coronawochen

Tag 85

Ende

Als ich mich einmal umschaue in mir, ist er plötzlich da, dieser Gedanke. Beiläufig. Unspektakulär. Als würde er sich wundern, dass ich mich wundere. „Kümmer Dich nicht weiter um mich“, sagt er.

Und dann, genau so plötzlich und genau so beiläufig und unspektakulär, ist er plötzlich Gewissheit:
Ich werde das Tagebuch des coronagenenen Lebens-Wandels jetzt beenden. So ganz genau weiß ich nicht, warum. Ich könnte, wie schick!, Zahlensymbolik bemühen. Am 1. Tag der 13. Woche und nach 12 vollen Wochen: Das Ende. Das wäre charmant. Aber träfe es nicht.

Es sind wohl am ehesten diese beiden Gründe:
In den letzten Tagen habe ich mich häufiger selber dabei erwischt, wie ich Erlebnisse und Ereignisse darauf hin gescannt habe, ob sie für einen Blog-Beitrag geeignet wären. Das behagt mir nicht. Schon gar nicht würde mir behagen, wenn ich gar anfinge, Erlebnisse herbeizuführen, um dann über sie schreiben zu können.
Und: Ich möchte wieder anders schreiben. Ich möchte wieder, dass ein Thema mich aussucht. Nicht umgekehrt. Dass es mich wählt und mich verführt. Mich Worte suchen lässt und wieder verwerfen. Dass es mich neckt, in dem es für eine Weile verschwindet, um urplötzlich wieder aufzutauchen mit drängender Energie. Oder ganz zu verschwinden. Solches Schreiben braucht mehr Zeit. Die möchte ich mir wieder nehmen.

Auch Corona hat solche Themen geschickt. Bestimmt wird das eine oder andere mich locken. Dann lass ich mich vielleicht verführen.

Ich durfte in den letzten Wochen erfahren, dass es gar nicht wenige Menschen gab, denen es ein Vergnügen war, meine täglichen Notizen zu lesen. Das wiederum war mir ein Vergnügen. Ich danke all denen sehr.
Und ich hoffe, dass mein Blog sie weiter interessiert, auch wenn die Abstände zwischen den Veröffentlichungen wieder länger werden.

Meine Abonnenten werden schon bald wieder häufiger die Nachricht bekommen, dass es etwas Neues gibt. Dann werden es ältere Beiträge sein, die ich nach und nach aus dem alten Blog in diesen neuen wieder einpflege. Vielleicht entstehen da schöne Gelegenheiten, ältere Sachen neu oder wieder zu entdecken. Auch darüber würde ich mich freuen.

Tag 84

Ringo Starr

Ein schöner Tagesanbruch-in-den-Sonntag-Traum.
Er zeigt den Auftritt einer Band. Es ist, als wäre ich live dabei. Und zugleich, als würde ich ein Video von diesem Auftritt sehen.
Da spielt eine Band. Ich höre verschiedene Instrumente. Ich sehe aber nur den Schlagzeuger. Es ist ein junger Mann mit mittellangen blonden Haaren.
Und ich sehe Ringo. Er sitzt ganz rechts an einem schwarzen Flügel. Weit vorgebeugt lässt er eine zarte kleine, sehr hohe Begleitfigur aus dem Instrument perlen. Man hört sie kaum. Wenn man den Song im Radio hörte, so denke ich im Traum, würde man sie vielleicht gar nicht wahrnehmen. Wenn man sich aber auf sie konzentriert, fügt sie sich als wunderschöne Farbe in das Gemälde dieses Liedes.
Ringo singt gleichzeitig. Ich weiß es. Aber zu sehen ist es nicht. Es gibt kein Mikro und Ringo bewegt nicht den Mund. Ein bisschen irritiert mich das, aber dann schwebt die Irritation davon.
Der Song ist wunderbar. Eine jazzige und zugleich soulige Ballade. Relaxed und schleppend und doch groovy. Ich bewege mich zart mit. Nicht zu stark. Meine Bewegungen sollen diese mitreißende Musik nicht übertönen. Und ich will nicht einen Ton verpassen.
Das Lied endet mit einer a-capella gesungenen Melodie von Ringo. Sie lockt das Herz direkt hinter das Ohr und nimmt es in den Arm. Eine Gänsehautmelodie, mit zärtlicher Inbrunst gesungen. Ich registriere schon im Traum, dass Ringo nicht der Ringo ist, den ich kenne. Er ist viel jünger. Ein bisschen pausbäckig. Ohne Bart. Ohne Allüren. Einfach der junge Mann von nebenan.
Das Lied endet. Und klingt lange nach.
Oder, nein, eigentlich endet es nicht. Es schwebt davon. Etwas von ihm bleibt.
Ich werde wach und kann mich ganz genau an den Song erinnern. Ohne, dass ich den Rhtythmus nachmachen oder die Melodie tatsächlich andeuten könnte. Er ist wie nah und da und doch auf andere Art, wie es ein Song sonst wäre. Noch jetzt ist das Erinnern an den Song so, als müsste ich ihn eigentlich spielen und singen können, als würde ich ihn hören, wenn ich gleich das Radio anmachte. Und zugleich genau so nicht. Er ist auf andere Art konkret. Wie ein sehr prägendes Gefühl, das sich als Erinnerung erhalten hat, obwohl man gar nicht mehr so genau weiß, zu welcher Situation es gehörte. Mit einem Hauch von süßer Melancholie. Wie ein nie geteiltes Geheimnis von Schönheit.

Tag 83

Wiederentdeckte Rose

Lange Zeit stand sie auf der Vermisstenliste. Je mehr die Gewächse um sie herum wucherten, umso mehr versteckte sie sich. Und dann war sie irgendwann ganz verschwunden. Eine Weile vermissten wir sie noch, dann vergaßen wir sie.

Seit ein paar Tagen arbeiten wir uns Stück für Stück durch den Garten. Er soll ein ganz verändertes Gesicht bekommen. Und als wir einen alten Nussstrauch, jede Menge Brombeer-Ranken und noch einige andere botanische Garten-Imperialisten radikal verjüngen, taucht sie plötzlich auf. Mit einer strahlenden Blüte. Als würde sie rufen: „Doch, ich war die ganze Zeit da. Ihr habt nur einfach nicht richtig hingeguckt!“

Tag 82

Markttag. Mittendrin bleibt mir ungewollt das Maul offenstehen vor Staunen. Ein kleiner Junge sitzt in einem Elektro-Kinder-Auto. Und das wird – kein Scherz -, wie ich wenig später erkenne, von der Mutter ferngesteuert durch die Menge bugsiert.
Ich kann das gar nicht glauben. Bestimmt habe ich mich verguckt. Zuhause schaue ich lieber nochmal nach, ob es sowas wirklich gibt. Gibt es. Wieder steht mir das Maul offen.

Kinderelektroauto

Kinderelektroauto Beschreibung

 

Tag 81

Gedeckter Tisch im Restaurant

Zum ersten Mal seit drei Monaten gehen wir wieder mal essen. Ein Fest, trotz der coronesken Kleinigkeiten, die die Misere auch hier wachhalten, u.a. die datentechnische Slapsticknummer: Ausfüllen des Bogens mit den Kontaktdaten.

Tag 80

Wie üblich endet einer meiner Radel-Streifzüge in meinem Stammcafé.
Auf dem Großbildschirm, vor dem sich an Samstagen Fußballfans tummeln, läuft Werbung. Sehr einladende Filmaufnahmen von einem 8-Sterne-Luxus-Resort in Vietnam. Edles Ambiente. Teuerste Einrichtung in vietnamesischen Stil. Tradition trifft Moderne. Dann der „Höhepunkt am Abend“. Ein feines Dinner im Luxus-Restaurant. Jeden Abend gehobene italienische Küche.

Tag 79

Ich bin ein trotzkopfdummer Trottel. Trostbedürftig.
Vor drei Wochen habe ich eine Mail aus „vertrauenswürdiger Quelle“ mit der Empfehlung eines Videos bekommen. Als ich es ansehe, stelle ich mit Entsetzen fest, dass es eine Anti-Corona-Maßnahmen-Predigt von einem fundamentalistischen freikirchlichen Pfarrer ist. Seine schwer erträgliche Rhetorik hat beinahe goebbels’sches Ausmaß.
In einem Anfall von Leidensbereitschaft, „Nein, das kann ich so nicht stehen lassen“ und wildem Vorsatz, dem etwas Gehaltvolles entgegenzusetzen, schreibe ich eine Analyse (Heil-Land) der Rede. Ich schicke sie den Absender*innen eben jener Fw-Fw-Weiterleitungsmail, die die Empfehlung der Predigt enthielt.
Zwei Wochen lang schaue ich danach jeden Tag gebannt ins E-Mail-Postfach in der Hoffnung, Antwort zu bekommen. Eigentlich sogar in der Gewissheit. Ich war sicher, dass die Absender*innen sich dazu verpflichtet fühlen.
Die Gewissheit war unangebracht. Außer wachsweichen Ausreden („versehentlich zu mir geschickt…“ und Ähnliches) nichts. Jedenfalls nichts Substanzielles. 20 Stunden intensive Arbeit zerbröseln im weißen Rauschen der Web-Aufregung.
Ich hake nach. Einer immerhin schreibt, es tue ihm leid, dass ich mir soviel Arbeit wegen seiner Empfehlung gemacht habe.
Keiner schreibt, womit ich fest gerechnet habe: Dass man entsetzt und beschämt sei, die Rede nicht sorgfältig genug gehört und gesehen zu haben, bevor man sie anderen empfehle. Dass man sich ärgere, solch einem üblen demagogischen Unsinn zur Weiterverbreitung verholfen zu haben. Oder Ähnliches.
Ich leide. Und spüre einen ungesunden Drang, diese Empfehlungs-Weiterleiter*innen mit spießiger Besser-Wisser-Penetranz weiter zu nerven, bis sie endlich zugeben, was für einen Unsinn sie da verzapft haben.
Damit wenigstens irgendwas passiert, suche ich, unter welchen youtube-Adressen diese unsägliche Predigt überall veröffentlicht ist. Es sind 11. Ganz im Stile eines bockigen Alten hinterlasse ich, dem Rat einer Freundin folgend, überall einen Kommentar mit einem Link zu meiner Analyse.
Herzklopfen dabei. Echtes Herzklopfen. Ob es jetzt einen Shitstorm gegen mich gibt? Ob ich das überhaupt dann aushalte? Zwischendurch zögere ich. Dann tue ich es doch.
Und dann passiert – … – nichts. Nicht einmal ein Shitstürmchen. Nur ein kleiner Kommentar zu meinem Kommentar an einer Stelle: „Wow, da haben sie sich ja richtig Arbeit gemacht.“ Ich möchte glauben, dass das hämisch ironisch gemeint ist. Ist es aber nicht. Ich werde als Gesinnungsgenosse auf zwei weitere „Wissenschaftler“ hingewiesen, die denselben Unsinn verbreiten wie dieser Pfarrer in der besagten Predigt.
Inhaltlich gibt es genau drei Reaktionen auf meine Analyse: Von der Liebsten, von meinem Sohn und von einer guten Freundin.
Das war’s.
Und ich wusste, dass es so kommen würde. Ich habe es bei der Arbeit immer wieder gespürt. „Martin, das ist trotzkopfdummer Unsinn, was Du hier machst!“ So flüsterte es aus irgendeiner stillen Ecke irgendwo in meinem Herzen. Aber zu leise, als dass ich es nicht hätte mit trotzkopfdummer Betriebsamkeit übertönen können.
Ich wusste, dass diese Analyse kaum jemand lesen wird. Erst recht wusste ich, dass diejenigen, denen ich den Link zu dieser Predigt verdanke, sich nicht die Blöße geben würden, ihren Irr-Sinn einzugestehen. Ich wusste, dass „im Netz“ meine Analyse keine Resonanz finden würde. Ich wusste das alles auch deshalb, weil auch ich nur sporadisch auf Web-Hinweise aktiv reagiere.
Und habe mir die Arbeit trotzdem gemacht. Trotzkopfdummer Trottel verstößt gegen alle Regeln des Netz-Betriebes:

