epischer Wucht. Wie aus dem Nichts stürzen sich Windböen unter das schützende Glasdach über der Terrasse, auf der wir sitzen und sprühen dichte Nässe hinein. Ein Wolkenbruch, den man als Regen nicht bezeichnen kann. „Giorgio!!“. Der Restaurantbesucher ruft einen Mitarbeiter. Giorgio kurbelt schnell die Kunststoff-Seitenwände der Terrassenanlage herunter. Die Wände sind durchsichtig. Schließich sind wir ja Publikum eines epischen Dramas. Rechts in der Ecke kleckert wild ein Sturzbach zwischen Dach und Wand ins Innere. „Giorgio!!“. Die Kellnerin bekommt einen Reißverschluss der Seitenwand am Eingang nicht zu. „Giorgio“. Irgendwann hat Giorgio die Lage im Griff und wir können bestellen. Wir fühlen uns wie im Inneren eines Aquariums, nur dass das Wasser draußen ist. Ganz langsam gewöhnen wir uns an das wilde Theater da draußen und genießen die Vorspeise. Am Rand steht plötzlich ein Mann. Zupft, – noch unentschlossen, ein wenig an den Saiten einer Gitarre herum. Hier?? Ein rumänischer Straßenmusiker, der sich mit romantischer Musik für die Restaurant-Gäste ein paar Euro verdienen will? Wie ist der in dieses Aquarium gekommen? Dann ist er erstmal wieder weg. Beim zweiten Gang ist er wieder da. Jetzt steht er zwischen unserem und dem zweiten noch besetzten Tisch. Jetzt ist er entschlossen. Er spielt und singt ein Lied, das unsere Tischnachbarn offenbar kennen. Sie lächeln. Ab und zu blubbern ein paar Töne und Silben aus ihnen heraus wie kleine bunte Seifenblasen. Der Mann endet, nimmt unseren Beifall entgegen und erklärt etwas zu dem Lied. Wir verstehen kaum, was er sagt, aber immerhin soviel, dass wir wissen: Es geht um traditionelle neapolitanische Lieder. Kein Rumäne. Die Beiden am Nachbartisch scheinen den Mann zu kennen.
Das Drama draußen geht weiter. Irgendwann fährt einer der Blitze mitten zwischen uns: Fast gleichzeitig fällt uns ein, dass wir die kleinen Fenster an unserem Schiff noch offen haben. Das machen wir oft, wenn wir das Schiff verlassen. Aus Lüftungsgründen. Wir Idioten! Das haben wir doch in Castellamare schon erlebt! Wie schnell aus einem Gewitterchen ein infernalisches Flutungs-Szenario wird. Mir fällt zu allem Überfluss noch ein, dass meine Kamera offen unter einem dieser kleinen Seitenfenster liegt. Erster Impuls: Nichts wie hin! Retten, was zu retten ist! Zweiter Impuls: Sinnlos! Erstens ist es eh zu spät. Zweitens haben wir die mühsam aufgebaute Gangway-Konstruktion abgebaut. Bis wir die wieder so eingerichtet haben, dass wir irgendwie auf’s Schiff kommen, sind wir nicht nass bis auf die Haut, sondern bis auf die Knochen. Unsere Stoßgebete, dass es bitte, bitte nicht so schlimm sein möge, wie wir befürchten, werden begleitet von den lieblichen Klängen eines neuen neapolitanischen Liedes.
Gnädigerweise hört der Regen dann tatsächlich irgendwann auf. Wir gehen zurück. Fummeln provisorisch die Planke ans Schiff. Steigen mitten hinein in das Drama. Im Salon und in einem Teil der Schlafkabine ist vieles nass. Manches klatschnass. Die Kamera hat richtig was abgekriegt. Schweigend machen wir uns an wenigstens ein bisschen akute Schadensbegrenzung. Die Liebste die Bettwäsche, das klatschnasse Hafenhandbuch, die Schuhe und vieles mehr. Ich die Kamera. Mit Küchentuch und Messer versuche ich möglichst viel Nässe aus den Ritzen zu bekommen. Wir hoffen beide inständig, dass das Wasser nur oberflächlich geblieben und nicht wirklich eingedrungen ist.
Irgendwann gehen wir inmitten des improvisierten Trockenraumes schlafen. Schlafen ein. Werden wach. Können nicht wieder einschlafen. Scheißnacht.

Palinuro nass gewordene Gegenstände im Schiff

Polinaru und wir: Das ist keine Erfolgsgeschichte. Und sie hat einen Höhepunkt, den wir dämlicherweise auch noch selbst verschuldet haben.

16. September 2020

(Maratea)

Ob es daran liegt, dass dieser kleine Hafen mit einem Dorf drumrum und einem centro storico oben am Berg auch von einer Statue einer heiligen Figur beschützt wird?

Maratea Jesusstatue auf Berg

Maratea empfängt uns ganz anders als Palinuro und hält uns ganz anders. Vom jungen Mann, der uns als ormeggiatore empfängt bis zu der Stimmung im Hafendorf und weiter oben im centro storico. Alles ist einladend und freundlich. Selbst noch beim Abschied bekommen wir eine Zugabe. Der junge ormeggiatore nimmt zum ersten Mal seine Spiegelsonnenbrille ab und uns bleibt mal kurz die Luft weg, welch nette Augen dieser Mann hat.
Zum ersten Mal begegnen wir allerdings auch dem Herbst. Über die Badeschildkröte, die schon luft- und lustlos über’n Bootsrand hängt machen wir noch Nachsaison-Späße.

Maratea Freizeitboot Badeschildkröte

Unsere Wanderung aber hoch in den Berg zum alten Maratea endet bei 10 Grad weniger und mit dem Kauf von zwei Pullovern, weil wir naiven Sommersegler wie üblich kurzärmlig und kurzbeinig hier hoch gestapft sind.

 

17. September 2018

(Ankerbucht bei San Nicola)

Am frühen Nachmittag, als wir dieses kleine Paradies finden, sind noch ein paar unverzagte Nachsaison-Genießer*innen am Strand nahebei. Einige wagen sich sogar schwimmend oder kletternd in ‚unsere‘ Bucht. Aber am späten Nachmittag sind wir ganz allein. Glauben wir.
Ich taste mich mit dem Beiboot ans felsige Ufer heran und finde tatsächlich einen Platz, wo ich es lassen kann. Dann kraxel ich hoch. Fotografiere unser einsam daliegendes Schiff.

San Nicola Segelyacht vor Anker

Auf dem Rückweg höre ich ein merkwürdiges Surren. An einer Biegung fällt mein Blick in eine versteckte Seitenbucht. Unten sehe ich ein Paar und einen einzelnen Mann. Der Mann des Paares hilft einer Frau gerade in ein Brautkleid.San Nicola Bucht Hochzeitspaar

Der einzelne Mann steuert eine Drohne. Hier entstehen gerade die ultimativen Hochzeitsbilder. Hoffentlich.

18. September 2018

(Cetraro)

La vera Italia

Es ist so schön das zu erleben. Du steigst vom Schiff. Du schaust Dich um. Ein großer Yachthafen, in dem aber kaum noch Betrieb ist. Was uns einerseits freut, was aber andererseits auch einen Hauch von Trostlosigkeit hat. Das Hafengelände noch gepflegt und einladend. Das Drumherum ganz und gar nicht. Verfallende Gebäude. Gerümpelecken. Müll. Autowracks unter schiefen Strohmattendächern. Hier würde ich tausend und ein grandioses Foto zu meiner Serie „Was vom Leben übrigblieb“ machen können.
Kaum Menschen unterwegs.
Und als die Sonne hinter einen trüb-orangenen Grauschleier sich verdrückt hat, folgt die dazu passende Melancholie.
Trotzdem stürzen wir uns hinein in diese Welt.
Und kaum haben wir die ersten Kontakte, fühlt sich wieder alles ganz anders an. Da sitzen auf wackeligen Stühlen hinter einer schon sehr siechen Strauchhecke zwei ältere Paare vor einem Kiosk, der wirkt, als wäre er kaum mehr als eine mit Chipstüten und Zigarettenschachteln notdürftig umfunkionierte Garage. Die vier nuckeln alle an einer Bierflasche und plaudern. Wir fragen nach einem Restaurant und einem Lebensmittelladen. Die Gesichter der Vier hellen sich auf. Wort- und gestenreich beschreiben sie uns Wege. Wir verstehen zwar wie üblich nur die Hälfte, aber wir baden in der Freundlichkeit. Außerdem behält man hier eh nie die ganze Wegbeschreibung. Man fragt ja an der nächsten Ecke wieder. Fast hätten wir uns spontan dazugesetzt und auch ein Bier getrunken. Die nächste Ecke, wo wir wieder nach dem Weg fragen. Ein älterer Herr, der seinen Hund Gassi führt. Wieder wort- und gestenreiches freudiges Geplapper. Wir finden den Lebensmittelladen. Er ist eigentlich zwei Läden. Vorne ein Stoff-, Näh-, Putzmittel-, Hausarbeitsladen. Hinten ein Lebensmittelladen. Vor den Läden eine ältere und eine jüngere Frau auf einer wackeligen Holzplanke als Bank. Die Hauswand als Rückenlehne. Beide stehen auf. Bedienen uns drinnen. Wir bezahlen und hantieren noch ein bisschen mit den Taschen. Die beiden sind schon wieder draußen. Als wir gehen, verabschieden sie uns mit einem wunderbaren Lächeln.
Das Restaurant, das uns empfohlen worden war, ist uns zu weit. Wir nehmen einfach die nächstbeste Pizzeria. Sie ist leer. Ein Mann empfängt uns lächelnd. „Suchen Sie sich einen Tisch aus.“
Im weiteren Verlauf des Abends stellt sich heraus, dass er gebürtiger Engländer ist, der seit vielen Jahren in Cetraro lebt und da jetzt eine recht neue Pizzeria versucht am Laufen zu halten. Im Hintergrund läuft erst Tottenham gegen Inter und dann Liverpool gegen Paris St. Germain. Die Gäste, die später noch kommen, schauen mit. La vera Italia.

19. September 2018

(Cetraro – Vibo Valentia)

Tief einatmen

Die Liebste macht ein Nickerchen auf der Sitzfläche im Cockpit. Ich träume am Ruder so vor mich hin. Irgendwas im Augenwinkel weckt mein Interesse. Intuitiv fühle ich: Das gehört da nicht hin. Ich schaue auf und sehe einen kleinen Vogel knapp über der Wasseroberfläche vorwärtsflattern. Ach so, ja, klar, Vögelchen. Denke ich träge. Nichts Ungewöhnliches. Es braucht eine ganze Weile, bis meine dösig vor sich hin dümpelnden Synapsen die richtigen Schaltwege gefunden haben und mir signalisieren: Kleines Vögelchen flattert knapp über der Wasseroberfläche? Hier draußen? Weit vom Land entfernt! Sehr, sehr weit! Kann nicht. Ich schau nochmal hin. Leider ist das Vögelchen weg. Ich will die Synapsen schon anweisen, das Ganze einfach unter „Hirngespinst“ abzubuchen, da stieben plötzlich gleich drei Vögelchen aus dem Wasser. Ziehen flatternd 30/40 Sekunden eine schnurgerade Flugbahn übers Wasser und tauchen wieder weg. Manchmal schießen gleich 5 oder 6 gleichzeitig aus dem Wasser. Beim Übergang Wasser-Luft ziehen sie wie in geplanter Formation mehrere symmetrisch in einem leichten Winkel auseinanderstrebende getupfte Linien über die Wasseroberfläche und schießen dann in genau dieser Formation auseinander. Fliegende Fische. Ich versuche mir das vorzustellen. Sie wimmeln unter Wasser hin- und her. Haben Bock, ein bisschen über Wasser zu tauchen. Ziehen sich noch mal so eine richtige Dosis Sauerstoff aus dem Wasser, halten dann die Kiemen an und versuchen so lange wie möglich über Wasser zu bleiben. Erst, wenn es den Kiemen schon ganz, ganz eng wird, tauchen sie wieder ein und saugen prustend neuen Sauerstoff.

19. September 2018

(Vibo Valentia)

Dieser Hafen hat gute Chancen, die Challenge „Lieblingshafen“ zu gewinnen.
Nach einer sehr schönen, aber auch sehr langen Fahrt, die ganz lange unter einer leichten Gewitterdrohung stand, kommen wir in Vibo an. Wie üblich kündigen die ormeggiatori an, dass sie uns im Schlauchboot entgegen kommen. Sei nähern sich. Einer von ihnen, Michele, klettert vom Schlauchboot zu uns auf’s Schiff. Er ist überaus freundlich und zugleich überaus zurückhaltend. Zuerst erklärt er uns, wo wir hin müssen. Dann fragt er scheu, ob er jetzt das Ruder übernehmen könne. Kurz danach steuert er das Schiff mit unglaublicher Ruhe sehr, sehr langsam und aufmerksam durch enge Durchfahrten, an Mooringleinen und Yachten vorbei in eine enge Lücke. Das alles ohne ein Wort zu sagen. Und trotzdem uns freundlich zugewandt.
Was für ein Empfang. Und als wäre das nicht schon genug, taucht, als wir schon im Cockpit sitzen und uns der Frage nähern, wie der Nachmittag jetzt weitergeht, eine junge Frau mit einem Tablett auf. Darauf stehen zwei Gläser mit einer weißen Füllung und einer bräunlichen Soße drauf. Sie gibt uns zu verstehen, dass das für uns sei. Ein kleiner Willkommensgruß der „Marina Carmelo“. Crema mandorle con salsa al caramello.

Begrüßung im Hafen mit Mandelcreme

Geschenkewochen.

 

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Angela

Felsen im Meer vor San Nicola

Sonnenuntergang Maratea

Palinuro Martin

Cilento Aufgeblähtes Hauptsegel

Die Wochen 9+10

Stationen:

Vibo Valentia – Vibo Marina,
Tropea,
Taureana,
(Bagnara),
Reggio di Calabria,
Messina,
Milazzo,
Lipari – Porto Pignataro

17. September 2018

Abschied nehmen

Abschied nehmen
Kann man auch Abschied geben?
Und wenn man Abschied genommen hat
Hat man dann den Abschied?
Kann man also Abschied haben?

Seh’n wir uns morgen?
Du, sorry, ich kann nicht, ich hab Abschied.

Vielleicht kann man Abschied
Nicht nehmen
Vielleicht kommt Abschied
Und geht.
Und wenn du ihn merkst
Ist er schon viel früher gekommen
Und wenn du denkst, er sei gegangen
Bleibt er länger, als Du glaubst.

Wenn du ihn spürst, ist es
Als würdest du eine Sonnenbrille abnehmen
Erst dann weißt du
Dass schon lange dein Tag
Abgedunkelt war.

Vielleicht kann man Abschied
Zu sich nehmen wie eine Speise
Annehmen wie eine Gabe
Einnehmen wie eine Medizin.
Abschied, der schon da ist
Nehmen.

 

17. September 2018

(Maratea)

Im Rückblick kommt es mir vor, als habe die Zeit der Abschiede schon am begonnen.
Mit zwei Kleidungsstücken.
Der schicken hellblauen Italo-Sommer-Badehose, die ganz leicht transparent war, wenn sie nass war. In der ich mir so sexy vorkam. Ich habe sie wahrscheinlich beim Aufbruch in Maratea verloren. Dabei war sie, wie es sich für einen Segler gehört, mit einem fachmännischen Knoten zum Trocknen irgendwo an der Reling angebunden. Offensichtlich nicht fachmännisch genug.
Wer weiß, vielleicht nehmen die Badegelegenheiten eh ab. Auch in Italien wird es mal Herbst. Dann komm ich auch mit einer Badehose weniger aus. Oder sogar ohne.
Das zweite Kleidungsstück ist eine warme Kapuzenjacke. Nach dem Frieren oben in Maratea scheint klar: Anders als die Badehose werde ich die Jacke jetzt öfter brauchen.

21. September

(Vibo Valentia – Vibo Marina)

Dieser Abschied beginnt mit einem liebevollen Willkommen.
Wir sind ein bisschen spät dran. In ganz schicker Schreibe könnte es jetzt heißen: Wir sind schon so lange in Italien unterwegs. Unsere Lebensweise ist schon italienisch geworden. Man ist schon mal ein wenig spät dran. Meistens cinque minuti. Eine Zeitspanne zwischen 3 und 30 Minuten. So wie trecenti metri – dreihundert Meter – eine Strecke zwischen 300 m und 1,3 Kilometer ist.
Aber das wäre romantisch angeberischer Quatsch. Wir haben einfach die Dauer des Weges zum Bahnhof falsch in Erinnerung.
Als wir ankommen, sitzen Marion und Martin schon vor dem Bahnhof auf einer Bank. Martin hat die Arme nach hinten gestreckt. So kann er den Oberkörper ein bisschen nach hinten biegen. Der Sonne präsentieren. Marion liegt auf der Bank. Der Kopf auf Martins Oberschenkel. Die Beine baumeln am Ende herunter. Die Beiden haben sich diese Zeit mitten aus Alltags- und Berufs-Betriebsamkeit herausgeschält. Jede Minute Ruhen unter südlicher Sonne zählt. Martin bezeichnet es als „Vollbremsung aus voller Fahrt“.
Wir haben einander fast zu viel zu erzählen. Die Worte strudeln heraus und herum und genauso oft stauen sie sich. Am Schiff angekommen aber werden sie sparsamer. Es wird ein bisschen ernst. Abschied weht umher.

Reise mit Gipsarm

Ausgerechnet kurz vor ihrer Segelwoche mit uns hat Marion sich das linke Handgelenk gebrochen. Ausgerechnet in einem Moment heiterer vorfreudiger Ausgelassenheit. Sie darf den Arm zwar bewegen, sie darf aber auf keinen Fall bei einer plötzlichen Auffangbewegung sich mit diesem Handgelenk abstützen.
Sie will aber auf ein Segelboot. Da macht man unablässig solche Bewegungen.
Es hatte im Raum gestanden, das Segeln abzusagen. Da sie aber ohnehin den Flug nicht gecancelt hätten und so oder so hierhin nach Süditalien geflogen wären, haben wir gedacht: Warum dann nicht auch einfach gucken, was wie geht und was nicht? Und erst dann entscheiden, ob wir uns vom gemeinsamen Segeln verabschieden.
Die Entscheidung steht jetzt an. Der Reihe nach probiert Marion, probieren wir alle möglichen Gefahrenquellen aus: Den Weg über die Gangway. Sie verlangt Respekt. Sie fordert Dein Gleichgewicht heraus. Sie bewegt sich mit dem Schiff, nicht mit dir. Sie ist oft steil. Sie hat ein Gelenk in der Mitte. Sie hat kein Geländer.

Segelyacht Gangway

Vier Martinhände am Anfang und am Ende als Sicherheit helfen. Gangway geht. Jedenfalls hier bei ruhigem Wetter.
Niedergang testen. Die kleine enge Treppe nach unten ins Schiff hat auf zwei Stufen rechts und links je eine Stützstrebe, die auf die Trittfläche ragt. Man tritt aus Versehen darauf und kommt aus dem Gleichgewicht. Außerdem sind die Stufen nicht besonders tief. Mit zwei Armen, die die Griffe rechts und links nutzen können, hüpft man hier locker runter. Die Ankunft von Marion hat mich bewegt, mich selbst mal beim Runterhüpfen zu beobachten. Witzig: Ich betrete die Treppe vorwärts vom Cockpit aus, drehe mich auf der zweiten und dritten Stufe um und nehme die letzte Stufe dann rückwärts. Ohne Marion wäre mir das wahrscheinlich 3 Monate lang gar nicht aufgefallen.

Segelyacht Niedergang

Niedergang geht.
Kabine, die kleine Badkammer, die Wege im Salon, – alles geht.
Am Nachmittag fahren wir ein bisschen raus und kreuzen in der Bucht von Vibo Marina. Sehen, wie es geht, wenn das Schiff in Segel-Bewegung ist.
Auch das geht. Jedenfalls bei ruhigem Wetter.
Bei der Rückkehr bekommen Marion und Martin denselben Willkommens-„Cocktail“ wie wir: Crema mandorla con salsa al caramelle.
Willkommen und Abschied.
Auf dem Schiff muss Marion immer die Armbinde tragen, damit ausgeschlossen ist, dass sie den Arm benutzt. Während des Segelns muss sie an einem sicheren Platz sitzen bleiben. Falls wir ankern oder an eine Mooring gehen, wird sie nicht ins Dinghi gehen können. Das schwankt immer enorm, selbst bei ruhigem Wetter. D.h. sie wird auch dann das Schiff nicht verlassen können. Der Törn nach Stromboli z.B. ist damit so gut wie hinfällig, denn dort können wir nur an die Mooring. Abgesehen davon würde es mit der Rückreise für die Beiden schwierig.
Die Wetterprognose für die nächsten Tage ist gut für uns. Ruhiges Wetter. Wenig Wind. Sie gibt am Ende den Ausschlag, dass wir dabei bleiben: Wir werden zusammen segeln und freuen uns sehr.
Die Schönheit einer in Ruhe gefundenen Lösung.
Irgendjemand hatte den beiden den Rat gegeben, bloß nicht mit Menschen zu segeln, mit denen man hinterher noch befreundet sein wolle. Wir wissen nicht, was diesen Menschen zu diesem Rat bewogen hat. Wir wissen aber, dass er Blödsinn ist. Schon dieser Anfang beweist uns das.

 

22. September 2018

(Vibo Valentia Marina – Tropea)

Ein erster richtiger Törn mit Marion und Martin. Es weht ein angenehmer Wind, der uns segeln lässt. Das Meer ist ruhig. Das Handgelenk ist ungefährdet. Spaß kann sich breitmachen. Martin verabschiedet sich als erster ins Wasser. Seine „Vollbremsung aus voller Fahrt“ schüttelt er jetzt gerade prustend und rudernd und platschend ab.

Von Segelyacht durchs Meer gezogen

Von Segelyacht durchs Meer gezogen

Von Segelyacht durchs Meer gezogen

 

 

22. September 2018

(Vibo Valentia Marina – Tropea)

Träge treibende Segel-Gedanken

Hilfe und Dank, – ein kompliziertes Gemenge.
Du brauchst Hilfe, willst aber keine Hilfe brauchen müssen.
Du willst, dass die anderen sich amüsieren, aber es schmerzt, weil es dich daran erinnert, was du nicht kannst.
Du möchtest den anderen danken, aber auch zum Ausdruck bringen, dass du sie lieber nicht belasten würdest.
Du willst, dass man dir hilft, aber du willst niemandem zur Last fallen.
Dein eigener Dank erinnert dich umso mehr an deine Hilfsbedürftigkeit.
Für die, die helfen, ist es selbstverständlich zu helfen, aber manchmal auch lästig.
Das dürfen sie sich aber nicht gestatten, denn Helfen ist ja selbstverständlich.
Du freust dich über Dank, wehrst ihn aber auch ab, denn Helfen ist ja selbstverständlich.
Dank nehmen, Dank geben, – geht das auch, wenn man keine Wahl hat?
Und hat man keine?
Und was ist mit Lust und Faulheit? Mit schlechter Laune?
Wohin damit, wenn Helfen selbstverständlich ist?
Was passiert, wenn man keine Lust hat, es aber selbstverständlich ist, man sich dann rettet in „Das kann sie/er jetzt aber wirklich mal selber“, es aber nicht sagt, die/der andere es aber merkt, der Ton etwas spitzer wird, es aber nicht darf, denn es geht ja um Hilfe und um Dank und das sind liebevolle Impulse, und dann das eine oder andere Wort schon die Klinge schärft, für den Fall dass, …?
Am besten, denke ich, nimmt man das alles einfach nicht so ernst. Genießt die Sonne, das Schiff, das selige Lächeln auf all diesen Gesichtern, das Wiegen des Schiffes mit dem Wind, das sanfte Surren der Takelage, das Klackern der Winschen, die dummen Sprüche, die klugen Sprüche, die albernen Scherze, das Schweigen. Das Zeit Haben.
Am besten, man freut sich einfach ernsthaft.

22. September 2018

(Tropea)

Blues-Festival in Tropea

Letztlich weißt du nicht, was dich erwartet, wenn du dich von See aus einer Stadt näherst. Selbst, wenn du diese Stadt kennst. Manchmal schließt sie dich schon im Hafen in ihr großes Herz. Manchmal ist sie sperrig. Manchmal spröde. Manchmal ziert sie sich erst und nimmt dich dann doch auf. Manchmal schmeißt sie dich auch einfach wieder raus.
Tropea reißt uns in seine Arme. Wir klettern vom Hafen aus hinauf in diese wundervolle Stadt. Flanieren ein wenig. Das Versiegen der Touristenströme hilft der behaglichen Stimmung. Wir sitzen auf einer Piazza. Widmen uns einem Eis und einem Aperitif. Wir hören eine verzerrte Gitarre. Heben die Köpfe. Auf der Bühne, die hier aufgebaut ist, tut sich was. Ein Soundcheck. Und schon bei den ersten Tönen wird wahr, was wir vorhin schon gelesen, aber nicht weiter vertieft haben: Tropea-Blues-Festival. Der Soundcheck ein endlos langes Vorspiel. Auch für die Musiker. Mit einzelnen Töne werden die erogenen Zonen im Ohr angefixt. Manchmal lassen die Musiker sich gehen und dann steigen Einzelne ein in das, was der, der gerade dran ist mit dem Check, spielt. Dann schwirrt schwermütig smiling der Blues über den Platz. Alle atmen ein wenig auf. Füße wippen. Lächeln huscht über Gesichter. Dann geht der Soundcheck weiter. „Check, Check! One, Two! Check!“ Roadies, die sich über irgendwelche Stecker beugen, ab und zu eine kleine Rückkopplung. Ein blasiert guckender breit gestreift beanzugter langhaariger Gel-Möchte-Gern-Bluesianer steht neben dem Mischpult und guckt kurzwichtig. Wohl der Manager. Ab und zu leise geraunte Hinweise, die der Mischer per Monitor auf die Bühne schickt. Dann wieder Töne. Dann wieder Fragmente von Zusammenspiel. Und dann, – endlich! Wir sind schon kurz davor, wieder aufzubrechen. Dann endlich schenken sie uns einen Song, den sie zusammenspielen. Mit dem sie den Soundcheck abschließen. 4 Minuten Blueseligkeit.

23. September 2018

(Taureana)

Die Liebste will Basilikum besorgen. Martin will uns heute Abend seine legendäre Tomatensoße kredenzen. Sie kommt nach langen Wegen „doppo la curva“ unverrichteter Dinge zurück. Die Sonne ist untergegangen. Die Dunkelheit, ihr verletzter Ehrgeiz – „klar besorg ich noch Basilikum“ -, dieses unwirtliche Gelände, die Verlassenheit, – ihr ist ein bisschen unheimlich. Ich gehe ihr entgegen. Zusammen betreten wir wieder das Hafengelände. Drinnen hantiert ein Mann an einem Auto. Die Liebste fragt ihn, wo man hier in der Nähe noch Lebensmittel einkaufen kann. Er spricht auch von „doppo la curva“ aber „molto lontano“. Wenn wir wollten, würde er uns eben fahren. Wir haben solche Angebote so oft beschämt abgelehnt. Jetzt nehmen wir es an. Der Mann räumt Kindersitz und Angel-Utensilien auf der Rückbank zur Seite. Wir steigen ein. Die Fahrt ist kurz. Doppo der dritten oder vierten Kurve ist tatsächlich ein kleiner Ort mit einem kleinen Laden. Wir steigen aus. Wir ergattern ein schon ziemlich welkes Basilikum-Sträußchen. Ein Drittel davon ist noch verwertbar. Das reicht. Der Mann fährt uns wieder zurück und erzählt, dass die meisten Fischer, die hier im Hafen liegen, Freizeit-Fischer wären, die auf Thunfisch und Schwertfisch aus sind. Wir sind erstaunt. Wir waren davon ausgegangen, dass es Thunfisch nur noch in entlegenen Gebieten gibt, die man mit Fisch-Fabrik-Ozean-Dampfern aufsuchen muss.
Die Freizeit-Fischer hier im Hafen sind allerdings hyperaktiv. Bis spät in der Nacht kommen sie vom Fischfang wieder. 3 kn Geschwindigkeits-Begrenzung im Hafen? Wird ungefähr so ernst genommen wie Auto-Verkehrs-Regeln. Allgemeines Durch-Schaukeln. Wir auch. Dann, denke ich, sind irgendwann alle wieder zurück und hoffe auf Ruhe. Weit gefehlt. Kaum sind die, die draußen waren, unter Dach und Fach, brechen die anderen auf. Hinein in den Tagesanbruch, der sich mit einem ganz, ganz leichten Schimmer im Osten schon ankündigt.

23. September 2018

(Taureana – Bagnara – Reggio Calabria)

Heute versuchen wir gar nicht erst zu segeln. Wir motoren schläfrig vor uns hin. Es ist so ruhig, dass Marion am Steuer stehen kann.

Segeln mit Gipsarm

… Einhandseglerin.

Wir hören ein leicht röhrendes Geräusch von hinten. Drehen uns um. Eine ziemlich eilige Motoryacht hat die Nase aus dem Wasser gereckt und brunft genau auf uns zu. Wir erschrecken. Verziehen unser Steuerrad. Sammeln uns wieder. Sehen auf der Motoryacht einen Mann, der aufgeregt mit den Armen rudert. Was soll das denn? Brettert ungerührt auf uns zu, als wollte er uns versenken und schimpft auch noch rum??!!
Die Motoryacht kommt noch näher. Der Mann, der mit den Armen rudert, hält etwas in der Hand, womit er winkt. Das ist doch! Na klar! Das sind unsere Schiffspapiere. Wir haben sie im Hafenbüro vergessen.
Von Reling zu Reling Übergabe. Verschämt gestottertes mehrfaches Danke. „Schon gut“ mit Blicken, die auch einen Hauch Ironie enthalten und doch freundlich sind. Dann zieht die Motoryacht wieder von dannen.