  • Viel zu lang.
  • Viel zu sorgfältig.
  • Viel zu angewiesen auf ruhige Lektüre.
  • Ohne Bilder.
  • Keine schnelle Belieferung mit vorher schon vorhandenen Emotionen, die ohne weitere Denk-Belästigung vor allem schnell befeuert werden wollen.
  • Keine Beteiligung an irgendeiner schon existierenden „Community“.
  • Und vor allem: Viel zu langsam. Viel zu spät.

Der Rausch um diese Predigt herum ist schon 3 Wochen alt. Hallo?!? Drei Wochen!! Das ist ungefähr so lange wie die Zeit nach dem Aussterben der Dinosaurier.
Vielleicht bin ich auch einfach schon zu alt für das Klicke-di-klick-Geklimper. Vielleicht sind meine Vorstellungen von Lesen und Wahrnehmen und Denken und nochmal Lesen und mit anderen Reden und nochmal woanders Gucken einfach hoffnungslos antiquiert.
Aber umgekehrt. Positiv betrachtet. Ich sollte mir nicht einbilden, ich könnte Internet einfach so. Ich muss noch viel lernen. Oder: ich möchte noch viel lernen. Ob ich dann wirklich nach den Regeln spielen kann und will, kann ich dann ja sehen...

 

Tag 78

Kinderspielplatz im Regen

Heftiger Platzregen-Überraschungs-Schauer auf dem Spielplatz mitten bei der Arbeit an umfangreichen Sandkranungsvorhaben. Schnelle Flucht. Wir kauern uns auf Kinderbänkchen in einem Kinderhäuschen auf dem Kinderspielplatz. Wir beiden Erwachsenen sitzen da wie Trabifahrer. Gemütlich unbequem.
Ab und zu ein dann doch etwas neidischer Blick auf den Radfahrer, der sich ganz in der Nähe in einen überdachten Unterstand gerettet hat. Die Möglichkeit hatten wir gar nicht gesehen.
Der Sandkranvorarbeiter regt regelmäßig an, doch jetzt wieder weiterzumachen. Es hätte doch aufgehört zu regnen. Für die ihm unterstellten erwachsenen Sandhilfsarbeiter wird es zunehmend schwieriger, ihn um noch ein bisschen weitere Geduld zu bitten. Er würde jetzt ohne mit der Wimper zu zucken im strömenden Regen weiterarbeiten.

Tag 77

Wir tragen Grasnarben ab, weil wir den Garten umgestalten wollen. Dabei legen wir unfreiwillig eine Ameisenkolonie frei. Ziemliche Aufregung. Hektisch versuchen die Tiere, die Puppen in Sicherheit zu bringen. Ein verrücktes Bild. Von etwas weiter weg, sieht man nur, wie die gelblichen, eliptischen Körper sich über den Boden bewegen, ohne die Tiere zu sehen, die sie schleppen.
Als wir einmal mit der wieder leeren Schubkarre zurückkommen, sehen wir ein Rotkehlchen, das mit zwei dieser Ameisenpuppen im Schnabel gerade wegfliegt.
Das süße kleine Rotkehlchen, das in unserem Garten wohnt: Ein echter Räuber! Deutlich weniger lieblich, als wir immer glauben wollten. Es räumt nach und nach die ganze Puppensammlung leer. Einige frisst es vor Ort, einige transportiert es weg. Rauhe Sitten in der friedlichen Natur.

Tag 76

Der Igel und der Molch

Und so zog der Igel weiter.
Er sah im Vorbeigehen einen kleinen Teich und ihm fiel auf, dass er Durst hatte. Vorsichtig tastete er sich an die Wasserkante heran. Er wusste, dass er besser nicht abrutscht und ins Wasser fällt. Als er gerade die Schnauze ins Nass senken wollte, bemerkte er, dass unmittelbar vor ihm ein Wesen im Wasser schwebte.
Er erschrak.
„Was machst du denn hier?!“
„Hallo??!! Ich lebe hier!“
Der Igel schämte sich ein bisschen. Die Frage war wirklich albern gewesen. „Und du?“, hörte er, „was machst du hier?“
„Ich, … ehm“, der Igel zögerte. Sollte er sich wirklich einem Wildfremden offenbaren? Dann sprach er weiter. Nicht, weil er sich entschieden hatte. Eher, weil er keine Antwort auf die Frage fand.
„Also, … ich suche jemanden, der mir zeigen kann, wie ich ein dickes Fell bekomme.“
„Hast Du doch!“
„Das ist kein Fell. Das sind Stachel.“
„Was sind ‚Stachel‘?“
Der Igel versuchte zu erklären, aber er hatte von Anfang an das Gefühl, dass das sinnlos war. Das fand auch der Molch. Nach einiger Zeit schlug er vor: „Ich komm raus und schau mir das an.“
„Ja, ist klar!“, maulte der Igel ironisch. „Wie denn? Du lebst im Wasser!“
„Also bitte!! Dein Horizont geht auch nur bis zum Ende deiner Hecke, oder?! Ich bin ein Molch, ich kann das. Geh mal ein Stück zurück.“
„Warum?“
„Du glaubst doch nicht, dass ich dir jetzt direkt vor der Nase herumspaziere. Du bist ein Raubtier.“
„Nein, nein, ich tu dir nichts!“
„Das sagen sie alle. Geh schon!“
Der Igel tapste ein Paar Schritte rückwärts.
Der Molch kroch aus dem Wasser und bewegte sich in einem großen Bogen um den Igel herum zu dessen Hinterteil. Dort angekommen, kletterte er auf seinen Rücken.
„Ui!“, rief er, „das fühlt sich wirklich nicht wie Fell an. Bist du überall so?
„Nein, am Bauch nicht.“
„Dreh dich mal um.“
Dann kroch der Molch dem Igel auf den Bauch. Der streckte die Beine in die Luft und wand sich wohlig unter den zarten Berührungen durch die Füße des Molchs.
Der kletterte nach einer Weile  herunter und kroch im Bogen zurück zum Teich. Als er wieder vor dem Igel im Wasser schwebte, fragte er: „Warum willst du ein Fell?“
Der Igel legte seinen ganzen Jammer in die Stimme.
„Alle Raubtiere sind stark und unangreifbar. Und alle haben ein kuscheliges dickes Fell.“
„Quatsch!“, erwiderte der Molch, „Du bist auf der einen Seite wehrhaft und stark und auf der anderen empfindsam und weich. Das sind wir auf die eine oder andere Art alle. Jammer nicht rum.“
Für einen Moment wanderte der Blick des Igels nach innen und folgte den Worten des Molches in sein Herz. Als er wieder zurück aufs Wasser schwenkte, war der Molch verschwunden.
Der Igel wusste nicht recht, warum, aber er war sicher, dass er jetzt auch einfach nach Hause gehen konnte.

Tag 75

Während ich ein paar Sachen zusammenkrame, um die kleine Einkaufstour zu machen, vergesse ich dauernd irgendwas, weiß nicht mehr, warum ich zum fünften Mal die Treppe hochgegangen bin, gehe wieder runter, unten fällt’s mir ein, gehe wieder hoch …
Ich bin in Gedanken. Seitdem ich dem Igel begegnet bin, geht er mir nicht mehr aus dem Sinn.
Ich möchte gerne eine kleine Geschichte schreiben mit ihm als Hauptfigur. Aber dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Er kommt mir kitschig vor. Und dann kommt er wieder und dann verwerfe ich ihn wieder …
Heute Morgen beim Zusammenkramen habe ich plötzlich eine Idee, die die Geschichte vielleicht doch weiterwachsen lassen könnte. Beseelt hänge ich ihr nach.
Und tapse nachdenklich und vergesslich hin und her.
Die Liebste kommt nach der morgendlichen Meditation die Treppe runter. Ich schaue ihr entgegen. „Und?“, fragt sie, „hast du was gemerkt?“
Ich stutze.
Sie hilft: „Ich hab dir doch gerade mein ganzes Wohlwollen geschickt!“
„Oh ja“, rufe ich – und in diesem Moment verstehe ich viel mehr, als sie ahnt – „ich habe es tatsächlich gemerkt. Ich wusste nur nicht, dass es von dir kommt.“
Wie immer in solchen Momenten schleicht mir ein Lächeln ins Gesicht. Es will ironisch aussehen. Weil ich an so was ja eigentlich nicht glaube. Aber es gelingt ihm nicht.

Tag 74

Ach, gäbe es doch einen Literaturnobelpreis für Kinderbücher! Dieses hätte ihn definitiv verdient.
Oder, – … warum nicht den für die Großen?!
Gemütlich unter einer Decke nebeneinander gekuschelt, können Enkel und ich gar nicht von dem Buch lassen. Es hat keinerlei Text, aber wundervolle Bilder. Und nur damit erzählt es eine spannende und berührende Geschichte von einem Kind, das wahnsinnig gerne malt, mit der Klasse einen Ausflug zum Mond macht und dann vergessen wird …
Eine Seite hat es dem Enkel besonders angetan. Mondmenschen sind aufgetaucht. Sie haben dem Schulkind beim Malen zugeschaut. Jetzt bietet das Kind ihnen einen Stift an, um es selber mal zu probieren.