24. September 2018

(Taureana – Scilla – Bagnara – Straße von Messina)

Dass ein weiteres Mal ein alter Traum von uns in Erfüllung gehen würde, war ziemlich klar. Dass es heute schon geschieht, nicht.
Wir wollen nach Scilla. Ein idyllisches Postkartenstädtchen in Calabrien. Das Hafenhandbuch legt nahe, dass es hier auch einen kleinen Hafen gibt. Als wir den Hafen anfunken, stellen wir fest, dass es nur Mooringbojen gibt. Das würde für die Lady mit der Armschiene bedeuten, dass sie wahrscheinlich nicht vom Schiff kommt. Was in einem der schönsten Städtchen in Calabrien nun wirklich keinen Sinn macht. Wir drehen um und steuern einen Hafen 3 sm vorher an. Bagnara.
Es gibt schöne und weniger schöne Häfen. Einladende und abweisende. Dieser hier hat aber auch die allerletzten Reste von Idylle abgelegt und kotzt einem einfach seine Existenz vor die Füße. Der Hafen ist belegt von großen Fischfangbooten. Hier ist der größte Teil der Schwertfisch-Fang-Flotte stationiert. Schon diese Kähne haben so gar nichts von der verspielten Romantik der bunten Fischer-Bötchen, die in malerischen Städtchen malerisch an den Kai drapiert sind. Damit wir uns einbilden können, der Fisch, den wir essen, käme nicht von hochtechnisierten Riesen-Fischkillmaschinen, die im Nordantlantik kreuzen und in industriellem Ausmaß ihrem tödlichen Geschäft nachgehen, sondern von zufriedenen Fischern, die im Morgenrot friedlich ihre Netze einholen.
Die hier sind dreckige, funktionelle, große Kampfmaschinen. Abwesenheit von Romantik. Anwesenheit von Arbeit.
Wir drehen eine Runde. Es gibt einen kleinen Schwimmsteg, an dem ein paar kleine Wochenend-Spaß-Motorboote liegen. Hier können wir nicht hin. Ratlos schauen wir uns um. Wir finden nicht mal jemanden, den wir fragen können, wo ein Platz für uns wäre. Die übliche Anfrage über Funk war ergebnislos gewesen. Keine Antwort. Die Anfrage via Telefon mit der Nummer aus dem Hafenhandbuch auch. Wir konnten den Angestellten einfach nicht verstehen. Und Englisch ging nicht. Also einfach rein.
Plötzlich taucht ein junger Mann auf. Er sieht ziemlich verwegen aus mit seinen zausigen, fettigen schwarzen Haaren, dem dreckigen Feinripp-Unterhemd, den Tatoos. Er bedeutet uns mit Gesten, an welchen Platz wir längs gehen können. Dann erklärt er uns etwas, von dem wir aber auch nur verstehen, dass der Hafen für den Tourismus geschlossen sei, dass wir aber trotzdem dort liegen könnten. Außerdem kündigt er seine Rückkehr für 17 Uhr an. Wir verstehen aber nicht, was er uns damit sagen will.
Ich steige vom Schiff und drehe eine Runde. Auf der Suche nach einem Wasserhahn, den wir anzapfen können. Dass es hier keine Elektrizität gibt, war auf einen Blick klar. Der erste Eindruck wird bei meiner Runde auf bedrückend martialische Art bestätigt. Einmal vorhandene Einrichtungen für Gäste wie uns sind nicht nur außer Funktion. Sie sind kaputt. Und nicht nur einfach das. Sie wirken wie lustvoll zerstört. Stromsäulen, die wie umgetreten und mutwillig auseinandergebrochen auf dem Kai liegen. Kabel quellen wie Gedärme aus ihnen heraus. Selbst die obligatorische irgendwann sicher auch mal rote Löschstation ist zerstört. Nur der dicke Schlauch selbst scheint noch intakt. Etwas abseits steht ein kleines Toilettenhaus. Es ist nicht nur einfach verlassen. Die Türen stehen auf. Der Boden ist voller stinkendem Müll. Der Wasserhahn über dem, was einmal ein Waschbecken war, ist aus der Verankerung gebogen und hängt schief über dem Becken. Die Toilettenschüssel ist randvoll mit verschmiertem Papier. Genauer kann ich es nicht beschreiben, weil ich mich schnell abgewandt habe ohne mich zu trauen genauer hinzusehen.
Unmittelbar vor dem Schiff steht kurz unter der Wasseroberfläche gut sichtbar eine Untiefe.
Zwei Männer tasten sich in einiger Entfernung vorsichtig an das Schiff heran. Als Martin sie mit „Hallo“ begrüßt, kommen sie näher, als würde sich hier doch etwas öffnen. Auch sie verstehen wir nicht richtig. Es scheint so zu sein, dass sie uns helfen wollen, in einem Supermarkt einzukaufen und in einer Pizzeria essen zu gehen. Aber sicher sind wir nicht. Selten habe ich den Widerspruch zwischen dem schicken Postkarten-Tourismus, den wir betreiben und dem dreckigen echten Leben so empfunden wie hier.
Für uns alle ist klar, dass wir hier nicht bleiben können. Wir hätten Angst. Eine irgendwie unwirkliche. Geradezu lächerliche. Denn es gibt ja keine sichtbare Bedrohung. Im Gegenteil. Immerhin haben drei Personen zu uns Kontakt aufgenommen. Der junge Mann ist extra um den ganzen Hafen gelaufen, um uns einen Platz zum Anlegen zu zeigen.
Trotzdem Angst. Ich fantasiere, dass wir womöglich nachts überfallen werden. Oder dass das Schiff geplündert wird, wenn wir es für einen Landgang verlassen würden. Und schäme mich zugleich dafür. Ich armseliges verwöhntes Wohlstandslandei zucke bei der ersten Begegnung mit dem Schmuddel schon klitzekleinmütig zusammen.
Wir brechen wieder auf. Zum ersten Mal steht die Liebste auf dem Vorschiff und gibt Zeichen, die uns helfen, jetzt hier nicht auch noch aufzusetzen.
Der nächste mögliche Hafen liegt weit entfernt hinter der Straße von Messina. Reggio Calabria. Die Liebste und ich haben schon oft davon geträumt hier herzusegeln. Natürlich mit der Vorstellung, das feierlich vorzubereiten und zu begehen. Wie es sich für die Erfüllung eines Traumes gehört. Davon müssen wir uns verabschieden.
Jetzt stolpern wir eher hinein. In aller Eile studieren wir die Gegebenheiten.

Karte studieren

Hier herrscht immer Strömung. Zum Teil sehr starke. Hier herrschen fast immer besondere Wind- und Wellenverhältnisse. Nicht umsonst war diese Meerenge schon bei Odysseus und Kollegen so gefürchtet, dass sie die Kulisse für allerlei gruselige Mythen bildet.
Passend zu diesem besonderen Ort braut sich über Sizilien ein Wetter zusammen.

Straße von Messina Wetter zieht auf

Es herrscht ein Betrieb wie in einem großen Bahnhof.
Ozeandampfer in zwei Fahrwassern von Nord nach Süd und umgekehrt. Kreuzfahrtschiffe. Unmengen Fähren jeder Art und Größe. Ihre Routen manchmal eindeutig quer zu unserer Fahrtrichtung: Messina – Reggio. Manchmal nicht eindeutig. Sie scheinen auf die Küste zuzustreben und drehen dann doch noch mal parallel. Für uns sind diese Schiffe, die von Land aus gesehen doch eher gemächlich irgendwo langbummeln, allesamt zu schnell. Vor allem die Fähren. Wir sind dagegen langsam. Auch mit Motor. Wir können nicht mal eben einfach so schnell ausweichen. Wir müssen uns großflächig von ihnen freihalten. Aber wie, wenn wir z.T. die Routen nicht vorwegnehmen können. Vier Menschen in höchster Konzentration beobachten über 2 Stunden lang alles, was hier schwimmt.
Als wir uns endlich langsam Reggio di Calabria nähern und damit dem Ende dieses Meerengen-Abenteuers, wird wahr, was der Himmel schon länger ankündigt. Es frischt ordentlich auf. Die Anspannung bleibt. Wir werden mit starkem Seitenwind anlegen müssen. Nicht gerade das, was Segler*innen lieben.
Immerhin: Das übliche Hafen-Funken funktioniert. Es gibt Platz. Wir sollen mal kommen. In der Hafeneinfahrt rudern plötzlich zwei Männer mit den Armen. Beide wollen uns für ihren Hafen gewinnen. Es gibt hier offenbar zwei. Wir kriegen nicht raus, mit wem wir gefunkt haben und entscheiden uns für den näheren, der geschützt hinter einer hohen Hafenmauer liegt.
Der Anlegeplan ist gut. Die Ausführung nicht. Der Ormeggiatore steht auf der Pier und hüpft aufgeregt hin und her. Hat mal diese Mooring-Leine in der Hand, mal jene. Gibt Richtungszeichen, die wir nicht verstehen. Wir sind konfus. Und landen in der Mooringleine unseres Nachbarn an Steuerbord. Zum Glück nur langsam. Erst dann beruhigen wir uns wieder. Lassen den Ormeggiatore rudern, winken und rufen und agieren wieder selbst.
Einladend ist auch dieser Hafen nicht. Aber wir sind sicher da. Das zählt jetzt erstmal. Als i-Tüpfelchen müssen wir die Gangway auf einer dicken Kette ablegen, wenn wir sie betreten. Sicheres gleichgewichtiges Trittgefühl fühlt sich definitiv anders an.
Der Schlusspunkt ist dann Aufregung. Sowohl unsere beiden Nachbar-Besatzungen, wie auch der Ormeggiatore überschütten uns mit der aufgeregten Botschaft, dass Sturm im Anlauf sei und wir in den nächsten Tagen auf keinen Fall wieder ablegen können.
Ihre Unruhe infiziert auch uns.
Wir verabschieden uns von der Unbeschwertheit, mit der wir bisher unterwegs waren, selbst dann, wenn es mal etwas schwieriger wurde. Wir verabschieden uns von Hafen-Idylle. Und vom Schönwetter-Segeln.

25. September 2018

(Reggio di Calabria)

Morgen ist Martins Geburtstag. Die Liebste und ich haben einfach keine Idee für ein Geschenk. Wir haben schon ab und zu dran gedacht. Und dann wieder aufgehört. Ist ja noch Zeit.
Jetzt nicht mehr. Wir streifen am Abend durch ein nettes Vorort-Viertel von Reggio. Ohne Plan. Und dann fällt uns ein Laden vor die Füße. Das Schaufenster ist prall gefüllt mit Deko-Zeugs für alle möglichen Festivitäten. Im selben Moment steht der Plan. Wir erinnern uns, dass Martin vor kurzem in epischer Breite mal erzählt hat von einem besonders leckeren Frühstück. Er wird genau dieses Frühstück bekommen. Er wird ein schönes Luftballon-Gesteck bekommen mit einer 54. Mit Glitzer. Mit Azurro. Mit möglichst viel Italo-Schmalz. Wenn das bis morgen noch klappt. Die junge Frau in dem Laden zuckt nur ganz leicht. Ah – bis morgen –?! Aber dann sagt sie Ja. Zeigt uns Fotos. Macht Vorschläge. Freut sich an unserer Freude. Morgen um halb 10 können wir es abholen.
Dieser Erfolg ermutigt uns. Wie wäre es, wenn wir auch noch eine kleine Italo-Geburtstagstorte in einer Pasticceria bestellen? Am Ende der Straße ist eine. Hier gibt’s kein Zucken. Scheint normal zu sein, für den nächsten Morgen eine Geburtstagstorte zu bestellen. Die ja dann heute Abend oder morgen sehr früh gemacht werden muss??!!
Wir kaufen die Zutaten für das Frühstück und gehen glücklich wieder zurück.
Alte Blues-Weisheit: All good things come to those who wait.

26. September 2018

(Reggio di Calabria)

Geburtstags-Ballon-Gesteck

Der eine Martin verabschiedet ein vergangenes Lebensjahr.
Der andere eine Geburtstagstorte.
Wir, die beiden Martins, holen, wie gebucht, um halb 10 das Luftballon-Gesteck und die Geburtstagstorte ab. Wir balancieren kichernd beides in einen Schönheitssalon. Hier möchte die Liebste heute Nachmittag sich eine Pediküre gönnen und bat uns, auf dem Weg einen Termin zu machen.
10 – 15 Kosmetikerinnen und 10 – 15 Frauen auf Friseurstühlen drehen sich zu uns um, als wir das Luftballon-Gesteck und die Torte in den Laden balancieren. Sie scheinen uns sehr deutlich zu verstehen zu geben, dass wir hier eigentlich nichts verloren haben und dass sich jetzt hier auch niemand um das kümmern kann, was wir wollen, was auch immer es sei.
Trotzdem kommt eine Dame zur Empfangstheke und fragt pflichtschuldig, was unser Begehr sei. Bei der Verabredung des Termins kommt es wie immer zu einem kleinen Gespräch, bei dem die Dame immer freundlicher wird. Ah – auf einem Schiff. Wie lustig. Natürlich kann ihre Frau kommen. Wir halten immer Termine frei für Spontanbesuche. Wie heißt sie? Wie ist ihre Handy-Nummer, falls etwas Unvorhergesehenes…? Ob der Termin ein Geschenk sei. Warum? Ja wegen der Luftballons und der Torte. Ach so, nein, die sind für den hier. Ich zeige auf den anderen Martin. Der hat heute Geburtstag.
Der ganze Laden verändert sich schlagartig. 10 – 15 Paare an Friseurstühlen flöten aufs Freundlichste „AUGURI!!“
Zurück am Schiff balanciere ich die Torte über die Gangway. Ich stelle sie auf der Sitzfläche im Cockpit ab. Froh, dass wir Ballons und Torte heil durch den stürmischen Morgen gebracht haben.
Vergesse die Torte. Und setze mich …

platt gesessene GeburtstagstortPlatte Geburtstagstorte anschneiden

27. September 2018

(Messina)

Neptun Messina

Angsthase! Pfeffernase! Morgen kommt der Osterhase!
Neptun. Er kann nicht nur Stürme entfachen. Er kann sie auch beruhigen. Auch in uns. Er steht zum Glück direkt am Hafen. So beginnen wir unter seinem Arm zu reden. Gehen in Gedanken noch einmal zurück zum Morgen.
Heute wieder ein Abschied. Marion und Martin werden den zweiten Teil ihres Urlaubs antreten. Noch eine Woche Tropea.
Der Wind scheint sich so weit beruhigt zu haben, dass wir die Überfahrt zurück nach Messina wagen können. Auch die Wetterberichte und der Ormeggiatore halten es heute für möglich. Morgen eher wieder nicht mehr.
Wir studieren die homepage mit der Strömungsvorhersage für die Straße von Messina. Sie ist in den nächsten 3 Stunden noch günstig für die Überfahrt nach Messina. Danach ist sie extrem ungünstig. Strom gegenan mit z.T. mehr als 3 Knoten.
Der aktuell milde Wind, die Strömung, – … plötzlich ist klar, dass wir uns den ruhigen Abschied mit traurigem Winken auf dem Bahnsteig genau betrachtet eigentlich nicht erlauben können, wenn wir nicht eine weitere Nacht in diesem unwirtlichen Hafen verbringen müssen wollen.
Also ein eiliger Abschied. Von unseren Freunden und von hier.
Von Anfang an ist mir mulmig. Ich glaube nicht der trügerischen Windruhe. In den letzten Tagen ist der Wind am Morgen erst wild gewesen, hat sich dann beruhigt und ist am Mittag umso heftiger zurückgekommen. Trotzdem brechen wir hastig auf.
Kaum sind wir draußen, frischt der Wind auf 6-7 Bf auf. Wir kämpfen mit dem Wind.
Ich kämpfe mit meinem Gemüt. Nein. Eigentlich kämpfe ich nicht. Ich habe schon vor dem Kampf aufgegeben. Ich habe Angst. Weiß mich kaum zu verhalten. Ich schrumpfe zusammen auf einen kleinen engen Knoten. Tief unten irgendwo in meinen Gedärmen. Schaue mit Grauen auf die höher werdenden Wellen. Auf den Windmesser, der immer neue beänstigende Zahlen auswirft. Versuche verzweifelt den wieder sehr lebhaften Schiffsverkehr zu beobachten. Reden geht nicht. Die Angst ist so groß, dass ich sie nicht benennen kann. Als wollte ich sie so aus dem Leben bannen.
Wo sie doch schon längst ist.
Dauernd phantasiere ich Schreckensszenarien. Der Motor fällt aus. Wir können nur noch vor dem Wind ablaufen. Wir treiben irgendwo auf. Schiffbruch. Wir produzieren Bruch im Hafen.
Die Liebste behält kühlen Kopf.
Irgendwann kommen wir an. Mit der Ankunft in Messina beruhigt sich der Wind. Ulrike hat über Funk um Unterstützung gebeten beim Anlegen. Ich hielt das nicht mehr für nötig. Genauso irrwitzig wie die Angst. Der Strom drückt uns mit Macht in den Hafen. Hier können wir gar nicht ohne Hilfe anlegen. Und es wird dann auch richtig kompliziert. Zum Glück helfen die Ormeggiatori nicht nur. Sie steuern das Ganze. Zum Glück ist die Liebste hellwach.
Ich bin ja nur der kleine Knoten.
Während des ganzen Nachmittags treibe ich vor meiner Angst her. Es fühlt sich an wie ein schlimmer Kater.
Erst am Abend können wir reden.
Richtig sortiert kriege ich, was ich heut Nachmittag erlebt habe, nicht. Ich kann nur Elemente benennen. Meine Angst hat etwas Vegetatives. Etwas Traumatisches. Als hätte es irgendwann eine schlimme Angst gegeben, die in mir weitergärt, ohne dass ich wüsste, was für eine es wäre und woran sie sich einst entzündete.
Sie ist unselig verknüpft damit, dass ich glaube, mir Angst eigentlich nicht erlauben zu können. Als Mann nicht. Schon gar nicht als Segler. Als SeeMann. Da sollte ich groß, stark, bärtig, entschlossen und mutig sein.
Sie ist unselig verknüpft mit der tiefen Überzeugung, dass irgendwann auffliegt, dass ich eigentlich gar nichts kann. Bei allem, was ich tue. Auch und schon gar nicht bei schwerem Wetter sicher und mutig eine Yacht führen. Dass es eigentlich wahnsinnig ist, dass so ein Weichei wie ich sowas überhaupt macht.
Sie ist unselig verknüpft mit der Not, dass all dies im Rucksack mir verbietet, um Hilfe zu bitten. Denn ich müsste es ja alles alleine können. Als mutiger Segelprofi.
Sie ist unselig verknüpft mit magischem Denken. Wenn ich dies oder jenes getan oder gelassen hätte, wäre jetzt dies oder jenes kein Problem. Wenn ich mehr trainiert hätte, mich in schwerem Wetter zu bewegen, hätte ich jetzt keine Angst. Aber jetzt ist es ja zu spät. Wenn ich ein richtiger Mann wäre, hätte ich sowieso keine Angst. Oder hätte entschieden und wissend heute Morgen gesagt, dass wir nicht auslaufen. Als autoritärer Skipper. Aber jetzt ist es ja zu spät.
Natürlich fällt der Motor nicht irgendwann aus, sondern jetzt. Jetzt – wo es besonders gefährlich wäre. Möglicherweise gab es auch schon Anzeichen. Hat er sich nicht gerade ganz anders angehört? Gleich wird der Windmesser bestimmt die magischen 30 Kn übersteigen. Und dann nähert sich das hier einem richtigen Sturm. Hier in der Straße von Messina ist alles möglich. Und Du hast wieder nicht die richtigen Informationen. Du hast nicht die richtigen Leute gefragt. Du hast Dich vor der Reise nicht vernünftig informiert. Du hast nicht dafür gesorgt, selbst ein Wetterexperte zu sein. Wie alle anderen Segler*innen. Du kannst ja nicht mal eine normale Wetterkarte lesen.
All das sitzt schmerzhaft zusammengequetscht als Knoten in meinen Eingeweiden und macht den Rest von mir als einsame Hülle hilflos.
Es gibt auch eine Verbindung zu meinem Vater. Ich weiß aber nicht, welche. Er scheint mir ein furchtloser, gestandener und entschiedener Mann gewesen zu sein. Ich habe aber keine Erfahrungen, die mir das erlebt belegen. Auch keine Erzählungen. Er hat eine lebensgefährliche Kriegsverletzung erlitten. Als 17-Jähriger. Ich weiß davon aber so gut wie nichts. Jedenfalls nichts von Angst. Ich weiß nur Erzählungen, die bei jedem Mal der Wiederkehr eine andere Färbung angenommen haben.
Ich weiß, dass ich einmal als vielleicht 7 oder 8-jähriger Junge vom Küchenfenster aus ein Gewitter habe aufziehen sehen. Bei den ersten Blitzen habe ich mich furchtbar erschrocken. Meine Mutter sagte dazu seufzend: „Ja, wer weiß, vielleicht geht jetzt die Welt unter.“ Ich weiß, dass in mir etwas regelrecht zerplatzte. Ich rannte in mein Zimmer. Was ich dann tat, weiß ich heute nicht mehr.
All das fördern die Fragen der Liebsten zutage. Ein Gedanke von ihr ist eine Art erste Hilfe: „Dein magisches Denken ist ein bisschen verrückt, denn eigentlich kannst du entweder alles, was du brauchst, um das hier zu bewältigen. Oder du kannst etwas nicht: Dann kannst Du Dir Hilfe organsieren.“
Es ist nichts gelöst. Aber der Kater ist vorüber. Ich gehe später am Abend wieder zuversichtlich auf dieses Schiff zu. Ich bin ihr sehr dankbar.

30. September 2018

(Milazzo)

Wieder erleben wir, dass zwei Ormeggiatore uns abfangen und in einen Hafen mit Schwimmstegen geleiten. Dass das nicht der Hafen ist, in dem wir gebucht haben, wird uns erst beim Bezahlen im Hafenbüro klar. Raue Sitten. Harter Kampf um Einnahmen.

01. Oktober 2018

(Milazzo)

Abschied von Fotos, die ich in Messina und am Anfang in Milazzo gemacht habe. Ich hab sie nicht gemacht. Ich habe zwar auf den Auslöser gedrückt. Aber in der Kamera war keine Karte. Ich bin erstaunt, dass mich das nur mäßig entsetzt.

01. Oktober 2018

(Milazzo)

Statue Eisverkäuferin

Endlich entdecken wir mal ein Denkmal für die eine Personengruppe, die wirklich wichtig ist: Die Eisverkäuferin.

02. Oktober 2018

(Milazzo)

Castello di Milazzo, Steinmetz-Signatur

Im Castello di Milazzo, das wir erklettern, lesen wir, dass Steinmetze in Steinblöcke aus Lavastein oft Signaturen geschlagen haben, damit andere sie identifizieren konnten. Um dann auch Steinblöcke bei gerade diesem Steinmetz zu kaufen, weil sie so besonders gut gefertigt sind.
Wir hatten uns geziert, hier herauf zu klettern. Es ist ja auch weiß Gott nicht das erste Castello, das uns auf unserer Reise begegnet und nach oben lockt. Ob wir uns dies nicht vielleicht … ?
Natürlich klettern wir rauf.
Es ist immer wieder auf faszinierende Art beklemmend: Die Geschichte eines solchen Ortes ist über die mehr als 2000 Jahre so verwirrend und wechselvoll, dass man sie gar nicht darstellen kann. Und dass wir sie nicht verstehen. Schon nach wenigen Info-Tafeln sind wir lost in history. Was wir aber verstehen: Solche Orte scheinen ihren Charakter von Angriff und Verteidigung und Knast nie loszuwerden. Selbst im 20 Jahrhundert nicht. Dieses Castello hat aragonische Kriegsgefangene ebenso beherbergt wie entrechtete Regimegegner im italienischen Faschismus.

Milazzo Castello Burgmauer

 

03. Oktober 2018

(Milazzo – Lipari)

Wir gehen es wie immer an. Studium der Wetterberichte. Sie sagen Ähnliches voraus. Wind aus östlicher Richtung zwischen 3 und 5 Bf. Die WarnApp warnt vor Gewittern über Sizilien. Eine andere App sieht eine leicht erhöhte Gewitterwarnung ab 16:00. Gewitter über Sizilien sehen wir nicht als übermäßig bedeutsam an. Schließlich fahren wir ja von Sizilien weg.
Wir sind lange genug in Milazzo. Außerdem sagen die Wetterberichte Winde aus O voraus. Das bedeutet, dass diese Schwimmstege, die nach Osten offen sind, ungemütlich werden.
Wir brechen früh auf. Von Wind keine Spur. Also tuckern wir per Motor auf das Capo Milazzo zu. Dort wollen wir Kurs auf Lipari nehmen. Einen Hafenplatz haben wir dort schon reserviert. Zwei, drei Seemeilen nach dem Capo Milazzo kommt dann doch zögerlich Wind auf. Wir haben uns gerade ein paar Schnitten gemacht zum Frühstück. Wir wollen die eben noch aufessen und dann Segel setzen.
Daraus wird nichts. Innerhalb von Minuten peitscht der Wind hoch. Die Wellen nehmen bedrohliche Höhen an.
Heute ist es Ulrike, die sich erschrickt und mit Besorgnis kämpft. Ich bin dank unseres Gespräches über Angst und magisches Denken ruhig. Wir werden das schaffen. Segel setzen wir nicht. Eine(r) von uns müsste dafür nach vorne zum Mast. Ulrike müsste entweder das machen oder das Schiff am Ruder im Wind halten, damit wir Segel setzen und ein Reff einbinden können.
Beides will ich ihr im Moment nicht zumuten.
Jede zweite Welle kommt über. Es ist wahrlich ungemütlich und beängstigend. Der Himmel so verdunkelt, dass man das Gefühl von Dämmerung hat.
Meile für Meile kämpfen wir uns vor. Das Schiff stampft unter Protest in die Wellentäler und ächzt wieder hoch.
Das hier ist der endgültige Abschied von friedlichem Sommer-Segel-Wetter. Wir haben die ganze Schwerwetter-Montur an. Sind sogar im Cockpit angeschnallt. Die Zeit will nicht vergehen. Vulcano, die Insel vor Lipari kommt erst nicht näher und zieht dann nur quälend langsam vorbei.
Irgendwann haben wir es dann doch geschafft.
Der Hafen von Lipari liegt einigermaßen windgeschützt und hinter einem großen Wellenbrecher. Wir müssen nicht mit allzu dramatischen Bedingungen beim Anlegen rechnen. Ulrike hat per Funk um „Unterstützung am Steg“ gebeten. Die bekommen wir mehr als genug. Wir werden vom Ormeggiatore in eine Lücke zwischen zwei deutlich größeren Yachten dirigiert. Dort stehen 10-15 Leute an den Relings und nehmen uns in Empfang.
Erleichtert puhlen wir uns aus den Regenklamotten. Erholen uns ein bisschen und tigern Richtung Stadt.
Adrenalin abbauen.
Am Horizont baut sich schon wieder die nächste Front auf. Wir hoffen, dass wir vor ihr in der Stadt und in einer gemütlichen Bar sind. Diese Hoffnung zerschellt schon nach kurzem Weg unter den ersten platschenden Tropfen. Wir wollen uns gerade in einen von Bäumen und Sträuchern wenigstens ansatzweise „überdachten“ Weg drücken, da hält neben uns ein Auto. Die beiden Männer winken uns hinein. Sie fahren uns in den Ort. An einer Kreuzung direkt am Wasser huschen wir über die Straße und springen in eine Bar. Man schickt uns in die erste Etage. Hier sitzen wir. Sind froh, dass wir heil in Lipari angekommen sind. Freuen uns über die Hilfsbereitschaft der beiden Männer. Zweifeln, ob wir das so in Deutschland auch hätten erleben können und schauen uns mit einigem Gruseln das stürmische Toben da draußen an.

04. Oktober 2018

(Rückblick auf Messina und Milazzo)

Ich träume von einem neuen Postkarten-Format.
„Living Postcards“.
Wir hätten welche verschickt aus Messina und Milazzo.
„From Real Life With Love“

Living Postcards aus Messina:

Segelboot als AufzählungszeichenStraßenbahn

Die Liebste und ich steigen ohne groß zu überlegen direkt am Hafen in eine Straßenbahn. Wir wollen einfach bis zur Endstation fahren und gucken. Eine Zeitlang fahren wir am großen Haupt-Hafen entlang. Rechts von uns große, andeutungsweise herrschaftlich aussehende Gebäude. Sehr schön restauriert. Links von uns noch deutlich höhere Fassaden, die alles überragen. Die Fassaden von Kreuzfahrtschiffen. Flach gelegte Hochhäuser. Vor den Fenstern Balkons mit schicken Liegestühlen. Schwarze Großraum-Taxis mit abgedunkelten Scheiben, frisch geputzte vollklimatisierte Groß- und Kleinbusse auf der Pier. Bedienstete, die vor und unter der Gangway wimmeln. Offenbar bricht man gleich auf zu einigen Landausflügen. Wir fantasieren. Die Outdoor-Aktivisten lassen sich zum Ätna fahren und brettern dort mit martialischen Allrad-Monstern rauf zum Gipfel. Die klassischen Stadt-Besichtiger*Innen begeben sich zur Stadt-Rundfahrt in einem dieser roten Mini-Lokomotiven-Züge mit anschließendem Kaffee in der schönsten Pasticceria der Stadt. Vielleicht kann man auch zu einer Partie Golf aufbrechen. Oder zu einer Tour im Kleinbus zu einem schönen Strand etwas außerhalb. Cocktail inclusive. Während wir das fantasieren, wirkt die Umgebung der Straßenbahn allmählich immer weniger aufpoliert und besichtigungstauglich. Ganz langsam bewegen wir uns vom Fruchtfleisch zur Schale. Sie ist hier und da ein wenig angedötscht, aufgeplatzt, verschorft. Ein nicht sehr großer, schlanker, sehr dunkler Sizilianer steigt ein. Er meckert vor sich hin. Sucht immer wieder Blickkontakt zu einem Afrikaner, der uns gegenüber auf der Bank sitzt. Wir verstehen nicht, was der Sizilianer sagt, aber wir verstehen, es geht um Provokation. Der Afrikaner ist sehr verunsichert. Er schaut weg, dann wieder hin, dann wieder weg. Sein Blick ist flüchtig, flatternd. Die Menschen um uns herum sind genervt von dem Geschimpfe. Aber sie steigen nicht ein in das angebotene Kämpfen. Sie suchen nur den Blickkontakt mit dem Afrikaner. Versuchen ihm Beistand zu signalisieren. Versuchen ihm mit Augenbrauen, Haltungen, angedeuteten Handbewegungen zu signalisieren: Hör nicht auf das Gemecker! Lass Dich nicht verrückt machen! Der spinnt!
Als der Sizilianer aussteigt, lässt er noch ein paar Sprüche da. Dann schließt sich zischend die Tür und die Körper und Gesichter entspannen sich. Der Afrikaner nicht. Er schaut auf den Boden vor sich.
Endstation im grauen Alltag in Messina. Auch wir steigen aus. Stromern herum.

Segelboot als Aufzählungszeichen Friseurin

Die Liebste hat beim Abendspaziergang einen Frisiersalon entdeckt und die spontane Idee, sich hier morgen frisieren zu lassen. Sie geht hinein um einen Termin zu machen. Kommt wieder zurück und berichtet, sie brauche keinen. Sie solle einfach morgen früh kommen.
Das tut sie. Und lernt Elena kennen. Elena schneidet ihr kunstvoll die Haare. Mit einem Messer. Und plaudert. Dabei klärt Elena die Liebste über wichtige grundsätzliche Dinge auf. Zum Beispiel darüber, dass Deutschland ein wirklich schönes Land sei. Sie sei einmal da gewesen. Wirklich sehr schön. Nur: Im Kaffee sei zu viel Wasser. Wie übrigens auch im Flugzeug und in Mailand.

Segelboot als AufzählungszeichenLa Modonnina del Porto

Im Yachthafen fragen wir einen Mann, der an seinem Schiff hantiert, wie wir zur Madonna della Lettera kommen, der Statue, die uns jedes Mal aufgefallen ist, wenn wir die Hafeneinfahrt von Messina passiert haben. Er lacht. Was wir da wollten. Wir antworten, dass wir sie uns einfach ansehen wollen. Er lacht wieder. Das machen Sie am besten von hier. Er zeigt auf den Boden. Und erklärt weiter, dass man dort nicht hinkönne. Dort sei abgesperrtes Militärgelände. Erst recht könne man nicht rauf. Man sehe sie tatsächlich am besten von hier.

Segelboot als Aufzählungszeichen Sacrario di Cristo re

Ein Gebäude ist uns bei der Ansteuerung von Messina aufgefallen. Eine Kuppel, die alle anderen Gebäude überragt. Dort kraxeln wir hin.
Es ist das Sacrario di Cristo Re. Mitten auf dem Stufenaufgang stehen zwei Tische. Einige Menschen drum herum. Eine Initiative, die sich um den Erhalt, die Pflege und die „Bewirtschaftung“ historisch bedeutsamer Stätten in Sizilien kümmert, bietet hier eine Führung an. Wir buchen. Ein junger Mann in Schwarz gekleidet begleitet uns. Sehr freundlich, sehr engagiert und sehr eloquent erklärt er uns alles, was zu diesem Heiligtum zu sagen ist. Er scheint selbst bewegt von dem, was er uns hier zeigt. Besonders von der Glocke, die aus eingeschmolzenen Kanonen gegossen wurde.
Wir mögen einander. Wir fragen ihn, wie es kommt, dass er so gut Englisch kann. Er erklärt ganz selbstverständlich, die wichtigsten Basics habe er in der Schule gelernt. So 20%.
Den Rest beim Online-Spielen und überhaupt bei Computer-Spielen.
Er lässt sich gerne mit der Liebsten fotografieren vor der Glocke aus Kanonen-Stahl. Beide lächeln. Das Foto allerdings existiert nur in unserer Erinnerung. Ich hatte in dieser Zeit keine Karte in der Kamera.