Ihre Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ich dichte jedem von ihnen einen Spruch an. Der Enkel kann gar nicht genug davon bekommen. „Nochmal!!!“, ruft er begeistert und schaut mich mit gespannter Erwartung an.

Tag 73

Nagelkran und Wonder-Woman

Mit unglaublicher Inbrunst hilft er dem Opa, die alte Hütte in ihrem Garten abzureißen. Er hat zum Geburtstag eine neue geschenkt bekommen. Er steht neben mir, hält mit seinen beiden kleinen Händen die Kneifzange, versucht den Nagel am Kopf zu fassen zu kriegen. Ist stolz, wenn ich jubiliere: „Ja! Jetzt hast Du ihn! Und jetzt ganz doll die Hände zusammendrücken!“ Und dann ziehen wir den Nagel mit vereinten Kräften heraus. Anschließend ist er der Kneifzangenkran und transportiert mit dem Kneifzangenkran-Greifer den Nagel in eine Tüte. Darin sind schon an die 30 anderen, die er transportiert hat.
Ab und zu verfalle ich in alte Gefühle beim Heimwerken. Z.B. „So, los jetzt, feddich werden!“ Dann ruf ich mich zur Ordnung. Es geht hier nicht um feddich werden. Es geht hier um Spielen. Und das ist eine ernste Angelegenheit. Die braucht Zeit!
Plötzlich steht die große Schwester neben uns. In Gartenkleidung. Sie ist schon zu groß, um sie noch Mädchen nennen zu können. Ob wir Hilfe gebrauchen können, fragt sie mit sichtbar gut gelauntem Tatendrang. Klar! Wir laden sie herzlich ein. Aber Vorsicht, erklären wir, da sind eine Menge Splitter und Nägel im Spiel. Man kann sich leicht verletzten. Kein Problem, sagt sie und schiebt mit einer gehörigen Portion Selbstironie ihre Hüfte zu Seite. Ich hab doch meine Wonder-Woman-Arbeitshandschuhe. Na dann …

Tag 72

Welt verstehen

Sie wird bald 4. Unablässig rattert in ihrem kleinen Köpfchen das Verarbeitungs- und Sortier-Aggregat. In einem Wahnsinnstempo. Und sie teilt es mit.
Jetzt sitzt sie da. Schaut mich an. Ein bisschen versonnen. Ab und zu wandert ihr Blick nach schräg irgendwo da oben. Sie sagt:
„Man darf sich nicht umarmen. Wenn man sich umarmt, kann man krank werden. Von dem Corona. Aber in der Familie nicht. Da kann man sich umarmen.“ Ihr Gesicht sieht aus, als würde sie ihren eigenen Worten noch einmal nachhorchen.
Sie wirkt nicht ängstlich oder verunsichert. Sie ist dabei, zu verstehen.
Ich will dazu nichts sagen. Ich schaue sie sein Weilchen an. Dann streichele ich ihre Wange. Die schmiegt sich mir entgegen.

Tag 71

Traum

Heute Nacht ein Traum.
Ich biege auf den Flur. Vor der Tür zum Klassenraum wartet er schon. Ich freue mich. Er sieht wunderbar aus. Ein extrem kleinwüchsiger Mann. Er hat sich verkleidet. Grau in Grau. Der Anzug, die Schuhe, das Hemd, der Trenchcoat. Auch der Hut und das eng um den Kopf geschlungene Tuch darunter. Wie in den Stoff hineingefärbter Staub.
Tiefdunkle Ränder unter den Augen.
Nur die Lippen sind knallrot geschminkt.
Er wird einen der grauen Männer aus „Momo“ spielen.
Wir öffnen die Klassentür. Gehen nochmal durch einen schmalen Gang. Dann betreten wir die Klasse selbst.
Er spielt seine Rolle großartig. Er ist spröde, streng, unnahbar. Trotz seiner Kleinheit füllt er den Raum mit unnachgiebiger Kälte. In der Klasse keimt Unruhe auf. Widerstand. Mir ist unwohl. Ich freue mich über die Wirkung dieser Szene. Und ich schäme mich. Sie spielen nicht mit. So wenig habe ich die Klasse „im Griff“. Ich bekomme meine Gedanken nicht in den Griff. Ich habe diesen Mann doch eingeladen für genau das, was er jetzt tut. Und jetzt ist es mir unangenehm und auch wieder nicht.
Mitten im leblosen inneren Tosen wache ich auf.

Tag 70

Wald am Silbersee

Wald am Silbersee

Wald am Silbersee

Wald am Silbersee

 

Ein bisschen fühlt es sich an wie ein Abschiedsbesuch. Ich schaue mich um und denke traurig: „All das hier wird schon bald sterben.“ Ziemliche Theatralik in meinem Herzen. Aber es ist gut so. Ich will sie. Beinahe trotzig.
Dieser Wald hier wird, wenn alles den üblichen Gang geht, bald gerodet werden. Denn er soll dem Abbau von Quarzsand weichen. Das Öffentlichkeits-Beteiligungs-Verfahren zur Planung dieses Eingriffs in die Landschaft ist vor kurzem geendet. Es gibt 23 Eingaben. Die werden jetzt bearbeitet. Es gibt vorsichtig vorgetragene Kritik. Aber nicht an der Grenze zum Protest. Hier und da immer mal ein bisschen Beschwichtigung via Lokalzeitung. „Arbeitsplätze auf 25 Jahre gesichert“, „Angrenzende Naturschutzgebiete nicht gefährdet“, „Als Ersatz für die gefällten Bäume wird woanders aufgeforstet“ (an anderer Stelle kann man dann lesen, dass die Firma kaum Stellen findet, wo sie überhaupt aufforsten kann.), „Der Wald ist eh wertlos“ (O-Ton eines Mitglieds der Grünen, eines Fachmannes. Er kommt in den sanften Beschwichtigungs-Wogen besonders oft zu Wort.)
Ich weiß nicht, was ich machen kann. Was ich machen soll. Was ich gar machen muss? Ich stolpere herum, irgendwo im Niemandsland zwischen „Das ist ja alles längst beschlossen. Was willst Du da ausrichten?“ und „Morgen fange ich an, ein Baumhaus zu bauen.“
Gibt es ‚wertlosen‘ Wald?

Tag 69

So anders nicht

So anders als Tiere, wie wir gerne glauben möchten, sind wir nicht. Möchte ich glauben.
Ich hocke am Teich. Wie immer, wenn ich am Wasser bin, schaue ich hinein. Und immer im ersten Moment unruhig suchend. Dann ohne Absicht und dann findend.
Mir huscht eine zuckende Bewegung durch den Augenwinkel. Ich schaue hin. Recht weit oben hockt auf der Teichfolie eine Libellenlarve. Ich warte auf das Zucken. Es kommt. Ah! Sie jagt etwas. Aber anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Es schießt nicht ihr ganzer Körper aus der Bewegungslosigkeit hervor und schnappt. Erst beim dritten oder vierten Mal wird mein Bild klarer:
Von oben sieht es aus, als würde eine Art Lasche, eine weißliche Zunge, von der Larve weg auf die Beute zu schießen und sie schnappen. Später lese ich, es ist eine Fangmaske. Sie sitzt auf und vor dem Kopf der Larve und schnellt tatsächlich vom Köper weg zur Beute.
Aber warum macht sie das an derselben Stelle ein paarmal relativ kurz hintereinander?
Da! Ganz kurz vor der Larve bewegt sich etwas. Tatsächlich. Die Maske schnell hervor. Zieht sich zurück. Und, – … das Etwas bewegt sich weiter. Vier-, fünfmal geht das so. Ich wundere mich. So oft verfehlt die Larve ihre Beute? Ich schaue genauer hin: Was die Libellenlarve jagt, ist ein Schatten, der eines kleinen Babywasserläufers auf der Wasseroberfläche. Die Larve macht noch ein paar Versuche. Dann gibt sie auf. Sie schaut sich um. (Ich bin sicher, dass sie das tut.) Sie will wissen, ob jemand ihre kleine Dummheit beobachtet hat.(Ich bin sicher, dass sie das tut.) Sie sieht niemanden. Und schleicht möglichst unauffällig unter ein Knäuel aus Blättern und kleinen Ästen in der Nähe. Sie kriecht darunter. Nur ihr Kopf ist noch zu sehen. Sie ist erleichtert (ich bin sicher, dass sie das ist.) Hat keiner gesehen.
Tja, liebe Libellelarve, Irrtum, – ich hab’s gesehen. Aber keine Sorge, ich erzähle es nicht weiter.

Tag 68

Landschaft Westmünsterland

„Ich liebe diese Landschaft“, das denke ich jedes Mal, wenn ich durch das westliche Münsterland fahre. Selbst wenn ich zu dem Städtchen fahre, das endlich zu verlassen als junger Mann, ich sehr froh war. Und noch bin.
Aber dieser Landschaft! In sanften fast nicht einmal Hügeln sich wölbende Böden, Felder, unterbrochen von Strauchgruppen, kleinen Wäldchen, Wiesen, Hecken. All das sich genießerisch der Sommersonne ebenso zu Füßen zu legend wie dem schweren friedlichen Landregen.

Landschaft im Westmünsterland
Schon als Junge liebte ich diese Landschaft. Ich merkte es zum ersten Mal auf schmerzhafte Art. Meine Mutter und ich fuhren die übliche Schmuggelfahrradroute. Kaffee und Butter waren jenseits der grünen Grenze deutlich billiger. Die Strecke führte durch die Bilderbuchvariante eben dieser Landschaft. Aber dieses Mal war plötzlich für ein ganzes Stück des Weges alles anders. Die Wege waren auf einmal gerade, frisch asphaltiert, einige Hecken verschwunden, ebenso manche Bauminsel auf mancher Wiese. Alles so offen, so verfügbar, so gar nicht geheimnisvoll. Die Landschaft lud nicht mehr stromernde Kinder ein. Nur noch mächtige Mähmaschinen. Ich war traurig, ohne recht zu wissen, warum. Ich glaube auch nicht, dass ich darüber gesprochen habe und es dann vielleicht verstanden hätte.
So regelmäßig wie an die Liebe zu dieser Landschaft, werde ich an einen Schimmer dieser Trauer erinnert. Wenn mittendrin plötzlich eine dieser „Wir-machen-den-Weg-frei“-Baustellen auftaucht.

Straßenbaustelle im WestmünsterlandWenn die Wassersprenger erzählen, dass auch hier die Böden immer weiter austrocknen, um dann hinter einer großen Landmaschine einfach weg zu wehen …

Westmünsterland, Wassersprenger auf Kornfeld

Westmünsterland Wassersprenger auf Feld

Westmünsterland, Wassersprenger auf Feld

Traktor auf ausdörrtem Feld

Und doch, liebe ich, noch immer, diese Landschaft.

 

Tag 67.1

Ich phantasiere einen Dialog am Gemüsestand.
„Ich hätte gern eine reife Avocado.“
„Tut mir leid. Unsere haben nur mittlere Reife.“

Tag 67.2

Er hatte von Anfang an seine Pfötchen im Spiel. Jede Wette. Schon als er dafür sorgte, dass die Online-Buchung von Öffi-Tickets nicht funktionierte. Und schließlich, als ich dank seines telepathischen Einflusses den Mund-/Nasenschutz vergaß und ich nicht in den Zug steigen konnte, was mir zum Glück einfiel, bevor ich ein Ticket am Automaten ziehen konnte.

So verzichte ich auf den Spontanbesuch bei Freunden, und drehe stattdessen, wie oft in letzter Zeit ein paar Runden durch Sträßchen, die ich noch nicht kenne. Auf einem davon, zum Glück einem für Autos gesperrten, hoppelt plötzlich er, mitten auf dem Weg vor mir her. Wie die Hinterbeine lustwibbelig hoppeln und dabei den Hintern hochwerfen. Erst will ich glauben, es sei ein Vogel. Aber als ich da bin, sehe ich, es ist er: „Swinegel“. Alias „Mecki“.

igel mitten auf dem Weg

Tag 65

Lockerung kommt an 1

Dienstag Morgen. A 3.

Corona Lockerung Stau

Tag 64

Rat Race

Ich erinnere mich an Familienurlaube. Vater, Mutter, Sohn 1, Sohn 2 (Sohn 3, weil noch zu jung in der Übergangspflege bei Tante Heti.)
Hinfahrt zuerst im Käfer, Sohn 1+2 eingeklemmt auf der Rückbank zwischen Gebäckstücken, die nicht mehr oder von vornherein nicht in einen der beiden „Kofferräume“ passten. Später im VW 1600, Stufenheck, auf „unserer“ Rückbank etwas mehr Platz. Mit schöner Regelmäßigkeit Übelkeit auf der Schwarzwaldhochstraße. Schon knapp 600 km vorher am Anfang der Reise befürchtet.
3 Wochen Standardprogramm. Ruhetag (Erholung von der Reise), Wanderung „Brandenkopf“, 2 Ruhetage, Wanderung „Mosenmättle“, 3 Ruhetage (Mosenmättle ist anstrengend), Ausflug Freiburg, Ruhetage. Einer der Pflicht-Events: Picknick auf einer lauschigen Wiese am Flüsschen „Kinzig“. 4 orange-braun gestreifte Stoffklappstühle auf (bei einem die Seitennaht schon leicht aufgerissen, bedenklich, hält nur noch Sohn 2 weil: der Leichteste), Klapptisch mit Kartoffelsalat, irgendeiner Schwarzwälder Dauerwurst-Spezialität, Streuselkuchen, Fanta („ausnahmsweise, weil Urlaub ist“) und noch ein paar anderen Köstlichkeiten beladen. Und dann konnte die Gemütlichkeit an der „Frischen-Luft“ (mit einer gewissen Zackigkeit ausgesprochen) Fahrt aufnehmen.
Konnte sie dann aber doch nicht.
Vor der Gemütlichkeit kamen die Wespen.
Denen mein Vater sich mit Heldenmut und Gründlichkeit entgegenstellt. Er nimmt den einsamen Kampf auf, nur bewaffnet mit einem seiner nicht beigen, aber auch nicht grauen, aber auch nicht braunen Sommerschlappen. (Lange vor Adiletten, jedoch auch unbedingt mit langen Socken zu tragen.)
Es sind viele Wespen. Deren Bekämpfung ein größeres Projekt. Zum Glück schiebt Vater sich mitten im Kampf schnell ein Dauerwürstchen rein. Damit ist ein Startsignal gesetzt. Ohne hätten wir nicht gewagt anzufangen. Man fängt nicht ohne den Vater zu essen an. Mutter und Sohn 1 und Sohn 2 sitzen irgendwie unschlüssig am Tisch. Verstohlen naschen sie ab und zu etwas, – immer auf der Hut, ob das schnell reingeschobene Dauerwürstchen des Vaters womöglich doch gar kein Startsignal war und wir einen Man-fängt-nicht-ohne-den-Vater-Anschiss bekommen, gesteigert vom Zorn gegen die Wespen. Nach und nach werden wir mutiger. Sohn 1 und Sohn 2 entfernen sich gar vom Tisch und bauen den ein oder anderen Deich an der „Kinzig“ nebenan. Deichbau immer mal wieder unterbrochen von kurzen Bienenstich-Ausflügen zurück an den Campingtisch. Schlechtes Gewissen, weil wir abhauen können, Mama aber nicht.
Bei einem dieser Ausflüge bemerken wir einen leeren Tisch. Fragender Blick zu Mama. Schulterzucken mit den Augenbrauen. Ah, – Aufbruch. Vater hat die Nase voll.
Die Wespen warten nicht, bis wir weg sind. Sie machen sich schon während des Aufbruchs über die Krümmel her.
So ähnlich kommt mir vor, was ich im Netz gerade beobachte. Meine Arbeit an der Tscharntke-Rede (s. Tag 63, Heil-Land) ist abgeschlossen. Ich will nur noch – sozusagen als letzten Akt, die gesammelten Materialien in einen Desktop-Ordner packen. Dabei auch eine Offline-Version des Videos und die Rede als Pdf. Sicherheitshalber will ich schnell noch nachschauen, ob die Rede online überhaupt noch verfügbar ist und wo. Und wieder wird eine längere kleine Recherche daraus. Viele der Links zu der Rede funktionieren nicht mehr. Offenbar wurde an verschiedenen Orten das Video von der Rede  aufgrund von Anzeigen gelöscht. Dafür ploppt sie an anderen Stellen wieder auf. Begleitet von den einschlägigen Kommentaren. Das Video mache die Herrschenden wohl nervös … wahrscheinlich wegen der Wahrheit … man lasse sich von Merkel und Co. nicht mundtot machen usw. Ich finde auf die Schnelle 8 neue Orte der Veröffentlichung. 6 davon allein auf Youtube.
Das Spiel wird weitergehen. Und auch dieses Rat Race verstehe ich nicht. Die einzelnen Motive verstehe ich schon. Jemand ist sauer über das Video, findet darin etwas, das bestimmten Regeln widerspricht und zeigt es an. Ein anderer ist sauer, dass die Herrschenden das Video wieder gelöscht haben und lädt es woanders wieder hoch.
Was ich nicht verstehe, ist, dass diese Menschen nicht verstehen, dass sie ein albernes Spiel spielen. Das Tilgen-Wollen ist zum Scheitern verurteilt. Man wird ja so diese Botschaften des Videos nicht los. Sie kommen immer wieder. Und umgekehrt: Da, wo man es hochlädt, wird es wieder gelöscht werden usw.
Das Ergebnis: Nichts. Die, die glauben wollen, werden noch mehr glauben, – die die sich aufregend darüber, werden sich noch mehr aufregen.
Mein Vater hat das Wespen-Jagen wenigstens irgendwann abgebrochen.

Tag 60 bis Tag 63

Donnerstag: 9 Stunden
Freitag: 4 Stunden
Samstag: 6 Stunden
Sonntag: 6 Stunden
1 Stunde, 14 Minuten, 57 Sekunden die Rede, die ich in den letzten Tagen analysiert habe.
Die Liebste und ich bekommen am Mittwoch eine Mail mit einem Youtube-Link zu einer Rede. Diese Rede sei sehr hörenswert. Es ist eine dieser Betreff: Fw-Fw-Fw-Mails. Die sich leicht und flockig, mit ein paar knackigen Sätzen geschmückt, verschicken lassen. Und die dann richtig Arbeit bedeuten würden, wenn man sie ernst nähme. Weshalb ich sie zunehmend ignoriere.
Diese aber kann ich nicht ignorieren. Sie stammt von guten Bekannten.  Sie kündigt eine Kritik an, die sie als Linke teilen würden, – und das obwohl sie von einem Pfarrer komme. Selbst sie als Ungläubige müssten einräumen, dass dieser Geistliche sehr gut ausspreche, was auch sie umtreibe. Das kommt einem Ritterschlag gleich. Ähnlich der Ton der Fw-Fw-Vorgänger-Mails.
Ich höre mal rein. Und habe schon ganz am Anfang das Gefühl, dass diese Rede nur mit äußerster Vorsicht zu hören ist. Die ersten genaueren Blicke zeigen: Diese Rede ist demagogischer Unsinn.
Empfohlen von Linken. Also Gesinnungsgenoss*innen für mich.
Also kann ich sie nicht ignorieren.
Ich kann aber auch nicht einfach dagegen koffern. Vor mir selbst.
Also steige ich tief hinab in die modrigen Gewölbe der in dieser Rede versprachlichten Gedanken. Minute um Minute. 26 handgeschriebene Seiten Exzerpt. Höre viele Stellen mehrmals , um sie wirklich genau zu rezipieren.
Das Ergebnis: Ein Analyse-Text von 11 Seiten.
Diese 11 Seiten kann man unmöglich hier als Blog-Beitrag veröffentlichen. Man würde endlos scrollen. Ich möchte sie dennoch veröffentlichen und empfehlen. Ich möchte sogar empfehlen, sie zu teilen und anderen zu empfehlen. Man kann sie verstehen, auch wenn man (was ich hoffe …) den Video-Clip nicht kennt. Und man lernt viel darüber, wie in Texten von Menschen, die man heutzutage gern „Verschwörungstheoretiker“ nennt, manipuliert wird.