Segelboot als Aufzählungszeichen Via XXIV Maggio

Auf dem Rückweg vom Sacrario di Cristo Re kommen wir in einem normalen Wohnviertel an einer Bar vorbei und haben gleichzeitig den Impuls, hier bei einem Aperitif ein wenig auszuruhen. Beim Betreten der Bar stolpere ich und falle auf die Treppe. Ich kann mich beim Fallen nicht abfangen, denn ich habe den Fotoapparat in der Hand. Sofort springt der junge Mann am Tisch nebenan auf. Die Kellnerin eilt herbei. Ebenso der Besitzer. Alle möchten gerne helfen. Erkundigen sich immer wieder, ob wirklich alles in Ordnung sei. Ich würde ihnen gerne sagen, dass mir nichts passiert sei, dass mir nur das Knie wehtut, und dass das morgen bestimmt ein bisschen dick ist. Aber dazu kann ich zu wenig Italienisch. Also: „Tutto a posto, grazie.“
Wir sind jetzt nicht nur Gäste. Wir sind jetzt Menschen, um die man sich kümmert.
Beim Bezahlen fragt die Liebste die Kellnerin, was es mit dem Namen des Cafès auf sich hat. „XXIV Maggio“. „Ganz einfach, das ist der Name der Straße hier.“ Wir schauen auf die Wand draußen gegenüber.
Am Abend versuchen wir herauszufinden, was es mit diesem Tag in Messina auf sich hat. Wir lernen alle möglichen interessanten geschichtlichen Dinge. Aber erst spät wird klar: Der 24. Mai ist der Tag, an dem Italien in den ersten Weltkrieg eingetreten ist. Gegenleistung der alliierten Staaten gegen Österreich-Ungarn und Deutschland unter anderem: Südtirol.

Segelboot als Aufzählungszeichen Kellnerin

Unser langes Gespräch über meine Angst bei der Überfahrt von Reggio di Calabria nach Messina endet mit Bezahlen an der Theke. Eine ziemlich divenhafte Frau hinter der Kasse fragt mich, wann wir wieder fahren. Ich stutze. Hab ich das jetzt richtig verstanden? Was meint sie? Sie legt nach: Sie sind doch mit dem Schiff hier? Ich bin platt. Woher weiß diese Frau, dass wir mit einer Segelyacht im Porto Nettuno liegen. Ich antworte so wahrheitsgemäß wie verdattert, dass wir noch nicht wissen, wann wir wieder auslaufen. Sie wendet sich ab. Sie hat keine Lust, sich weiter mit diesem stotternden Nicht-Wisser zu beschäftigen.
Erst draußen wird mir klar: Wir sind hier in der Nah-Schiff-Bewegungszone von Kreuzfahrtschiff-Passagieren. Die Lady wollte einfach nur wissen, ob heute Abend noch mit zusätzlichen Einnahmen zu rechnen ist.

04. Oktober 2018

(Rückblick auf Messina und Milazzo)

Ich träume von einem neuen Postkarten-Format.
„Living Postcards“.
Wir hätten welche verschickt aus Messina und Milazzo.
„From Real Life With Love“

Living Postcards aus Milazzo:

Segelboot als AufzählungszeichenStrand

Milazzo hat etwas mehr als 31 000 Einwohner. Sagt Wikipedia. Als wir unseren ersten Abendspaziergang vom Hafen aus machen, stellen wir fest: Die 31 000 müssen allesamt jetzt gerade zur Passegiata hier auf der Hafenpromenade sein. So ein unfassbarer Betrieb ist hier. Plus Familienangehörige, die gerade zu Besuch sind. Plus die paar Touristen, die sich hierher verirrt haben. Wir z.B., die wir auf einer Bank sitzen und das Treiben hier Eis-leckend betrachten. Im Hintergrund eine alles andere als malerische Industriekulisse. Verrückt.
Am nächsten Abend wandern wir zur anderen Küste dieser schmalen Halbinsel. Was heißt „wandern“? Es ist ein kleiner Spaziergang. Wir finden einen Traumstrand. Davor eine Straße. Zwischen Traumstrand und Straße: Nichts. Keine Bars für den Sundowner. Nicht mal Reste von temporären, die vielleicht nur während der Saison offen sind. Stattdessen liegen dort drei mittelalte Menschen im Rest des Sonnenlichtes. Kurz vor Sonnenuntergang packen sie ihre Sachen und gehen. Ist kühl geworden.
Wir staunen lächelnd. Wie kann man jetzt gehen? Die Echtzeit-Romantik kommt doch gleich erst.
Die aus Touristensicht viel schönere Küste ist verwaist. Am Lungomare mit Blick auf Öltürme tobt das Leben.

Segelboot als AufzählungszeichenPizzeria

Rechts vom Hafen liegt erhöht in einiger Entfernung ein großes, halbrund geformtes Gebäude mit vielen Fenstern und kleinen Balkons in Richtung Bucht von Milazzo. Wir fragen uns, was das wohl für ein Gebäude ist. Ein Hotel? Eine Altenresidenz? Ein Krankenhaus? Wir fragen einen älteren Herrn. Er kommt aus einem Haus im Schatten dieses Gebäudes. Er schaut erstaunt hin. Und weiß es auch nicht. Aber er empfiehlt uns eine Pizzeria in der Nähe, falls wir ein Restaurant suchen.

Segelboot als AufzählungszeichenEnnoteka

Eine kleine feine Ennoteka vis-à-vis vom Lungomare. Hier gibt man sich kleinen feinen Genüssen hin für großes Geld. Vornehmlich Männer. Einer betritt den Laden mit einer sehr viel älteren Frau. Vielleicht seine Mutter. Er dirigiert sie an einen Tisch neben uns. Mehr Tische gibt es nicht. Draußen noch zwei, drei Tische mit Barhockern. Hier drinnen passiert’s im Stehen. Ein Gast, der schon hier war, begrüßt den neuen Gast. Man kennt sich. Man ist vertraut. Fasst sich an. Gibt angedeutete Wangenküsse. Einer der Kellner reagiert auf den neuen Gast laut, freudig und mit einem hüpfenden Gang hinter der Theke weg zu ihm. Schnell ist klar: Der Neue hat heute Geburtstag. Der Gast, der schon da war, ist ein wenig beschämt, dass er es vergessen hat. Mit lachend vorgetragenen Entschuldigungen verlässt er den Laden. Kurze Zeit später kommt er wieder. Er übergibt dem Geburtstagskind eine schicke kleine Papiertasche aus einer Parfümerie. Geburtstagskind packt aus. Währenddessen öffnet der Kellner eine erste Flasche Schampus. Oh, wie schön!! Eine Fläschchen Parfüm. Es wird natürlich sofort probiert und wortreich kommentiert. Auch der Mama gefällt der Geruch.
Nach dem ersten Gläschen betritt ein weiterer Mann den Laden. Er hat auch ein kleines Geschenk dabei. Er hat offenbar dran gedacht. Geburtstagskind packt aus. Unter dröhnendem Gelächter und vielen Scherzen, die wir alle nicht verstehen, tritt zutage: Ein Fläschchen Parfüm. Exakt dasselbe. Nur die Flasche eine Nummer kleiner. Die die Schampus-Gläser werden sofort lachend nachgefüllt.

Segelboot als AufzählungszeichenFischer

Ein weiterer Traum wird wahr. Unmittelbar neben dem Yachthafen sind mehrere Fischer-Kooperativen, die hier an kleinen Tischen direkt nach der Rückkehr vom Fischfang ihre Beute verkaufen. Wir streifen daran entlang. Unten, direkt vor den sanft ausplätschernden Wellen, hantieren zwei Leute mit etwas Größerem. Wir schauen genauer hin. Es ist ein Rochen von bestimmt 1,50 Durchmesser. Die beiden schneiden Filetstücke heraus. Ich hebe die Kamera. Noch bevor ich fragen kann, gibt mir einer der beiden mit heftigen Gesten zu verstehen, dass er nicht fotografiert werden will. Ich drehe mich weg. Ein Fischer hier oben hat die Szene beobachtet. Er lächelt und zuckt mit den Schultern. Er lädt mich ein, ihn zu fotografieren. Er posiert sogar ein bisschen für mich.

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Fischer in Milazzo

Hafen, spielende Kinder

Hafenmauer am Abend

Martin am Ruder

Fischerboot vor Tropea

Flagge zerrissen

Koch Tropea

Die Wochen 11+12

Stationen

Lipari (Porto Pignataro)
(Vulcano)
Salina
(Panarea)
Lipari
Taureana
Vibo Valentia Marina
Tropea

04. Oktober 2018

(Lipari)

Männercrew

Diese Welt kennen wir von vielen Segeltörns. Und doch begegnet sie uns auf unserer Reise hier zum ersten Mal. Männercrews, die im Cockpit einer Segelyacht sich für eine oder zwei Wochen zusammendrängen. Einer dieser Männer hier, einer der wenigen, mit denen man sprechen konnte, hat das, die „heilige Woche“ genannt, die man „von zuhause weg darf“. Die Yacht ist groß genug. Und doch sieht sie zu eng aus. 8 Kerle. Da kommt eine Menge Mensch zusammen.
Die Schwimmstege hier in Lipari drücken die Schiffe mit diesen Crews dicht an dicht aneinander. Nebeneinander. Gegenüber. Mit unserem 10m-Schiff kommen wir uns klein vor. Mit unseren zwei Menschen beinahe unterbesetzt.
Fast alle reden zu laut. Viele rauchen. Regelmäßig platzen kehlige laute Lacher aus den Runden. Wieder eine lustige Segelgeschichte. Seemannsgarn, das sich zu voluminösen Seemannstauen aufbläht und dann wieder wegschrumpft. Je dunkler es wird, um so mehr sind die Geschichten und die Lacher angeschoben von Alkohol. Man merkt an den Versuchen, ab und zu die Stimme zu dämpfen, dass man durchaus etwas von ‚Nachtruhe‘ weiß. Aber dann drücken die Lustigkeit und der Alkohol den Pegel doch wieder hoch.
Russische Crews sitzen auch am späten Abend gerne noch mit den nackten Oberkörpern, die sie den ganzen Tag schon vorgeführt haben. Voluminöse behaarte Wölbungen über rutschenden Turnhosen. Teilrasierte Schädel.
Eine dieser Crews direkt neben uns. Um halb drei am Morgen beginnen sie Wodka-schwangere melancholische Tundra-Schlager zu singen.
Ich würde ihnen gerne gesagt haben, dass ich schlafen will, aber ich habe den Moment verpasst, wo ich es noch ohne Zorn herausgebracht hätte. Dann traue ich mich nicht mehr. Ich wälze Formulierungen auf Englisch. Ich verwerfe aber auch sie. Es war den ganzen Tag unschwer mitzubekommen, dass diese Männer kein Englisch können. Italienisch schon gar nicht.
Als ich mich morgens aus der Koje schäle, liegt einer von ihnen schnarchend auf der Cockpit-Bank. Ich schaue mich um. Aus den anderen Schiffen schleppen sich die ersten Kater mit Gesichtern, die genau so verblasst und zerknautscht sind wie ihre vom Charterunternehmen gestellten Handtücher, zuerst zum Klo und dann zur Dusche. Das Toilettenhaus ist viel zu klein für diese Mengen Mensch. Ich stelle mir den Geruch dort vor und das Aussehen der Kloschlüsseln.
Am Nachmittag nach unserer Ankunft war es einfach fremd. Jetzt am zweiten Tag ist es schon bedrückend. Ich kämpfe mit schweren Schüben vorurteilsverklebter Misanthropie.
Ich sehe nur noch diese überdrehten Großmäuler, dieses lächerliche Seebären-Gehabe von Menschen, die einmal im Jahr ein paar Tage auf einer Segelyacht sind und jetzt so tun, als hätten sie die Weltmeere erobert. Ich sehe, dass all diese Abenteurer es nicht für nötig halten zu grüßen. Wenn schon nicht die Kollegen auf den anderen Schiffen, dann doch wenigstens die vielen Menschen, die hier am Steg für sie arbeiten. Nein, auch die nicht. Gerade die nicht. Am schlimmsten die Russen. Sie furchen mit energischen Schritten und unbewegten Fressen durch einen Tunnel, den sie imperialistisch vor sich über den Steg gezogen haben. Und dann stehen lassen für den Rückweg.
Die Gesprächsfetzen, die man gezwungenermaßen von den deutschen Crews mithört, erzählen mächtige Abenteuerszenarien. Wie einer den und den tollen Spruch gemacht hat. Wie einer die und die heikle Situation beim Segeln bewältigt hat. Wie einer die und die total bescheuerten Fehler bei anderen gesehen hat. Wie einer bei Windstärke 8 mit vollem Tuch von da und da runter gebrettert ist. Mit so und so viel Knoten. Wie einer so besoffen war, dass er das und das. Ich höre das und fühle mich klein.
Als die Kater sich einigermaßen regeneriert haben, kündigt sich Aufbruch an. Unfassbare Mengen Müll werden von Schiffen geschleppt. Blaue Säcke, in denen leeren Flaschen klirren. Wir fragen uns, ob diese Müllberge nur von diesen zwei Tagen stammen, die man hier festsaß.
Beim Abräumen des Frühstückstisches, beim Müll-Wegbringen, beim Aufklaren des Schiffes für’s Ablegen kehrt tatsächlich so etwas wie Ruhe ein.
Dann legen die ersten ab. Mit schneidigen Anweisungen und Antworten, wie sie im Lehrbuch stehen, spielt man Seemann. „BACKBORD-MOORING LOS!!“ Einer beugt seinen für dieses Bücken eigentlich zu dicken Bauch über den Knoten. Es wirkt, als würde er noch ein letztes Mal herunterkommen. Unbeholfene Knoten-Knibbelei. „IST LOS!!“ Skipper, die sich beim Ablegen eine anstecken. „HECKLEINE STEUERBORD LOS!!“. Wir schauen uns verwundert an. Das ist die windzugewandte Leine. Wir hätten vermutet, dass sie die als letzte lösen.
Plötzlich entsteht Verwirrung. Das Schiff bewegt sich vom Steg weg, fährt los. Die Achterleine schwimmt bedrohlich lang im Wasser. Hoffentlich kommt die jetzt nicht in die Schraube. Einer bemerkt das. Lautes Rufen. Schimpfen. Stolpern. Reinziehen. Das Schiff biegt während all dem schon aus der Parkposition. Viel zu schnell. Irgendwie geht es trotzdem gut.
Der schneidige Seemanns-Ton passt nicht so recht zur Unbeholfenheit der Bewegungen. Ein Schiff nach dem anderen verlässt uns. Schicke 15-Meter-Yachten mit „Vollausstattung“. Man ist aufgeregt. Jetzt geht es wieder los. Das Meer ficken. Eine der Crews ist sich nicht zu schade, beim Ablegen die Anlage, die selbstverständlich auch Außenboxen hat, aufzudrehen: Rod Stewart. „WE ARE SAI – – LING: WE ARE SAI – LING“. Wir versuchen nicht hinzuschauen, wenn wir schon das Hinhören nicht vermeiden können und tun es doch.
Wir bleiben zurück. Eingeschüchtert.
Und mit unserem schlechten Gewissen. Wegen unserer Vorurteile über Russen. Wegen unserer heimlich lästernden verächtlichen Kommentare über die Seebären um uns herum. Wegen unserer Misanthropie.
Und ein bisschen besorgt, ob wir „denen“ jetzt wohl öfter begegnen werden.
Am Nachmittag füllt sich der Hafen wieder. Auch Russen sind dabei. Eine der Crews sehen wir abends in der Pizzeria. Sie tunneln an uns vorbei zum Nachbartisch. Sie sind noch sehr jung. Vielleicht hilft mir das. Jedenfalls gebe ich mir einen Ruck und spreche sie an. Auf Englisch. Einer von ihnen versteht tatsächlich. Ich frage sie, wo sie herkommen. Ich soll raten. Ich rate: Russland. Das verstehen alle. Tatsächlich Kontakt. Ein kleines Lächeln huscht durch die Gesichter. Es rettet sich bis hinein in die Begegnungen am Steg.

05. Oktober 2018

(Lipari)

Lipari angespülter Sand

Lipari räumt auf. Überall Überspülungen. Zwei Tage Starkwind an der Grenze zum Sturm. 2 Tage föhniges Gedrückt-Sein. Die Haare, die Blicke, die Gemüter sind zerzaust.

Kanarienvogel auf der Sprayhood

Und dann sitzt er da. Einfach so. Bunt. Fröhlich. Keck.
Wie ein Bote aus einer anderen Welt. Aus der Sommerwelt. Vielleicht ist er extra mal eben aus der Karibik zu uns herüber geflogen, um uns zu künden den Sommer, der zurückkehrt.
Hoffentlich.