Die Analyse findet sich hier:

Heil-Land

Neben dem „Funktionieren“ solcher Demagogie-Texte treibt mich – fast noch mehr – die Frage um, wie es sein kann, dass Linke und Rechte, Ärzte, Homöopathen, Spinner, Esoteriker, Wissenschaftler und so viele andere mit unterschiedlichen, teils einander diametral entgegenstehenden Grundhaltungen plötzlich diese seltsame Allianz der „Hygiene-Demonstranten“ bilden.
Deshalb hier wenigstens das Ende der Analyse:

[…] Zurück zum Anfang. Warum der Begriff „Heil“? Er steckt in „heilsam“, „Unheil“,  „Heiler“, „Heilslehre“, Heilung. Er ist konnotiert mit „tief in seiner Mitte Sein“, „gesund sein“, „körperlich-seelisch-geistig ausgewogen sein“, „Krankheit ausgleichend“, „innere Stärke“ u.ä.
Meine persönlichen Recherchen im Zusammenhang mit zur Zeit im Netz z.T. erstaunlich vielfach geteilten Inhalten im Zusammenhang mit einer Kritik an den durch die Bundesregierung in Deutschland verfügten ‚Schutzmaßnahmen‘ im Zusammenhang mit einer tatsächlichen oder vielleicht auch nur angenommenen pandemischen Gefahr durch das Corona-Virus haben mich schier verzweifeln lassen, weil übliche Sortierungsmechanismen aus meinen persönlichen Werten heraus nicht mehr funktionierten. So verbreiten z.B. Internet-Portale, denen ich bisher praktisch a priori Seriosität zugesprochen habe, plötzlich Texte, deren Lektüre tatsächlich eine globale Anti-Menschenrechts-Verschwörung nahelegt und damit mein Grundvertrauen in Demokratie und Menschenrechte in den Grundfesten erschüttern. Linke teilen Inhalte, die besonders gerne von Rechten goutiert werden. Definitiv unwahre Behauptungen mutieren zu bedrohlichen Kernthemen, mit denen auch ich mich einfach beschäftigen muss. So kursierte eine Zeitlang die „Information“, im Kabinettsbeschluss vom 30.04.2020 sei schon eine Impfpflicht festgelegt, die zwei Wochen später im Bundestag einfach durchgewinkt würde, eine Information, die auch mich erheblich aufgeschreckt hat, die sich aber, als ich das Original des Kabinettsbeschlusses las, als schlicht falsch herausstellte. Die sich einstellende Beruhigung konkurriert aber mit der Tatsache, dass natürlich auch mir nicht entgangen ist, dass die vorherrschende Logik der Entscheider*innen in Deutschland und der Welt kaum anders auflösbar wäre als mit einer flächendeckenden Impfung der Bevölkerung, die sicher bei der/dem einen oder anderen Politiker*in zu der Forderung einer Impfplicht führen könnte.. Nur eben: In diesem Dokument steht das nicht. Warum geht es dann trotzdem viral? Und nicht nur bei der dumpfen Variante von Pegida-Grölern. Sondern auch bei Menschen, die ich als bedächtig, klug, aufmerksam und sprachbewusst bezeichnen würde? Was verbindet den Esoteriker mit der Straßenkämpferin aus dem schwarzen Block, die rechtsnationale Fahnenschwingerin mit dem menschenfreundlichen Homöopathen?
Mir ist kein anderer Denkweg eingefallen als der der Suche nach Heilung, nach Heil.
Die Texte, die ich gelesen, gehört und gesehen habe (ich bezeichne auch Video-Clips als Texte), bieten Heil an. Sie versprechen z.B. heilende Erkenntnis. Die Heilung besteht in einer schnell gewinnbaren Einsicht, die nicht stundenlanges, vielleicht schmerzhaft Widersprüchliches zu Tage förderndes Recherchieren voraussetzt, sondern nur ein paar Klicks. Die Blase, in der man dann herumklickt, ist inzwischen so groß, dass man beim Weiterverfolgen der angebotenen Links sogar das Gefühl haben kann, man würde recherchieren. (Ich höre in Straßeninterviews ganz oft von Hygiene-Demonstrant*Innen, man müsse einfach mal auch abseits der Mainstream-Medien recherchieren.) Dass ich persönlich z.B. lieber gleich auf sogenannten seriösen Portalen schaue, als offen zu recherchieren, hat ja keinen anderen Grund. Ich will Heilung von Unsicherheit durch passende Medikamente, sprich: passende Informationen. Am besten aber in homöopathischen Dosen, damit nicht die Gefahr erneut auftretender Widersprüche entsteht, nicht die Gefahr endlos aufploppender neuer Fragen und schon gar nicht die Gefahr von Widersprüchen, die eigene Selbstverständlichkeiten ernsthaft in Frage stellen könnten.
Wenn wir Welt wahrnehmen, stolpern wir zwangsläufig über Widersprüche. Das würden wir, wenn wir ernsthaft uns selbst wahrnehmen würden, auch tun. Letzteres können wir leicht vermeiden. Ersteres oft auch, solange nicht, wie jetzt, die Welt so viel Krach macht, dass ich es nicht mehr ignorieren kann. Und das tut sie ja, wenn ich einen Laden nicht betreten darf, weil ich meinen Mundschutz vergessen habe. Die Widersprüche, die mich anspringen, sind schwer auszuhalten. Da ist es heilend, wenn ich einfach davon ausgehen kann, sie beruhten auf Betrug. Ich wäre zwar Opfer, aber ich wüsste es und könnte mich ergeben oder kämpfen oder fliehen, je nachdem, was mir mehr Heil verspricht. Es ist heilend, wenn das ganz viele so sehen, ich also nicht allein in diesem Dschungel aus Widersprüchen leben muss.
Ein Beispiel: Ich fürchte, man muss davon ausgehen, dass in den Laboren dieser Welt nicht nur Konstruktives erforscht wird, sondern z.B. auch an biologischen Waffen. Ich befürchte weiter, dass der größere Teil der Menschheit ebenfalls davon ausgeht. Und selbst in einem Labor, in dem nicht an biologischen Waffen geforscht wird, sondern vielleicht mit experimentellen Viruskonstruktionen an einem Impfstoff gegen Aids, können Dinge passieren, die für die Gesundheit der Menschen auf der ganzen Welt bedrohlich sind. Es wäre ja komisch, wenn so etwas nicht passierte. Und dann ist so ein Virus plötzlich in der Welt und bedroht mich ganz persönlich und kegelt meine Lebens-Routinen brutal durcheinander. Dann ist es zwar nicht problemlösend, aber heilend, wenn ich sagen kann, dieses Virus ist eine perverse Labor-Konstruktion. Es soll zur Unterdrückung der Menschheit eingesetzt werden. Der Gedanke ist nicht angenehm, aber er heilt im Moment meine Unsicherheit. Weiterleben mit der Unsicherheit nicht zu wissen, wo das Virus herkommt und es vielleicht auch nie zu erfahren, vielleicht auch nie zu erfahren, ob die Maßnahmen, die jetzt mein Leben durcheinander würfeln, überhaupt sinnvoll waren, – all das wäre realistisch, aber dauerhaft schmerzend, also nicht „heil“. Die Annahme, es gäbe finstere Mächte, die mich und meine Mitmenschen weltweit terrorisieren wollen, ist faktisch alles andere als angenehm, aber sie heilt für den Moment und vielleicht für den längeren Moment meiner vielleicht kompletten Lebenszeit meine Widerspruchsschmerzen. Und dann glaube ich eben entschlossen den beiden Wissenschaftlern, die behaupten, das Virus sei menschgemacht und das sogar für einen Laien schlüssig ableiten können. Und versuche die auszublenden, die Widerspruch anmelden, – vielleicht genauso schlüssig. Notfalls deklariere ich sie als gleichgeschaltete Falschmeldungen-Verbreiter, wenn sie mir gar nicht von der Seite weichen wollen.
Dazu kommt: Es gibt in all diesen Wirren Menschen, die Bescheid wissen. Jedenfalls können sie offenbar überzeugend so tun. Auch das heilt. Ich muss nicht unter Schmerzen weiter davon ausgehen, dass Wahrheit immer nur ein Versuch ist. Und dass der Versuchsaufbau jederzeit einstürzen kann. Ich kann die Wahrheit erfahren. Ich muss nur den richtigen Klick machen.
Bei den Autorinnen und Autoren der „Heils“-Botschaften ist die Sache, denke ich, zum Teil ähnlich und z.T. anders. Vermutlich gibt es unter den Autor*innen Menschen, die wider besseres Wissen betrügen und mit Bedacht Falschinformationen betreiben. Deren Motive kenne ich nicht und kann sie mir auch nicht ausmalen. Die aber, die verfälschende oder, gemessen am Faktischen, unzulässig vereinfachende oder unangemessen pointierende Botschaften verbreiten, in der aufrichtigen Absicht, Gutes zu tun, – welchen Heilungs-Mechanismen dienen die?
Meine These ist: Sie sind die Avantgarde des Heilens. Sie sind verliebt in die Vorreiter-Rolle beim Heilen der anderen und heilen im Ausleben dieser Verliebtheit sich selbst.
Meine Gedanken mögen sich so lesen, als stünde ich über diesen Dingen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich kann diese Sehnsucht nach Heilung geradezu körperlich spüren.
Aber ich kann ihr auch misstrauen. Das unterscheidet mich dann vielleicht doch von vielen, die heillos folgen, – notfalls dem Unheil. Hoffe ich.

 

Tag 59

Distanz ohne Abstand

Der Bundesvorstand der AFD hat auf Initiative von Herrn Meuthen mit 7 zu 5 Stimmen bei einer Enthaltung beschlossen, dass Herr Kalbitz die Partei verlassen muss. Genauer gesagt: Dass sein Beitritt nicht rechtens war, weshalb seine Mitgliedschaft annulliert werde. Er wird also quasi rückwirkend nicht aufgenommen.
Süß, wie die Lehrlinge die Machenschaften der Großen nachspielen, das schwurbelige Verbalwinden der geschmähten „Altparteien“ imitieren. Herr Kalbitz sei mal ein tarnbehoster Wald-Wiesen-Nazi gewesen. Das habe er bei seinem Aufnahmeantrag verschwiegen. Leider sei das entsprechende Dokument verschollen. Es gebe aber zwei Zeugen. Brav ergänzen wir gedanklich: Wenn er es nicht verschwiegen hätte, wäre er ja gar nicht in die AFD hineingekommen. Denn in der AFD gibt es keine Nazis. Bekanntlich. Nun, – es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Der Lehrling Kalbitz allerdings jetzt erstmal schon. – Irgendwie. – Na ja, – ein bisschen.
Am Tag danach verkündet die Fraktion der AFD im Landtag von Brandenburg, dass Herr Kalbitz, der Herrn Gauland folgende Landesvorsitzende der AFD in Brandenburg, Mitglied der Fraktion bleibe. Und dass sein Fraktionsvorsitz jetzt zunächst mal nur kommissarisch von jemand anderem übernommen werde.
Herr Kalbitz kündigt rechtliche Schritte an.
Die besonders Rechten in der Partei kritisieren den Rauswurf, nein: die rückwirkende Nichtaufnahme, also genau genommen: Die im Grunde Nicht-Existenz der Mitgliedschaft des Herrn Kalbitz.
Ich würde mich freuen, wenn die rechtliche Prüfung (wer macht sowas eigentlich?) der Personalie Kalbitz ergeben würde, dass er in der Partei bliebe und alle seine Ämter auch offiziell wieder aufnähme.
Aus niederen Motiven, muss ich gestehen.
Möge er noch lange den juckreizenden Fußpilz der AFD geben. Und ich darf mich dann erfreuen, wie sie genervt in die Höcke gehn und sich kratzen.