05. Oktober 2018

(Canneto, Lipari)

Süße Versuchung und Espresso

Helm vor Stromboli

Etwas ist passiert mit uns. Wir wissen aber nicht so recht, was.
Wir machen eine lange Wanderung. Über einen Berg zur anderen Seite der Landzunge, an der unser Hafen liegt. Wundervolle Blicke, wundervolle Eindrücke. Aber wir können sie nicht so genießen, wie wir das bisher taten. Als würden sie nur von Möglichkeiten erzählen, aber nicht von Wirklichkeiten.

06. Oktober 2018

Lipari – Vulcano – Salina

Salina Cafe am Hafen

Salina Bank am Hafen

Ein traumhafter Scheißtag. Wie er schon anfängt! Im MorgenGrauen werde ich wach. Wälze unruhig gallig bohrende Gedanken. Ich weiß nicht, ob ich wach werde, weil ich diese unruhigen Gedanken in mir trage, oder ob ich wach werde und dann selber die Geister der Nacht rufe mit ihren schwefeligen Gedanken im Gepäck. Ist auch egal. Es nervt.
Wir hatten vor, uns noch einen weiteren Tag Ruhe und Erholung von dem wilden Weg hierhin zu gönnen. Die Anspannung, die wir auf diesem wilden Weg gespürt haben, hat uns nicht verlassen. Wir haben oft schweigend unserem inneren Brüten nachgehangen. Sind viel gelaufen. Haben Bruchstücke von Sätzen gesagt, die versuchten zu verarbeiten. Nicht nur die Anspannung des Weges hierhin. Auch all das, was das Stürmen in Reggio di Calabria, der stürmische Weg nach Messina, der Weg hierhin, die Stimmung hier im Hafen und das Wetter in uns ausgelöst haben. All das kriegen die Liebste und ich jede(r) für sich nicht zu fassen. Und schweigen. Und ein(e) jede(r) von uns versucht, die Quälgeister in sich selbst zu zähmen.
Heute Morgen frage ich mich, ob es wirklich gut ist, hier noch einen weiteren Tag vor sich hin zu brüten. Ist es nicht besser, sich einen Ruck zu geben, sich wieder auf den Weg zu machen? Vielleicht irgendwo an einer schönen Stelle zu ankern? Vielleicht einen anderen schönen Hafen auszumachen? Die Liebste wollte doch so gerne Vulcano sehen. Vielleicht sollten wir dort sogar an Land z.B. die warmen Quellen erleben, die dort der vor sich hin brütende Vulcan aus der Erde drückt.
Kaum ist die Liebste aufgestanden, offenbare ich ihr meinen Gedanken. Sie stimmt zu. Zweifelnd. Das weckt meine Zweifel. Aber ich sage sie nicht. Also brechen wir tatsächlich auf. Das Wetter ist sehr gut. Der Wind lässt sogar schönes Segeln zu. Anfangs. Schnell nähern wir uns der Insel Vulcano. Schweigen weiterhin. Ich bin aufgewühlt. Ich hatte mir Aufbruchstimmung erhofft. Rückkehr zu der glücklichen Gelassenheit der Wochen, die hinter uns liegen. Sie stellt sich nicht ein. Ich schweige nicht mehr. Ich brüte. Die Liebste hatte angedeutet, sie habe zu unserer aktuellen Verfassung noch eine weitere Idee. Ich warte darauf, dass sie sie offenbart. Tut sie aber nicht. Ich will aber auch nicht wieder derjenige sein, der anfängt.
In dieser Stimmung segeln wir zwischen Vulcano und Lipari. Faszinierende Blicke öffnen sich uns.

Vulcano aufsteigender Rauch

Aber sie sind nicht für uns. Sie sind nur für sich selber. Wir graben in anderem Gelände.
Einer dieser unglaublich schönen Blicke zeigt mir den Vulkan auf Vulcano. Er ist eher flach. Aus seiner Öffnung quillt weißer Dampf. Der Blick begeistert mich aber nicht. Er befördert eher meine Bitterkeit. Als wäre dieser Vulkan eine höhnische Darbietung unserer Verfassung. Er dampft, ohne dass sich der Rauch bewegt. Er brodelt. Wir sehen es aber nicht. Tief drinnen ist er aktiv, aber er bricht nicht aus.
Wir schieben langsam in eine Bucht. Hier könnten wir ankern. Aber wir bringen die Entschlossenheit nicht auf. Mit dem, was uns an Austausch noch möglich ist, wimmeln wir ab. Wir haben West-Wind heute Nacht. Die Bucht ist nach Westen offen. Das wird unruhig. Lieber nicht. Entschieden unentschlossen drehen wir um. Schieben auf die andere Seite der Insel. Auf dem Weg dorthin rufen wir den Hafen der Nachbarinsel an. Salina. Ja, dorthin können wir. Wir buchen einen Hafenplatz. Dann erreichen wir die Bucht auf der Ostseite von Vulcano. Wir haben die Information, dass das Gelände mit den Ankerbojen, die hier ausgelegt sind, schon geschlossen ist. Vor ein paar Tagen noch hätten wir hier einfach festgemacht und uns ein wenig auf der Insel umgesehen. Wären einfach das Risiko eingegangen, dass sich vielleicht jemand beschwert, dass wir an seiner Boje hängen. Wären wir eben wieder weitergefahren. Jetzt tun wir es nicht. Gerade wollen wir abdrehen, da schießt ein Schlauchboot auf uns zu. Ein Ormeggiatore bietet uns eine Boje an. Ist hier doch noch nicht zu? Wir könnten annehmen. Aber wieder steht uns die Unentschlossenheit im Weg. Wir haben ja den Hafenplatz in Salina festgemacht. Da jetzt wieder anrufen? Ach nee. Wir lehnen ab und drehen. Die Vulkane in uns drücken weiter. Inzwischen ist der Wind ganz eingeschlafen. Die Segel schlackern mit agressiver Unlust. Nutzloser Beschläge-Lärm. Produziert von Wellen, aber nicht von Wind. Der innere Druck steigt. Die Liebste möchte mich aufheitern und schlägt vor, dass wir ein wenig ankern und schwimmen gehen. Das hätte ich doch heute Morgen auch vorgeschlagen. Ob ich dazu nicht Lust hätte.
Der Vulkan bricht aus. Ich schnauze herum. Nein, ich habe keine Lust. Ich hab zu gar nichts Lust. Ich will einfach nur ankommen und vom Schiff. Ich hasse, dass ich, dass wir einen ganzen Tag unseres Lebens mit Dickluft verschleuder(n) und schäme mich und hasse das auch und kann nicht anders.
Wir reißen die Segel herunter und motoren schweigend nach Salina. Ein wenig lichtet sich das Brüten, als wir in den Hafen einbiegen. Er ist fast leer. Keine einzige Männercrew. Schon gar keine russische. Ein überaus freundlicher Ormeggiatore empfängt uns und hilft beim Festmachen. Kaum fest, schnappe ich Badehose und Handtuch. Ich habe beim Annähern direkt neben dem Hafen einen kleinen Strand gesehen. Noch ist da Sonne. Da will ich hin. Wortlos.
Die Liebste schaut mir beim Absteigen zu. Dann sagt sie, ob wir nicht jetzt mal Frieden machen könnten. Liebevoll sagt sie das. Wir könnten uns doch trotz allem einen schönen Abend machen. Ich antworte schon nicht mehr haltlos mürrisch. Ja, können wir, aber jetzt gehe ich erstmal schwimmen. Danach kümmern wir uns um den Abend.
Mein kleiner Ausbruch hilft mir. Das Meer. Das Schwimmen. Das Stapfen durch heißen schwarzen vulkanischen Strandsand. Das Trocknenlassen auf dem angenehm warmen Pflaster der Pier-Reste neben dem Strand. All das holt mich zurück in das Leben jetzt. Währenddessen verkriecht sich die Sonne langsam hinter die Hügel.
Ich gehe zurück. Wir lächeln einander etwas unbeholfen an.
Die Liebste fragt, wie wir denn jetzt mal den Abend angehen. Ich schlage vor, dass wir zuerst mal eine Bar suchen, wo wir ein Glas Wein kriegen. Dass wir dann noch einmal einen Versuch machen zu sagen, was eigentlich los ist mit uns. Aber Klartext. Kein Geeier. Sie stimmt zu.
Wir brechen auf. Landfein. Unmittelbar neben dem Hafen sehen wir einen kleinen Laden. „Terre di Salina“. Eigentlich sieht er nicht aus wie eine Bar. Aber es stehen zwei kleine Tische draußen. Beide besetzt. Schade. Ein Mann bringt gerade zwei Gläser an einen der Tische. Man plaudert ein wenig. Wir schauen uns um. An einer Seite der kleinen Piazza vor dem Laden steht eine Bank. Dort können wir doch hin! Kurz entschlossen – es geht also doch noch – gehen wir zu dem Laden und fragen, ob wir zwei Gläser Wein bekommen und damit auf die Bank da vorne … ? Certo!
Die Bank ist gut für uns! Für das, was wir vorhaben, möchten wir ja gar keine Zeugen am Tisch nebenan.
Die Bank heißt fortan „Tachelesbank“. Denn wir reden tatsächlich klar und offen. Und tief. Was wir alles voneinander erfahren aus den letzten drei Tagen! Vieles davon ist gegensätzlich. Vieles davon gleich. Ich beschwere mich z.B. über einen Gesprächsversuch am Vorabend. Wir redeten über die Angstfahrten. Meine Angst vor Messina. Die Angst der Liebsten vor Lipari. Heute auf der Tacheles-Bank beschwere ich mich, dass ich das Gefühl hatte, beim Reden am Vorabend sei die ganze Zeit in der Liebsten noch ein Parallelfilm abgelaufen. Fliehende Blicke. Zögernde Worte. Ich wüsste aber nicht, welcher. Ich erfahre, dass die Liebste sehr verunsichert ist. Warum ich auf der Fahrt nach Messina so den Boden unter den Füßen verloren hätte und auf der Fahrt nach Lipari dann so sicher gewesen wäre. Die Vorstellung nicht zu wissen, wie ich wohl bei der nächsten schwierigen Situation wäre, mache ihr Angst. Sie habe das aber so nicht sagen wollen, um mich nicht zu verletzen. Der zweite Film.
Wir reden über Heimweh. Darüber, dass wir Sorge haben, dass die Zeit der Unbeschwertheit vorbei sei. Und die Zeit der Ungemütlichkeit, der Sorgen da. Und darüber, dass wir beide Angst haben, unser zielloses Schweigelaufen sei Ausdruck von Langeweile zwischen uns. All das und vieles mehr kommt auf die Bank. Die Tachelesbank.
Als wir zurückgehen zum Laden, sind die Gäste weg. Der Besitzer empfängt uns in der Tür. Er lächelt. Als wüsste er, was da gerade auf der Bank passiert ist. „Ancora tuto bene?“ Wir kommen ein wenig ins Gespräch. Es ist erstaunlich ruhig. Offen. Einfühlend. Wir erfahren, dass er Bartholo heißt und auf der Insel geboren ist und vieles mehr. Er erfährt von unserer Reise. Wir stehen noch eine ganze Weile da. Er fragt, wie lange wir bleiben. Wir wissen es noch nicht. Na, dann könnten wir doch morgen zu einem Fest in Valdichiesa kommen. Das sei so 10 km entfernt von hier. In den Bergen. Dort sei morgen ein Erntedankfest. Er sei auch da. Mit der Familie. Dort könnten wir doch auch …
Ja, sagen wir, gute Idee. Vielleicht machen wir das wirklich.
Beim Gehen fällt uns noch ein: Ob er nicht einen Tipp hätte, wo wir jetzt essen gehen könnten. Certo. Er schickt uns zu einem Restaurant. Es ist wundervoll. Es gibt zwei Etagen. Wir sind die einzigen Gäste. In der oberen Etage steht ein Klavier. Darf ich? Certo! Ich klimpere ein wenig herum. Das ganze Restaurant strahlt mit jeder einzelnen Person und mit jedem einzelnen Gegenstand „Einladung“ aus.
Zwei sehr junge Männer bedienen uns. Ihr Lächeln ist professionell. Und dann haben aber beide so viel Spaß an ihrem Lächeln und unserem Zurücklächeln, dass es sich einem Lachen nähert. Als würden wir alle über das Lächeln lächeln. Wie sehr wir erleichtert sind, können sie nicht wissen.
Glücklich gehen wir nach Hause. Zu unserem Schiff. Da sind wir wieder. Die Silhouette am Bug, … die heruntergeklappte Badeplattform, die beiden Steuerräder, … ist das nicht auch ein Lächeln?

07. Oktober 2018

(Valdichiesa, Salina)

Wir machen es tatsächlich. Wir nehmen die Einladung von Bartholo an. Mit dem Bus fahren wir nach Valdichiesa. In Malfa müssen wir umsteigen.

In Valdichiesa steigen wir aus. Schauen uns um. Auf einem Hügel steht eine kleine, auf liebenswerte Art verwitterte Kirche. Drumherum nur einige ganz wenige Gebäude. Wir steigen hinauf. Schon bald hören wir Gesänge.

Kirchgänger Valdichiesa

Es läuft eine Messe. Vor der Kirche mäandern einige Menschen. Manche kommen aus der Kirche, manche gehen hinein, manche gehen einfach so hierhin, dahin. Rechts von der Kirche bereitet sich eine Brass-Band von jungen Menschen vor. Sie werden gleich spielen. Ganz langsam werden sie lauter. Reden. Lachen. Probieren die Instrumente. Einige Männer, die im Eingang der Kirche stehen, bedeuten ihnen freundlich, aber energisch, dass sie die Messe stören. Sofort wird die Gruppe leiser. Für cinque minuti.
Vor der Kirche sind in einem großen Viereck Tische aufgebaut. Weiße Decken darauf. Und Blumenschmuck. Ansonsten sind sie leer.
Wir hocken auf einer Mauer etwas abseits. Mal in der Sonne. Mal im Schatten. Mal zu heiß. Mal zu kühl. Der Sommer ist nicht mehr groß.
Dann nimmt das Mäandern zu. Immer mehr Menschen kommen aus der Kirche. Ein paar Mal denken wir: So, jetzt ist wohl die Messe zu Ende. Aber jedes Mal geht sie weiter. Ein besonders inbrünstig gesungenes Lied und eine besonders feierlich geschmetterte Orgel zeigen dann aber doch das eigentliche Ende an.
Sehr viele Menschen quillen aus dem Gotteshaus. Beseelt lächelnd wimmeln sie auf den Stufen. Noch aber bleiben sie in der Nähe. Erst nach einer Weile verstehen wir, warum. Der Pastor versucht mit Rufen und Gesten, sie alle auf den Stufen zu versammeln. Die eine oder die andere muss er persönlich bitten. Und dann hat er es geschafft. Der größte Teil der Gemeinde steht für italienische Verhältnisse extrem geordnet vor der Kirche. Die Erinnerungsfotograf*innen drängen die Menge immer dichter zusammen. Apparate klicken. Handys zwipschen.

Gruppenbild beim Erntedankfest

Anschließend spielt die Brassband.