Tag 58

Abstand ohne Distanz

Ich lungere vor der Apotheke herum. Kann noch nicht rein. Zuviele Leute drin. Zwei. Dauert so lange, bis ich endgültig jede Werbetafel im Schaufenster gelesen habe. Und noch länger.
Dann entdecke ich noch ein Plakat auf der anderen Seite der Eingangstür.
Eine Frau im weißen Kittel. Apotheken-Interieur hinter ihr. Brille. Dunkle Haare. Mittleres Alter. Ein sehr einladendes Lächeln. Aber auch wieder nicht zu leutselig. Sie soll ja Zugewandtheit und zugleich Seriösität und Kompetenz ausstrahlen. Schätze ich.
Das tut sie. Schätze ich.
Darunter der Satz: „Abstand hat nichts mit Distanz zu tun. Wir sind weiterhin für sie da.“

Da gibt es einen Menschen, der den Auftrag hat, sich einen werbewirksamen Spruch auszudenken. Dann gibt es Menschen, die sich seine Vorschläge mal informell ansehen. Dann gibt es Menschen, die auf irgendeinem Meeting sich entscheiden. Für genau diesen Spruch. Dann gibt es Menschen, die layouten. Und Menschen, die drucken. Und Menschen, die das fertige probegedruckte Plakat zum Druck und zur Verwendung freigeben, nachdem sie es in einem Meeting begutachtet haben.

Da sind einige Menschen beteiligt. Und keiner, dem auffällt, wie idiotisch der Spruch eigentlich ist. Natürlich hat Abstand mit Distanz zu tun. Wer je versucht hat, über den Mundschutz weg auf 2 Meter Innigkeit und Nähe herzustellen, weiß das. Und leidet darunter.

Tag 57

Da erweist mir jemand die Ehre, einen Gastbeitrag für meinen Blog zu schreiben. Ich freue mich sehr.
Gerne arbeite ich den Text als Beitrag ein. Fülle das Backsite-Formular aus. Datum, Kategorie, Schlagwörter usw.
Frage das endgültige O.k. ab.
Bekomme das endgültige O.k.
Und dann? – – Vergesse ich das Entscheidende: Auf „Veröffentlichen“ zu klicken.
Eine Freundin, die sich schon auf den Beitrag gefreut hatte, weist mich darauf hin, dass er nicht zu finden sei.
Das muss ich schleunigst ändern!
Es ist mir eine Ehre:


Tag 39.1

Perfekter Ansteckungsschutz

(Außenkorrespondent P)

In der Tankstelle in einem westfälischen Dorf: Ich will eigentlich nur kurz bezahlen, halte Abstand an der roten Klebebandlinie und trage artig einen Mund-Nasen-Schutz. Vor mir an der Reihe: Ein älterer Handwerker mit ziemlich matschigen Stahlkappenstiefeln, der nicht wegen Benzin, sondern wegen zwei Mettbrötchen in der Tanke steht. Er ist der Typ, den man ironiefrei mit „Scheffe“ ansprechen könnte und per Du mit dem Tankwart. Beide tragen elegantere Masken (weiß mit dezenten Stickereien, eine davon mit lokalen Kirchturm-Silhouetten). Sie tauschen sich darüber aus, dass man beim Metteinkauf nicht am falschen Ende sparen soll, während der Tankwart mit ziemlicher Hingabe das Mettbrötchen frisch schmiert. Dann wechselt das Gesprächsthema zu dem Zerstörungspotential von unausgelasteten großen Hunden. Normalität der ländlichen Tankstellenkonversation nahe bei 100%.

Der Tankwart trägt extra orangene Gummihandschuhe für die Mettbrötchenherstellung, pickt mit einer Gabel eine halbe rote Zwiebel aus einer speziellen Plastikdose auf, um diese mit einem dafür bereitstehenden Messer in Ringe zu schneiden. Alles sehr coronagerecht hinter dem transparenten Aufbau, der auch ein Ablageloch für mehrere Gebäckzangen hat. Dann kommen die beiden Brötchenhälften in eine Papiertüte, die der Tankwart durch eine Lücke zwischen dem Spuckschutz und der Plexiglas-Vitrine schiebt, mindestens 1,5 m Abstand haltend. Scheffe bereitet sich vor, dass Mettbrötchen bar zu zahlen (ist ja hygienisch mit dem Automaten, der das Kleingeld annimmt).
Als der Tankwart die Kasse mit den orangen mettverschmierten Handschuhen bedient, bin ich froh, dass ich unter meinem Mund-Nasen-Schutz unbemerkt grinsen kann.
Ich phantasiere, wie die Geschichte weiter geht:
Der Tankwart bekommt am nächsten Tag sehr heftig die einschlägigen Symptome. Er wird getestet und bleibt zwei Tage in Totalquarantäne.
Dann das Ergbnis:
Kein Covid. –
– Salmonellen.

Tag 56

Wuppertal

Skulptur im Skulpurenpark Wuppertal

Es scheint als könnte diese Stadt Spagat. Jedenfalls im kulturellen Leben.

Graffitis am Haus der Jugend, Wuppertal
Sie wird sich hier und da eine Zerrung holen.

Skulptur im Skulpturenpark Wuppertal

Tag 55

Ich habe es tatsächlich getan. Und es ging. Dabei hatte ich Zweifel, ob das überhaupt in den Bereich der von mir entscheidbaren Dinge fällt. So ähnlich wie bei der Konfession. Tut es. Offensichtlich.
Ich habe die Fußball-App auf meinem Handy gelöscht und das dazugehörige „Werbefrei-plus- ein-paar-kleine-Extras“-Abo gekündigt.
Mein Dasein als Fußball-Fan ist beendet.
Seit der öffentlichen Berichterstattung über freiwilligen Gehaltsverzicht von Fußball-Profis, dem scheibchenweisen Infizieren von Politik und Öffentlichkeit mit „Fortsetzung der Saison“ und endgültig seit dem Gejammer über eine mögliche Insolvenz der Firma mit den blauweißen Gazprom-Werbepuppen war ich nur noch angewidert und zornig. So heftig, dass ich mich gefragt habe, warum. Ich weiß ja nicht erst seit gestern, dass das Prinzip „Brot und Spiele“ zum Kapitalismus gehört. Dass Popstars aus Show und Sport damit geradezu obszön reich werden. Und dass sie dabei so tun, als läge Ihnen die/der Fan am Herzen.
Eine Antwort habe ich nicht gefunden. Aber einen Ausweg.
Der Samstag ohne Fußball war ein schöner Tag. Und zwar nicht trotzdem. Sondern zu einem guten Teil wegen.

Tag 54

Schlange

Zehn Uhr Acht. Perfekt. Zehn Uhr Zehn ist der Termin. Während ich das Fahrrad an der Arztpraxis abstelle, sehe ich draußen schon die Schlange. Sieht lang aus. Sind aber nur 5 Menschen. Es wird immer nur eine Person reingelassen, wenn eine andere die Praxis verlässt.
Ein Mann kommt kurz nach mir angeradelt, stellt auch sein Fahrrad ab. Er kriegt das Gefummel mit dem Schloss schneller hin und kann sich vor mir in die Schlange reihen. Als ich endlich auch soweit bin, schaut er mich an und winkt mich vor. „Sie waren doch vor mir da.“ Wahrscheinlich lächelt er, aber sehen kann ich es nicht. Mundschutz.
Hier und da ein paar launige Wortwechsel. Woll`n Sie auch `n Fisherman’s? Garantiert noch nicht infiziert. Nein Danke, ich bin zu schwach. Hä? Ja, kenn`se nich? Die Werbung? Sind sie zu stark, … Ach so ja, klar.
So in der Art.
Kurz darauf strebt eine flotte, schicke, junge Frau eilig auf die Eingangstür zu. Sie rüttelt daran. Aufklärung aus der Schlange: Sie müssen erst schellen. Die Person schellt. Sie reckt ungeduldig den Kopf hin und her. Versucht, drinnen jemand auf sich aufmerksam zu machen.
Wieder wird sie aufgeklärt. Sie müssen auf das Surren in der Tür achten. Dann können sie sie aufdrücken.
Ich bin innerlich schon auf dem Sprung, da tut es ein anderer: Aber, sagen Sie, Sie sind ja eigentlich noch nicht dran. Sie müssen sich hinten anstellen. Wir warten alle.
Ja, aber, … sie habe gerade angerufen, um nur ein Rezept abzuholen. Da sei ihr gesagt worden, sie solle um 10 da sein. Sie sei jetzt eh schon zu spät.
Ohne weitere Kommentare wie auf geheime Absprache spulen wir alle, die wir in der Schlange stehen, unsere Zeiten runter. 10:10, 10:15, 10:20 usw. Gefällt mir, die Szene.
Sie lässt sich nicht beirren. Sie habe ja keinen Arzttermin. Sie habe nur einen Termin zum Rezept Abholen.
Inzwischen hat es an der Tür gesurrt, sie aber verpasst, zu drücken.
Ja, nu drücken se, brummelt es aus der Reihe.
Die Frau drückt.
Ja, erst schellen, natürlich.
Das geht noch ein wenig hin und her. Mit der einen oder anderen kleinen Spitze aus der Schlange. Aber nicht besonders giftig. Eher ketzerisch.
Schließlich geht die junge Frau als erste von uns allen rein. Sie hat es geschafft.
Ich schwanke zwischen wohliger Freude, Ärgern und Beneiden. Mit freundlicher, aber unnachgiebig bestimmter, lässiger Dreistigkeit seine eigenen Interessen verfolgen und durchsetzen. So selbstverständlich, dass es nicht mal zum Kampf kommt. Das würde ich mich niemals trauen. Davon hätte ich gerne mehr.
Die Freude? Sie genießt, dass alle hier in der Reihe sehr entspannt sind. So entspannt, dass es nicht einmal lohnt, sich aufzuregen.
Die junge Frau kommt wirklich sehr schnell wieder raus.
Und spurtet an uns vorbei zu ihrem Auto. Es soll so aussehen, als ob sie es enorm eilig hätte. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass ihr der Weg vorbei an „unserer“ Schlange sehr, sehr unangenehm ist. Das find ich gut. Sie schämt sich wenigstens ein bisschen. Das ist doch mal ein Anfang.