Brassband beim Erntedankfest

Es macht Spaß, sie zu sehen und zu hören. Sie sind gut eingespielt. Sie genießen, was sie tun. Vorne rechts muss eine in den Spielpausen doch ab und an mal kurz aufs Handy schauen. Es gibt keinen Dirigenten. Der Leiter steht inmitten der Gruppe. Er spielt ein Bass-Saxophon. Er ist das Zentrum. Kaum merklich reguliert er von hier Tempo, Takt und Dynamik.
Nach 5 oder 6 Nummern ist es soweit. Die Tische werden gedeckt. Unzählige Platten, Schüsseln und Töpfe werden aus einem der anliegenden Gebäude hierher getragen. Kurz darauf stieben alle um die Leckereien. Es wird heftig gedrängt, geschubst, geangelt, gehäuft, geplappert.  Zu stark beladene Plastikteller werden balanciert. Wir mittendrin. Mit vollen Tellern ziehen wir uns wieder aufs Mäuerchen zurück. Bartholo kommt vorbei. Begrüßt uns mit Freude. Stellt uns Eduardo vor, seinen Sohn, Esther, seine Tochter und Sabina, seine Frau. Immer wieder mal kommen sie alle gucken, ob wir noch da sind, plaudern ein wenig, mäandern weiter.
Plötzlich ragen aus dem Geplapper um uns herum Worte heraus, die wir verstehen. Eine Gruppe älterer Menschen spricht Deutsch. Eine Spur zu laut. Für unseren Geschmack. Dabei sprechen sie nicht lauter als alle anderen hier. Nur dass wir uns nicht konzentrieren müssen, um sie zu verstehen. Man kommentiert die Speisen. Dieses sei gut, das nicht so. Dies sei eher langweilig. Hiervon sei zu wenig da. „Ganz schönes Gedränge.“ „Ich lauf schnell nochmal, bevor das alle ist.“ „Jetzt könnte aber langsam mal der Nachtisch kommen.“ „Hoffentlich gibt’s überhaupt welchen.“ „Hö hö.“„Bestimmt. Wir sind ja in Italien.“ „Hö hö.“ Einer holt die dritte Runde Wein. Eine jüngere Frau, offenbar die Reiseleiterin, erklärt der Gruppe den weiteren Verlauf des Tages. Der Bus komme gleich. Er habe im Moment noch eine andere Tour. Dann fahre man in Robertos Olivengarten. Dort würde man ein bisschen über den Olivenanbau erfahren und bekomme selbstverständlich auch einen Imbiss. „Oh, da ist ja Roberto, der Olivengärtner. Da kann ich ihn gleich mal rasch vorstellen.“ Dem ist das sichtlich unangenehm. Da man aber weiteressen und weitertrinken will, ist er schnell wieder erlöst.
Die Liebste und ich beichten einander, dass uns das Wort „Schmarotzer“ einfiel. Pflichtschuldig bemerken wir, dass wir selbst ja eigentlich auch schmarotzen. Um gleich danach klug zu begründen, weshalb wir anders sind. Und grinsen dabei. Trauen unserer eigenen Eloquenz nicht so richtig.
Die Reisegruppe ist ein guter Anlass so langsam zu gehen.
Wir wandern ein Stückchen runter zur Küste. Nach Leni. Von dort wollen wir den Bus zurück nehmen. Seine Ankunft dauert noch ein Weilchen, aber zum Glück ist direkt neben der Bushaltestelle eine Eisdiele…
Plötzlich sagt die Liebste: Guck mal, da ist unser Betreuer. Ihr Lächeln und ihre Freude formen die Anführungsstriche. Sie erinnern mit schöner Feinironie daran, was wir gestern auf der Tachelesbank erlebt haben.
Bartholo will seinen Kindern ein Eis spendieren. Esther hüpft eilig nach innen. Die Sorte aussuchen. Eduardo bleibt am Vorgarten hängen. Dort ist ein kleines Gehege mit Schildkröten. Sie dösen halb im Wasser in einem kleinen Bassin. Mehrmals kommt sein Vater heraus und drängt. Ob er nun ein Eis wolle oder nicht. Ja, ja, klar. Aber dann kann Eduardo sich doch nicht von den Schildkröten lösen. Schließlich kommt der Vater mit Esther heraus, hebt mit Schwung im Vorbeigehen Eduardo hoch. Der will gerade protestieren, da hält der Vater ihm ein Schokoladeneis entgegen.
Kurz darauf hören wir eine Hupe. Unser Bus kommt.

08. Oktober 2018

(Salina)

5 Minuten Ruhe

Zwei ältere italienische Paare auf dem Nachbarschiff. Anders als die Männercrews, die hier unterwegs sind, nehmen sie sofort Kontakt auf. Einer von ihnen spricht sogar fast perfekt Deutsch. Als ich das sage, antwortet er „Oh, oh, Vorsicht. ‚Perfekt‘ ist ein großes Wort.“ Ich antworte in wahrscheinlich nicht perfektem Italienisch: „Ma, … siamo in Italia. È normale usare grande parole qui.“ Er lacht. Immerhin: Der Witz scheint funktioniert zu haben trotz der Zweifel, ob er richtig formuliert war.
Der Mann erzählt von einem Nachtausflug mit dem Boot nach Stromboli. Voller Ehrfurcht hätten sie sich die aus dem Vulkan blubbernde und den Hang herunterlaufende glühende Lava angesehen. Sie hätten die ganze Zeit kein Wort gesprochen. So ergriffen wären sie gewesen, welche Macht die Erde habe.
Das erzähle ich der Liebsten. Sie lächelt verschmitzt. Jetzt wisse sie endlich, warum es Stromboli gebe. Damit auch Italiener mal 5 Minuten die Klappe halten.

08. Oktober 2018

(Salina, Lingua)

Salina Leuchtturm bei Lingua

Ein kleiner Ausflug zu einem Leuchtturm an der Südspitze von Salina. Er sieht schon von weitem sehr lauschig aus. Erst recht aus der Nähe. Erst recht im Abendlicht.
Die Idylle wird einmal kurz zerrissen von der Schnellfähre. Seit Milazzo sehen und hören wir diese Gefährte aus einer anderen Welt immer wieder die Inselwelt durchfurchen.

Kurz danach beobachten wir ganz lange zwei Jungs, die einen kleinen Damm bauen. Sie sind lebensgroß vertieft in ihren Film. Einmal schleppt der kleinere von den Beiden einen Stein, der etwas groß geraten ist. Am Ende des Bauwerks droht er kurz das Gleichgewicht zu verlieren. Der Größere eilt ihm zu Hilfe. Der Stein, den anchließend der Größere auswählt, muss dann natürlich besonders groß sein. Er merkt auf halber Strecke, dass auch er sich eigentlich verhoben hat. Aber er hält durch. Man spürt, wie er alles aufbietet, sich diese Schmach jetzt nicht zu leisten. Und er schafft es! Am liebsten hätte ich geklatscht. Aber dieses Spiel darf ich nicht stören.

Salina Junge schleppt Kieselbrocken

 

09. Oktober 2018

(Salina, Ankerbucht bei Pollara)

 

Noch einmal schenkt uns unsere Reise eine paradiesische Ankerbucht. Der Tag verlangt wie alle anderen einen Eintrag ins Logbuch. Aber da verschlägt es selbst einer geübten Schwätzbacke wie mir die Sprache…

Logbuch ohne Worte
10. Oktober 2018

(Salina – Panarea – Lipari)

Ein schöner Plan ist das: Wir verlassen Salina in Richtung Stromboli. Wir wollen in der Mitte der Strecke bis Stromboli für eine Nacht auf Panarea in einem Hafen mit Mooringbojen festmachen. Einen Platz haben wir gestern schon telefonisch gebucht. Übermorgen wollen wir dann weiter nach Stromboli und dort auf den Vulkan steigen.
Es ist ein traumhafter Segeltag. Blauer Sommerhimmel. Guter Wind. Wir segeln Panarea entgegen und bergen erst kurz vor dem Mooring-Feld die Segel. Wir stutzen allerdings etwas, weil wir hier die Einzigen sind.
Als wir den Hafenmeister anrufen, teilt er uns mit, dass der Hafen leider geschlossen sei. Man erwarte Starkwind aus Ost. Dann sei ihr Hafen viel zu unsicher. Ich frage ihn, ob es auf Panarea eine andere Möglichkeit gebe. Obwohl ich weiß, was er antworten wird. Ja, es gebe eine Ankerbucht, aber die sei nicht sehr sicher, und bei starkem Ostwind schon gar nicht. Also ändern wir spontan den Plan und wollen sofort weiter nach Stromboli. Dorthin, sagt der Hafenmeister, könne man heute erst recht nicht. Stromboli sei bei dem zu erwartenden Wind noch gefährlicher als Panarea.
Wir legen auf. Wir ärgern uns gerade soviel, dass es diesen wunderschönen Segeltag nicht wirklich stört.
Und ändern wieder den Plan. Den für heute und den für die kommenden Tage.
Heute besuchen wir zum ersten Mal auf unserer Reise einen Hafen zum zweiten Mal: Lipari, Porto Pignataro. Schon als wir dort anrufen, haben wir das Gefühl, dass der Hafenmeister sich freut. Ah, si, Onnie! (Ach!, wie wir das lieben gelernt haben, diese italienische Aussprache von Honey!) Va bene! A Presto! Aber vielleicht bilden wir uns das auch ein.
Bei der Ankunft dürfen wir erleben, dass wir es uns nicht einbilden. Der Hafenmeister ist ein älterer ruhiger, sehr ernsthafter, schweigsamer Mann, den man leicht für verschlossen, wenn nicht spröde und ‚dicht‘ halten kann. Wir taten das auch.
Heute erlaubt er sich einen kleinen Ausbruch. Jedenfalls für seine Verhältnisse. Er gibt uns sehr innig zu verstehen, dass er sich freut uns wiederzusehen.
Es ist ein gutes Gefühl so willkommen zu sein. Mit hohem „U“

11. Oktober 2018

(Lipari)

Küste auf Lipari

Wir wollen eine Wanderung machen. Wählen eine Bushaltestelle auf der anderen Seite der Insel, wo wir beginnen können. Pianoconte. Im Bus lauter Schülerinnen und Schüler. Der Bus arbeitet sich durchs Innere der Insel und dann an der Küste entlang die Serpentinen hoch. Nach jeder Kurve neue überwältigende Blicke. Erst recht, als das Meer in Sicht kommt. Die Jugendlichen interessiert das nicht. Ihr Alltag … Sie arbeiten gerade den Nachrichten-Stau in den verschiedenen Chat-Rooms ab. Die Liebste fragt einen von ihnen, ob Pianoconte die nächste Haltestelle ist. Er nickt. Sofort ruft er lautstark durch den ganzen Bus dem Busfahrer zu, dass due personi in Pianoconte aussteigen wollen. Anschließend dreht er den Kopf wieder zu Ulrike und lacht sie an. Dann vertieft er sich wieder in sein Handy.
Am Abend erleben wir wieder, wie sehr der Hafenmeister uns ins Herz geschlossen hat. Wir wollen morgen einen langen Schlag zurück zum Festland machen. Für Sizilien gilt eine Gewitterwarnung. Der Rest der Wetterberichte ist aber harmlos. Eine ähnliche Situation wie auf unserem ersten Weg nach Lipari. Wir fragen den Hafenmeister, wie er die Sache sieht. Er recherchiert ein bisschen auf seinem Handy und sagt dann, er sehe keine Gefahr. Dann geht er. 10 Minuten später kommt er nochmal wieder. Ich klettere zu ihm auf den Steg und zusammen vertiefen wir uns noch einmal in alle Informationen, die wir gemeinsam erhalten können. Dabei zeigt er mir noch eine italienische Wetter-App, und wie er bei Gewitterwarnung damit umgeht, um genauere Informationen zu erhalten. Als er geht, sind wir sicher, dass wir morgen aufbrechen können.

 

13. Oktober 2018

(Taureana)

Bocchettone di riempimento. Heißt: Einfüllstützen.
Ich hätte mir bessere Umstände gewünscht, unter denen ich diese und ähnliche Vokabeln lerne.
Wir gehören nicht zu den Menschen, die ab und zu sagen, dass es keine Zufälle gebe. Weil wir davon überzeugt sind, dass das Quatsch ist. Heute gerät diese Überzeugung ins Wanken.
Wie üblich kontrolliere ich am frühen Morgen vor der Fahrt den Ölstand. Er ist minimal gesunken. Wir haben ein langes Stück vor uns. Also beschließe ich, ein wenig Öl nachzufüllen. Heißt: Die Ölflasche aus der tiefen Backskiste im Cockpit angeln. Den Trichter für’s Einfüllen aus einer noch tieferen Stelle in der Backskiste angeln. Küchenpapier bereitlegen, weil ich noch nie geschafft habe, die Prozedur ohne Tropfen und ohne Flecken hinzukriegen.
Ich schiebe energisch meine Ungeduld beiseite und gestalte die Vorbereitungen heute mit besonderer Sorgfalt. Sogar eine Stirnlampe hole ich mir, weil man das Fließen des Öls selber in der Enge im Motorraum kaum sehen kann.
Ich lege etwas Küchenpapier ins Waschbecken. Darauf lege ich vorsichtig den schwarzöligen Deckel vom Einfüllstutzen. Ich hänge den Trichter in den Öleinfüllstutzen. Ich greife die Flasche mit dem Öl und öffne sie. Ich lege den Deckel der Flasche ebenfalls vorsichtig auf das Küchenpapier. Ich mache mir selber Licht und kippe vorsichtig die Ölflasche über dem Trichter nach vorne. Einen kurzen Moment stutze ich, weil die Flüssigkeit, die in den Trichter gluckst, mir so dünnflüssig vorkommt. Einen kurzen Moment lasse ich sie weiter glucksen.
Und dann flutet es mir siedend heiß Gesicht, Hirn und Herz.
Das ist nicht das Öl!
Ich reiße die Flasche aus dem Motorraum. Schaue drauf. Es ist die Kühlflüssigkeit. Ich weiß, was das bedeutet, kann mir die Erkenntnis aber noch einen Moment vom Hals halten. Ich rufe den Leiter des Stützpunktes auf Elba an, weil ich jetzt jemanden brauche, mit dem ich Deutsch reden kann. Während ich mir zurechtlege, was ich ihm erklären muss, phantasiere ich, wie er sagt: „Ja, – ist blöd, aber auch nicht so schlimm. Sie müssen jetzt einfach folgendes machen: …“
Die Wahrheit ist: In geschäftsmäßigem Katastrophen-Management-Ton spult er das notwendige Prozedere ab. Kompletten Ölwechsel machen. Das ganze alte Öl muss raus. Ölfilter wechseln. Auch hier können Reste von Kühlmittel drin sein.
Wir haben heute Samstag, sagt er, da werden sie da, wo sie jetzt sind, bleiben müssen. Vor Montag läuft da jetzt nichts mehr.
Erst jetzt fühle ich von einem Moment auf den anderen, dass meine Gedanken und Gefühle schmerzhaft verätzt sind.
Ich hatte mich so auf diesen Tag gefreut. Traumwetter. Schöner Wind. Und als Ziel den Hafen, den wir schon kennen. Und der einer der schönsten auf unserer Tour war. Vibo Marina.
Und jetzt habe ich das mit 3 Sekunden Unaufmerksamkeit zunichte gemacht. Geradezu schmerzhaft intensiv phantasiere ich, ich könnte diese 3 Sekunden zurückspulen. Und das 20 Mal pro Minute. Und steigere den Schmerz noch mit dem bitteren Gedanken, wie absurd dieser Gedanke ist. Und schimpfe mit mir selbst, dass ich mir auf so dumme Art meine eigene Vorfreude so unwiderruflich zerstöre. Dass ich aus einem wunderschönen Tag einen Scheißtag mache. Und kann kaum atmen. Und habe Herzklopfen und Nackenschmerzen und schreie innerlich, dass das jetzt bitte nicht wahr ist. Und schreie äußerlich, weil es nicht so ist.
Mich wundert, dass die Liebste relativ gelassen reagiert. Sie ist schon dabei, an den Lösungen zu arbeiten.
Schließlich gehen wir zum Hafenmeister. Ich ein Senkkopf-beschwertes haderndes Elend. Sie einfach eine energisch ausschreitende Frau, die jetzt gleich ein Problem lösen wird.
Wir haben ein paar Begriffe nachgesehen und versuchen verzweifelt sie zu behalten für das Gespräch mit dem Hafenmeister. Einfüllstutzen. Aus Versehen. Einfüllen. Kühlflüssigkeit. Ölwechsel. Ölfilterwechsel. Werkstatt.
Der Hafenmeister reagiert auf unsere Geschichte mit aufmerksamer Gelassenheit. Und sagt den am wenigsten erwarteten Satz. Non c’è problemo.
Wie bitte?
Ja, – den Ölwechsel mache ich selber. Ich bin hauptberuflich Schiffsmechaniker. Die einzige Schwierigkeit ist, heute, am Samstag den Ölfilter und das Öl zu besorgen. Aber ich kenn ein paar Leute. Das wird schon gehen. Ich komme jetzt mit zu Ihrem Schiff, schreibe mir ein paar Daten zu dem Motor auf, telefoniere ein bisschen und dann komme ich in einer halben Stunde nochmal wieder.
Das ist so erleichternd, dass wir uns noch gar nicht trauen, zu glauben, dass es das Ganze so einfach gut ausgehen soll.
Und nach einer halben Stunde kommt er tatsächlich über den Steg geschlappt. Hat einen silbernen Koffer in der Hand und eine Tüte. Auf dem Schiff fängt er augenblicklich an zu hantieren. Windet sich mit Eleganz in kaum zugängliche Kleinsträume in diesem Aggregat, frickelt eine eigentlich zu dicke Leitung in den Stutzen des Ölmessstabes. Zaubert irgendwie ein Spezialwerkzeug auf den Ölfilter. Schafft es millimeterweise ihn zu lösen. Was er auch macht, ich beobachte staunend dieses schweigende Bewegungsuhrwerk. Immer, wenn ich seinem Stöhnen oder meinen Beobachtungen entnehme, dass jetzt gerade irgendwas nicht funktioniert, löst sich meine Hoffnung, wir würden nochmal davonkommen, wieder auf. Und erscheint von neuem, wenn ich sehe, wie der Mann für irgendein Problem dann doch noch eine andere Lösung findet. Er redet kaum. Er arbeitet gelassen und zielstrebig. Ab und zu lässt er sich von mir etwas anreichen.
Nach zweieinhalb Stunden ist er fertig.
Er stapft zurück zu seinem Büro. Wir sollen „doppo“ hinterherkommen. Auf einem Schmierzettel stehen ein paar Zahlen. Darunter eine Endsumme. Das bekomme er von uns.
Es ist viel zu wenig für mein Gefühl. Ich gebe ihm deutlich mehr. Er will das nicht. Ich zeige ihm mit Hingabe, dass es sehr wichtig für mich ist, ihm mehr zu geben. Von dem, was zuviel sei, sagt die Liebste zu ihm, könne er ja seinen Kindern etwas Schönes kaufen. Das überzeugt ihn.
Wie er eigentlich heiße. Rocco. Wir reden noch ein bisschen. Scherzen nochmal über die vergessenen Schiffspapiere und über das Hinterherbringen.
Ganz am Ende frage ich ihn, ob er uns eine schriftliche Bescheinigung geben könne, für die Charteragentur. Das könne er leider nicht, sagt er und fragt, wo wir das Schiff denn abgeben müssten. Wir sagen es ihm und er strahlt. Ach so, ja, Tropea. Suncharter. Klar. Da ist doch der Stützpunktleiter Francesco. Den kenne ich. Den rufe ich einfach eben an. Und hat schon gewählt.
Um 1 können wir tatsächlich auslaufen. Er winkt hinter uns her. Diesmal reicht das. Er muss nicht auch noch ein Motorboot klarmachen, wie am 23. September.
Und wir denken ein wenig demütiger darüber nach, ob es nicht vielleicht doch stimmt, dass es keine Zufälle gibt.