Tag 53

Morgensonne 1 Kleine Lichtinseln
Morgensonne 2 Kleine Lichtinseln
Frisch gestimmt

Wie erste Morgensonnentupfen
Perlentöne aus den Vogelstimmen zupfen
Wie in frisch aufgezog’nes Bettzeug hinzusinken
Wie Vergleiche, die kess grinsend hinken
Wie die Hände an der warmen Tasse Tee
Nach einem Fröstel-Sturm-Spaziergang an der See
Wie beim Nachhausekommen Zwiebelbratgeruch im Flur
Wie winterweises Ruhen von Natur
Wie der Verzicht auf Garantie
Für Zuversicht und Empathie. Wie
Vanilleeis, grad im Beginnen
Auf warmem Apfelstrudel zu zerrinnen.
Wie sanftes Pusten, das den Kinderschmerz verringert
Wie ihr Blick, der unversehens so verlangverführig schimmert.
Wie wenn von der sich öffnenden Mohnblütenknospe
Ich scheue Blicke lockende Verheißung koste
Wie ein Segelschiff durch wilde Wasser reitet
Ein Tambourin den Schrei der Welt begleitet
Wie Jetzt
Wie Hier
So klingt
Frisch gestimmt
Mein Klavier

Tag 52

Wenigstens unsere Heimatzeitung sorgt für nicht digitales Amüsement.
Zum Beispiel der Aufmacher heute im Lokalteil.

Hallo?!? Ist da jemand?!? AFD-Sympathisanten, Pegidianer oder irgendwelche anderen um die ethnische Unversehrtheit unserer schönen Heimat besorgten Menschen?!?
Müsst Ihr da nicht was unternehmen?!?
Das ist ja furchtbar!! Und wie die schon aussehen, diese Grundel!!

Grundel Fisch
Da wird ja selbst die Lügenpresse schwach und eiert nicht politisch korrekt herum, sondern nennt die Dinge bei den Namen, wie sie der gesunde Menschenverstand auch benutzen würde.  „Invasion aus dem Schwarzmeerraum“, statt „Zuwanderung von Fischen mit Migrationsgeschichte“ (und wo die Brüder herkommen, wird dann feige verschwiegen), „Eindringlinge“ statt „Asylbewerber*innen“, „macht sich breit“, statt „siedelt sich an“.  Die „vermehren sich rasend schnell“, die „bedrohen“ mit ihrer „Aggressivität“ die „heimischen“ Fische. Man möchte den „Kampf gegen die glubschäugige Grundel“ vorantreiben.
Und das Ganze geschieht auch noch heimtückisch im Schatten der Corona-Krise. Wahrscheinlich weil sie glaubt, dass es da keiner mitkriegt, diese Grundel. Aber nicht mit uns!
Also was ist jetzt? Wenigstens eine Presseerklärung oder eine kleine Social-Media-Kampagne? Ein paar Aufklärungs-Youtube-Clips?
Das könnt Ihr doch nicht einfach so hinnehmen!
Heil Petri!

Tag 51 

Ich erfahre durchs Radio, dass heute der Tag der Limericks sei. Was es alles gibt.
Ohne, dass ich das groß beschließe, fängt mein lyrisches Ich an zu kreisen.
Und zu kreißen.
Und gebiert.

Bierflasche Corona

Corona

Es reicht ein nur winziger Tropfen
Schon hörst du den Sensenmann klopfen
Die Warnung im Ohr
Zieh‘ ich doch vor
Gleichnamige Tropfen aus Hopfen

Tag 50

Ein Triptychon aus Traum

Ereignisreiche Nacht an der Schwelle zum Tag. Glaube ich. Denn als ich aus dem letzten Traum erwache, beginnt es zu tagen.

Der erste Traum: Eine ältere Frau steht vor einem jungen Paar. Sie übernimmt für ein paar Tage deren Wohnung. In der Szene möchte sie den beiden das Geld dafür geben. Die Beiden finden das Quatsch. Sie solle das Geld doch dem Vermieter geben. Die Frau will das nicht. Ich vermute im Traum, dass ihr das zu kompliziert ist und sie das Bezahl-Thema lieber jetzt erledigt wüsste. Die beiden Jüngeren sind in einer Zwickmühle. Sie möchten einerseits der netten älteren Dame entgegenkommen, andererseits aber nicht die Arbeit haben, das Geld dann ihrerseits beim Vermieter abliefern zu müssen. Mein beobachtendes Traum-Ich überlegt begleitend, welche Lösung denn jetzt die richtige wäre, kommt aber nicht drauf. Ende. Ich weiß nicht, ob ich kurz wach werde.

Der zweite Traum: ich sitze auf dem Klo. Es steht in einem offenen Raum. Rechts von mir ein Treppenhaus. Lichtdurchflutet. Es ist ein schick gestyltes Glaskonstrukt mit schmalen Metallstreben. Mir direkt gegenüber, ziemlich nah, eine Wand. Von rechts kommt ein Mann durchs Treppenhaus hoch und geht auf mich zu. Ein gutes Stück hinter ihm eine Frau. Da die Wand mir gegenüber sehr nah ist, können die Beiden wohl nicht einfach so vor mir vorbeigehen. Wie selbstverständlich drehe ich mit der ganzen Kloschüssel einfach nach links. Wie auf einem Bürostuhl. Die Beiden gehen seitlich an mir vorbei. Mein Traum-Ich wundert sich, dass ihm das nicht peinlich ist. Mit runtergelassener Hose auf einem seitlich gedrehten Klositz unmittelbar neben zwei an mir vorbei gehenden Fremden. Als sie durch sind, drehe ich wieder zurück. Mein Blick fällt gegenüber nach draußen. Diesmal rührt sich mein Traum-Ich nicht, denn es wundert sich nicht, dass ich einfach so geradeaus nach draußen gucken kann. Schließlich war hier gerade noch eine Wand. Es registriert das emotionslos. Draußen, etwas weiter weg, jenseits einer Straße ist links eine kleine Siedlung mit mehreren winzigen Häuschen. Sie sind alle unterschiedlich. Die Häuschen selbst und das jeweilige Drumherum ist ein einziges verspieltes buntes Durcheinander von verschiedenen Gefährten, Kinderspielgeräten, Wäscheleinen, Rasenmähern. Ein wenig wie ein Landschaftsausschnitt einer Modell-Eisenbahn-Anlage. Rechts daneben ein modernes, mittelgroßes Hochhaus, architektonisch interessant. Glas und Stahl, aber nicht protzig, eher verspielt. Ähnlich dem Treppenhaus rechts neben mir. Ist es mein Traum-Ich, oder mein Ich-Ich, das sich einen kurzen Moment fragt, ob das Gebäude, in dem ich bin, vielleicht von außen genauso aussieht? An mehreren Stellen an dem gegenüber liegenden modernen Hochhaus hängen große braune Frottee-Betttücher, rechts und links jeweils an dünne Stahlleinen geklippt, vor der Fassade herab. Ich frage mich im Traum, was das wohl ist. Dann fällt es mir ein. Ach ja, da ist ja ein Studentenwohnheim. Kurz darauf schwingt sich ein junger Mann an einer Leine aus dem Fenster auf eines der Bettücher. Gesichert mit der Leine seilt er sich mitsamt Bettuch ab. Kurz vor dem Boden: Ende. Ich weiß nicht, ob ich kurz wach werde,

Der dritte Traum. Ich gehe durch einen Flur, nähere mich dem Badezimmer. Dessen Eingang ist wiederum ein Flur. Ein kürzerer mit zwei Türen. Die erste Tür zu dem Flur, in dem ich stehe, ist offen. Die zweite zum Badezimmer selbst verschlossen. Ich höre das klassische Geräuschszenario einer laufenden Dusche. Durch die offene erste Tür sehe ich in dem kleinen Flur zum eigentlichen Badraum bestimmt 40-50 cm hoch das Wasser stehen. Darin strudelige Fließbewegung. Als würde immer noch Wasser nachlaufen. Merkwürdigerweise steigt der Wasserstand, aber das Wasser fließt nicht aus dem kleinen Flur heraus in meine Richtung. Mein Traum-Ich fragt sich, wie das sein kann. Sucht eine unsichtbare Wand. Etwa eine Scheibe. Da ist aber keine Scheibe. Dann entscheidet mein Traum-Ich, dass das jetzt unwichtig ist. Denn die Liebste muss aus der Dusche raus. Wer weiß, wie hoch da das Wasser steht. Ich rufe: „Du musst sofort aus der Dusche raus!“ „Geht nicht“, höre ich gedämpft zurück durch die Tür, „sitze gerade auf dem Klo!“
„Das kann nicht“, hört mein Traum-Ich sich selber denken, „die sitzt niemals auf dem Klo und lässt gleichzeitig die Dusche laufen!“ Mit sich überschlagenden Traum-Ich-Erklärungsversuch-Gedanken reißt der Traum ab. Ende.

Als ich zurückgefunden habe ins Wach-Dasein, rattert sofort das Rational-Maschinchen im Kopf los. Ist doch klar, der Traum ist eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass du offenbar schon seit einiger Zeit pinkeln muss.

Ich stoppe das Maschinchen und während ich mich unwillig aus dem Bett schäle, freue ich mich daran, dass die Hirnströme in meinen angeblich grauen Zellen soviel Bilder-Spiel-Wirbel um eine eigentlich banale Sache machen..Sie fabulieren halt gerne. Ich vermute, sie tun es oft.
Auch bei anderen Menschen.
Wahrscheinlich nicht nur im Traum.
Das Leben ist die Erzählung davon.

Tag 49

Ich höre in diesen Zeiten häufiger, dass Bill Gates schon seit Jahren vor der Gefahr von Viren für die Gesundheit der Menschen warnt.
Irgendwie naheliegend. Beim Gründer von Microsoft.

Tag 48

Zum ersten Mal seit Wochen eine Umarmung mit innigen Freunden. Einen Moment fühlt es sich so an, als wollten wir nie wieder loslassen.
Und ein bisschen verboten auch.

Tag 47.2

Gießkanne auf einer Brachfläche mit Blumen

Die Liebste und ich stapfen wieder mal mit zwei randvollen Gießkannen zu einem Esskastanien-Baum am Rand unserer Siedlung. Sie ist die Patin dieses Baumes. Wir wollen ihn wässern. Er ist noch jung und kann bei Trockenheit gut etwas Wasser brauchen.
Als wir da sind, streift, wie üblich, mein Blick über die Brachfläche drumherum. Ich muss lächeln. Mir fällt die Szene wieder ein, als unsere Enkelin, auch mit einer kleinen Gießkanne „bewaffnet“, einmal mitging. Sie fand, dass die kleinen Blumen auf dieser Fläche auch Wasser bräuchten, drehte mit ihrer kleinen Gießkanne ab und fing an …

Tag 47.1

Wirtschaftswunder

Unser Käseblättken heute Morgen: Das ganze Titelblatt eine einzige augenbetäubend schreiende Entgleisungs-Metapher:

Ein Schwarz-Weiß-Bild vom Kriegsende 08.05.1945. Verzweifelte, ratlose, müde Menschen dichtgedrängt. Vor allem Frauen. Sie schauen fragend in die Kamera, – der Zukunft entgegen. Wie wir heute wissen: Dem entgegen, was man gerne Wirtschaftswunder nennt. Von 0 auf X.