Kühlmittel für Schiffsmotor

 

14. Oktober 2018

(Vibo Valentia Marina – Lamezia Therme)

Wir sind in unsrem Lieblingshafen. Vibo Marina. Noch einmal. Jetzt, zum Abschluss unserer Reise. Das Wetter ist zum Heulen. Es regnet in Strömen. Und das soll auch in den nächsten Tagen so bleiben. Die Bar auf dem Schwimmsteg ist zu. Nachsaison. Der Ormeggiatore, der von all den netten Hafenmitarbeitern noch übrig ist, gibt sich größte Mühe, für uns da zu sein und uns das Gefühl von „sehr schöner Hafen“ zu bestätigen.

Aber der Hafen ist entzaubert. Von Kälte, starkem Wind und platschendem Regen und dem immer näher kommenden Ende eine Traumreise.
Irgendwie ist es auch gut, dass sich Idyllen nicht einfach so ein- und ausschalten lassen. Dass man sie nicht eins zu eins wieder buchen kann.
Wir fahren im strömenden Regen mit dem Zug nach Lamezia Terme.

Vibo Valentia Bahnhof im Regen

Der Schaffner im ersten Zug ist die gute Seele des Zuges. Als wir sagen, wo wir hinwollen, ist er ernsthaft zerknirscht. Wir müssen erst eine lange Strecke nach Süden, dann in einem Bogen ins Landesinnere, und dann die doppelte Strecke wieder zurück nach Norden. Diese unnötige Geldausgabe tut ihm so leid, dass er, als wir die Fahrkarte kaufen wollen, sagt, das sei ein etwas längerer Akt. Da müsse er erst noch ein paar andere Dinge regeln. Immer wieder mal kommt er vorbei, kündigt seine baldige Bereitschaft zum Kartenkauf an und geht dann erst nochmal weiter. Einmal lässt er den Zug warten, weil ein Migrant mit einem Fahrrad die falsche Tür genommen hat. Der Schaffner sorgt zuerst dafür, dass der junge Mann wieder rauskommt und dann dafür, dass er den Eingang zum Fahrradabteil findet. An einem anderen Bahnhof lässt er den ganzen Zug kurz vor dem Ende des Bahnsteiges noch einmal anhalten, weil ein junger Mann verzweifelt, als er die Tür zum Aussteigen nicht geöffnet bekommt.
Erst nach weiteren 6 Haltestellen kommt er dann zu uns. Beteuert noch einmal, wie leid es ihm tue, dass wir soviel Geld bezahlen müssten für eine Strecke, die wir ja gar nicht fahren wollten. Und berechnet unsere Fahrkarte dann ab dem nächsten Bahnhof.
Als wir an der Endstation aussteigen, steht er da. Es wirkt fast, als würde er schauen, ob auch alle heil aus „seinem Zug“ herauskommen.

 

 

15. Oktober 2018

(Vibo Valentia Marina – Cosenza)

Kontakt verändert die Welt.
Wir machen einen Ausflug in die Stadt, von der wir in einem früheren Urlaub einmal erfahren haben, dass sie vor langer Zeit die Konkurrenz mit Reggio di Calabria um den Titel „Hauptstadt Calabriens“ verloren hat. Seitdem träumen wir davon, dort einmal hinzukommen.
So nah wie jetzt werden wir dieser Stadt so bald nicht mehr kommen. Also nutzen wir einen weiteren Regentag zu einem Ausflug dorthin.
Schon beim Einfahren empfinden wir die Stadt als sperrig. Die Stadt kämpft mit dem Verfall.

Cosenza Verfall

Beim Durchstreifen der Straßen wird uns schmerzhaft klar, was für ein nie endendes Riesenprojekt es ist, so eine Stadt in Ordnung zu halten.
Es ist schwierig, sich zu orientieren. Zwei Flüsse, die hier zusammenfließen, bilden ein Dreieck. Es gibt mehrere Hügel, auf die sich Häuser drängen. Welche Brücke war das nochmal? Ist die Altstadt an diesem Hügel aufwärts oder an dem da? Der regenverhangene Himmel hellt den Eindruck nicht gerade auf. Die Kälte auch nicht.
Also machen wir, was wir dann immer tun. Wir gehen in die nächstbeste Bar.
Ich frage die junge Frau, die hier bedient, nach der Toilette. Sie zeigt nach hinten, sagt aber, ich müsse noch warten, da sei gerade eine Japanerin drin. Ich solle mich setzten. Sie würde mir dann Bescheid sagen. Beim Bezahlen fragen wir nach der Haupteinkaufsstraße. Dort soll es eine Freiluft-Kunstausstellung geben. Sie überlegt, wie sie uns den Weg erklären kann.
Einem Mann an der Theke dauert das zu lange. Also erklärt er es uns kurzerhand. Und, ja, er habe auch von der Kunstaustellung gehört. Sie sei schön.
Inmitten der Kunstausstellung eine Eisdiele. Der junge Mann darin verwickelt uns in ein Gespräch. Wo wir herkommen. Wo wir hinwollen. Ob es uns gefällt in Cosenza. Wir fragen ihn, wo wir seiner Meinung unbedingt hin müssten. Er schickt uns unter anderem zum Theater.
Wir finden und betreten das Theater. In der Eingangshalle schauen wir uns um. Dieses Gebäude und der Platz davor sind besonders liebevoll gepflegt. Von selbst wären wir nie auf die Idee gekommen, weiter ins Innere zu gehen und den „heiligen Raum“, den Ort des Spiels, von uns aus zu betreten. Eine Art Rezeptions-Angestellter, der an einem Tisch in der Eingangshalle sitzt, spricht uns von sich aus an. Wir könnten gerne weitergehen und uns den Theaterraum selber ansehen, wenn wir wollten. Natürlich wollen wir.
Innenraum Theater Cosenza

Wir streifen weiter durch die Stadt. Es ist Montag. Das Museum, das uns auch noch interessieren würde, hat heute zu. Trotzdem gehen wir hin, weil uns der junge Mann in der Eisdiele auch hierhin geschickt hat. Als wir im Durchgang zum Innenhof des Gebäudes stehen, öffnet ein Mann eine Tür. Er erklärt uns, dass das Museum leider zu habe. Aber wir könnten ja, wenn wir wollten, einen Blick in dieRestaurationswerkstatt werfen. Da werde gerade an einem Bild gearbeitet. Natürlich möchten wir.
Die Restauratorin erklärt uns mit Hingabe, woran sie gerade arbeitet und wie.

Gemälde Restauratorin in Cosenza

Der Weg aus der Stadt ist ganz anders als der Weg hinein. Wir erzählen noch einmal alle unsere Begegnungen nach. Und fragen uns, ob es in Cosenza wohl so ist, wie in so vielen Städten in Calabrien. Dass sich die Stadt, ist es erst einmal Abend geworden, komplett verändert. Dass das milde gelbliche Licht zusammen mit bunten Geschäftsbeleuchtungen den Charakter der Stadt umdrehen. Dass das Marode sich zur Nachtruhe begibt und das Leben die Gassen für ein paar Stunden in Beschlag nimmt. Wir sind sicher, dass wir irgendwann zurückkommen und die Stadt am Abend erleben werden. Vielleicht beginnen wir unseren Weg dann einfach wieder in jener Bar …

17. Oktober 2018

(Tropea)

Noch einmal dürfen wir Tropea erleben. Jetzt sind wir schon so oft hier gewesen. Auch auf dieser Reise schon einmal. Und sehen wieder Plätze und Straßen, die wir noch nicht kannten.
Nur das Restaurant. Das kennen wir. „Le Volpi e l`Uva“. Hier werden wir immer hinkommen, wenn wir in Tropea sind. Heute Abend sind drinnen nur zwei Tische besetzt. An einem kleinen sitzen wir. An einem großen sitzen viele Menschen, die einander und offenbar auch die Besatzung des Restaurants kennen. Alle tippen eifrig auf ihren Handys herum. Schließlich tritt der Besitzer hinzu. Er nimmt sich die Fernbedienung des Fernsehers, der gut sichtbar für uns alle über uns hängt, und sucht etwas. An den Fragmenten der Bilder und Töne, die ab und zu auf dem Bildschirm erscheinen, und an den Gesprächen und den gegenseitigen Kommentaren merken wir, dass alle unbedingt den Live-Stream einer Veranstaltung sehen wollen, die jetzt gerade auf der großen Piazza ein paar Straßen weg von hier läuft. Den Anfang der Veranstaltung haben wir auf unserer Runde vor Ort gesehen und ein bisschen zugehört. Hier werden politische Reden gehalten. Soviel verstehen wir. Auch, dass es um eine Wahl geht.
Der Restaurant-Besitzer, der den Live-Stream auf dem Fernseher immer noch nicht am Start hat und für ein paar Minuten aufgibt, erklärt uns, dass am kommenden Sonntag die Wahl des neuen Bürgermeisters sei. An dieser Wahl seien die Menschen in Tropea sehr interessiert. Viel mehr als an anderen Wahlen. Es gebe zwei Kandidaten, die besonders gute Chancen hätten. Die wolle man jetzt reden sehen und hören.
Er wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Ab und zu hat er ein Bild von der Piazza. Aber keinen Ton. Ab und zu umgekehrt. Meine Blicke treffen sich mit denen einer Frau, die mitten zwischen den Handy-Fummlern an dem anderen Tisch sitzt. Sie hat kein Handy. Sie schaut für mich einmal in ihre Runde und zuckt mit den Schultern. Lächelnd signalisiert sie, dass sie jetzt hier erstmal abgemeldet ist.
Mitten hinein in das Suchen betreten ein älterer und ein jüngerer Mann das Restaurant. Sie machen einen irgendwie besitzergreifenden Eindruck. Der jüngere Mann legt seine Sachen auf einen Stuhl am Nachbartisch. Merkwürdig. Normalerweise lassen sich in Italien Gäste in einem Restaurant die Plätze zuweisen bzw. finden sie gemeinsam mit dem Personal.
Der ältere diskutiert mit dem Restaurant-Besitzer. Er hat einen gedämpft fordernden Ton. Sein Gesicht formt einen Ansatz von Grinsen, nur als Andeutung sichtbar, merkwürdig überheblich, siegessicher. Dann setzt sich der ältere an einen großen Tisch neben der Such-Runde. Dort werden die Stimmen deutlich leiser. Der Betrieb erstirbt. Der junge Mann nimmt seine Sachen und wechselt zu dem anderen Tisch. Die beiden reden kein Wort. Es liegt plötzlich im ganzen Restaurant Stress in der Luft.
Die Liebste und ich spinnen lustvoll alle möglichen Geschichten um diese Begebenheit herum. Am meisten fasziniert uns die Vorstellung, dass die beiden vom „Verein“ sind und das Schutzgeld abholen wollen. Natürlich nicht, ohne sich vorher üppig bedienen zu lassen.
Als wir gehen, verabschiedet der Besitzer uns deutlich zurückhaltender, als er uns begrüßt hat.
Eigentlich würden wir schon gern wissen, was das jetzt für zwei Gestalten waren.

18. Oktober 2018

(Tropea)

Segelyacht putzen

Das Ende wird greifbar. Wir packen das Paket, mit dem wir alle möglichen Sachen wieder nach Deutschland zurückschicken wollen. Wir putzen das Schiff. Innen und Außen. Mit besonderer Sorgfalt. Natürlich könnten wir das auch machen lassen. Aber wir sind sicher, dass das Putzen uns helfen wird, den Abschied zu gestalten.

20. Oktober 2018

(Tropea – Lamezia Therme)

Gangway hoch

Ein letztes Mal bindet die Liebste die Gangway hoch. Auf dass sie, wenn wir das Schiff verlassen haben, nicht durch sich verändernden Wasserstand oder auflebenden Wind und höheren Schwell im Hafen auf der Pier hin- und herkratzt. Wir sind schwermütig. Da liegt sie nun ohne uns. „Die Honey“. Wieder einmal verstehen wir gut, warum Schiffe Namen haben.

Lamezia Therme Rückflug

 

21. Oktober 2018

(Haltern am See)

Nach dem Urlaub Post

Tief in der Nacht sind wir zuhause angekommen. Spät am Mittag beginnen wir mit der Resozialisierung.

30. Oktober 2018

(Haltern am See)

Paket Segelequipment aus Italien

In uns wird diese Reise noch lange nicht enden.
Äußerlich endet sie mit einer Pointe. Auf dem Hinweg hat unser Paket mit der Segelausrüstung 5 Wochen gebraucht. Als wir es bei der Ankunft in Elba in Empfang nahmen, war der Karton kaputt und feucht. Wir waren heilfroh, dass sein Inhalt trotzdem unbeschädigt war.
Die Liebste und ich schlossen Wetten ab, wann das Paket wohl wieder zuhause ankommt. Ein Paket aus Italien … ! Aus Süditalien … ! Ich tippte auf Ende November, die Liebste auf Mitte Dezember.
8 Tage nach dem Ende unserer Reise ist es da. Komplett unversehrt. Es ist sogar noch einmal zusätzlich eingepackt und verschnürt.
Beim Auspacken strömt uns der Geruch von Honey entgegen und schenkt uns freudig melancholisches Sehnen.

Und vor allem: Jede Menge unfassbar schöne Blicke

Opa und Enkel auf Lipari

Sonnaufgang im Hafen Salina

Lipari Wanderung Monte Rosa

Salina Spiel der Abendwolken

Salina Kleinhafen mit Booten im Trockenen

Lipari Canneto Fähre mit Tagestouristen