Darunter dicke Lettern: „NRW startet den Motor“.
Eine irrsinnige Kombination. Die herbeigesehnten „Lockerungen“ als Beginn des Weges heraus aus dem Krieg gegen das Virus.
Ich sehe sofort einen etwas irritierten „Gastarbeiter“ auf einem Foto in ein paar Wochen. Er begleitet den hunderttausendsten VW-Tiguan beim Weg vom Band. Brandneue Euro-7-Technik. Geht wie geschnitten Brot dank der Kaufprämie. Auf dem Foto steckt der Mann gerade ein überdimensionales vierblättriges Kleeblatt hinter den Scheibenwischer. Es war so abgesprochen für’s Foto. Das Foto wird eine Ikone werden. Wie das mit dem Italiener und dem VW-Käfer
Ich bin also Teil eines Motors. Er war in Reparatur. Aber jetzt darf er wieder laufen. Es ist ein Verbrennungsmotor. Er führt uns aus der Stunde 0. Ins Wirtschaftswunder zweipunktnull. Unsere Verunsicherung und Ratlosigkeit haben ein Ende.
Damit wir wissen, was uns antreibt, weiter unten die Kernbotschaften 2 und 3:

2. Die Bundesliga macht weiter. Die Vereine sind gerettet. Die in obszöne Größen gewucherten Gehälter, von denen die Granden im Schnitt sich 30 % abgezwackt haben (von was eigentlich? Vom Jahresgehalt, von Monatsgehältern der Zeit der Untätigkeit?) um dem Verein zu helfen, sind auch gerettet. Die kitschige Scheinspendabilität der Rasenpopstars und der bei Bedarf beschlipsten, sonst gerne sportlich lässigen Bosse zürnt mich noch heute so sehr, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, mein Fandasein zu beenden.

3. Auf der A 1 kann auf einer Brücke bei Hagen jetzt dreispurig gefahren werden. Freie Fahrt für freie Bürger, die auf der Strecke vor der Brücke mit ihrem nagelneuen Wirtschaftswunder 2.0-Tiguan mehrmals im Stau standen, aber auf diesem Stück jetzt Gas geben können. 2022 können sie das dann auf dem Rückweg in der anderen Richtung auch. Dann mit dem Euro-8-Tiguan, für dessen Kauf es dann allerdings leider keine Prämie mehr gibt. Nur noch für Elektroautos, die immer noch nicht so richtig „gehen“.

Tag 46

Inkluencer

In der „Brigitte“ fällt mein Blick auf ein Foto. (Ja, heimlich doch mal reingeguckt …) Darauf eine junge Frau und ein Mann. Beide tragen ein blütenweißes T-Shirt mit der Aufschrift „#Inkluencer“. Sie hocken im Schneidersitz auf dem Boden. Die Frau hat zärtlich den Kopf auf die Schulter des Mannes gelegt. Ganz das schöne Leben, passend zum ‚Style‘ der Beauty-Gazette.
Der Artikel erzählt von einem preisgekrönten Blog einer jungen Frau, deren Bruder Trisomie 21 hat. Sie kämpfe für einen liebevollen Umgang damit. Gegen den Behinderten-Status.
Ich schrecke auf, als in dem Artikel erklärt wird: „Die Aufschrift auf dem T-Shirt ist eine Mischung aus Inklusion und Influencer.“ Für wie doof hält diese Zeitschrift ihre Leser(innen)?

Tag 45

Tourette-Routine

Es nervt. Aber ich will es vor mir selber nicht zugeben. Das Bild zeigt abwechselnd eine Frau, die spricht und einen Mann, der unablässig zuckt und Geräusche von sich gibt. Schnalzen, Miauen, manchmal auch wortähnliche Laute.
So beginnt eine Aufführung von Rimini-Protokoll, die wir anschauen. Obwohl wir wissen, dass an dem Stück Menschen mit Tourette beteiligt sind, fragen wir uns beide angesichts des zuckenden und maunzenden Mannes: Ist das echt? Oder ist es „nur“ „Theater“?
Und wenn es echt ist, ist es dann kein Theater? Wir gestehen uns, dass es nervt. Das hilft durchzuhalten.
Und auch das Szenario stellt die Theater?-Frage. Klar, es ist Theater. Es gibt eine Bühne, es gibt provisorisch schräg aufwärts gebaute Zuschauerränge, es gibt Beleuchtung, es gibt Bühnenarbeiter.
Aber es gibt auch ein großes Tor, durch das schon am Anfang des „Stückes“ ein echtes Auto fährt. Der Raum ist also ebenerdig. Eine überdimensionale Garage. Nur eben nicht verschlossen privat, sondern öffentlich.
Also kein Theaterstück im üblichen Sinne. Obwohl auch das schon falsch ist. Theater ist schon lange nicht mehr nur im ehrwürdigen Plüsch-Theater üblich.
Wir erleben 4 Menschen. Eine Frau, drei Männer. Laut Programmankündigung haben alle drei Männer „Tourette“. Sie haben Ticks. Die Frau ist eine Musikerin, die auch mit-„spielt“, und deren Musik weit mehr ist als Hintergrund. Sie ist Teil der Handlung bis hin zum Lied. „Ein Tick“ Musical, ein „Tick-Musical“.
Irgendwie spielen die Vier nicht. Aber irgendwie doch. Sie erzählen, wie ihr „Stück“ entstanden ist, wie es sich entwickelt hat und was es für sie bedeutet, jetzt hier zu sein. Dabei folgen sie einer Art Choreographie, die verabredet ist, von der sie aber alle auch sagen, dass sie sie jederzeit verlassen können, wenn sie es nicht mehr aushalten. Das sei Teil der Verabredung. Und zum temporären Verlassen laden sie auch die Zuschauer*innen ein, – falls sie es mal nicht mehr aushalten. Warum dann nicht kurz einhalten und rausgehen? Draußen gebe es auch was zu trinken.
Der maunzende, schnalzende Mann am Anfang nervt. Es fällt schwer, der Frau, die redet, zuzuhören. Aber wir halten durch und stellen, als das Stück zu Ende ist und wir eine Weile schweigend dagesessen haben, fest, dass es uns schon nach kurzer Zeit nicht mehr genervt hat.
Die Musikerin ist im Leben jenseits dieser Bühne Musikerin. Auf der Bühne auch. Das gilt auch für die Männer. Auf der Bühne und im „richtigen“? Leben: Altenpfleger (!), Mediengestalter (!), Politiker (ja, Politiker im hessischen Landtag).
Ihr Theater? Echt. Sie zeigen uns ihr Tourette. Und zeigen es sich gegenseitig und sich je selbst. Der eine sagt: Ich hatte Angst, dass ich mir von Euch was abgucke. Einer schreit Arschloch, als ein anderer gerade redet. Und noch mal. Und noch mal. Der, der gerade redet, dreht sich um, maunzt und bellt: Jetzt halt doch mal … . Und die Blicke und die Haltungen der beiden erzählen: Es ist kein Konflikt! Sie sind eben einfach so. Das Problem haben wir. Bzw. in der Phase schon nicht mehr. Wir haben uns ja inzwischen eingehört, eingeguckt.
Natürlich spielen die Liebste und ich anschließend „Tourette“. Miauen, grunzen, furzen, Arschloch was was, Geile Maus. „Spielen“ meint: Wir probieren aus. Tasten uns in das Gefühl. Natürlich auch „Spielen“ im Sinne von „Blodsinn machen“, Laut-Verkleidung, Ungehorsam sein, Konvention brechen. Eigentlich der ganze lustige Ernst von Kinderspiel.
Immer mehr fange ich dabei an mich zu fragen, ob meine Kommunikationskonventionen überhaupt so weit weg sind von Tourette. Ganz im Ernst. Ob nicht viel von dem, was ich tue und sage, auch nur kleinen synaptischen Eruptionen geschuldet ist und mit einer gewissen Mechanik einfach rauspoltert.
Ich taste mich weiter. Wie oft fange ich Entgegnungen in Geprächen, selbst wenn sie gar nicht als Widerspruch „gedacht“ sind, mit „Aber“ an? Wie oft ende ich mit „verstehst du“? Wie oft beginne ich einen Satz, die oder der andere redet aber noch weiter, ich grätsche dazwischen mit demselben Satzanfang, die oder der andere redet aber noch weiter, wieder mein Satzanfang, – das Ganze dreiviermal. Bis ich dann den ursprünglich gesagt gewollten Satz beende. Als hätte es den Satz meines Gegenübers gar nicht gegeben. Wie oft bohre ich in der Nase, obwohl da gar kein Popel rauswill? Wieviele von meinen Kommunikations-Häppchen sind einfach nur synaptische oder körperliche Zuckungen. Wieviel ist einfach sinnlose Mechanik, die nur kultivierter daherkommt? Oder besser: Sinnvolle Mechanik, deren Sinn aber nicht den Ursprung hat, den er vorgibt zu haben, sondern einen anderen, vegetativen, emotionalen. Einen Ursprung, der einen tieferen Sinn hat.
Und das, was ich als Kommunikation sehe und höre. Wieviel davon einfach nur „Tourette“? Kleine Ausbrüche, deren Bedeutung ganz anders entsteht als durch das, was wir „Denken“ nennen?
Und auch das macht Spaß. Theaterspaß. Möglicherweise ist „fake“, das Lieblingswort eines bekannten Präsidenten, gar nicht der Ausdruck irgendeines kruden Versuches, Sinn zu kommunizieren, sondern einfach nur der Nähe zu „fuck“ geschuldet, die irgendeinen Impuls im Großhirn auslöst, der dann bellt: Raus damit. Spaß am Provozieren, einfach nur der Klang, Kreation von Absolutheit. Was weiß ich!
Wieviel Tourette ist in „Shutdown“, „Lockerung“, „Test“, „Abstand“, „Tröpfchen-Infektion“, „Rachen“, „Covid“, Zippeln an der Mundschutzmaske, Husten, Wegdrehen?
Was soll das ganze Theater, das vorgibt keins zu sein?
Wieviel Tourette ist in den aktuellen neuen Routinen, die vorgeben, Vernunft zu sein.
Neue Welten tun sich auf.
Der Idealfall von Theater. Theater der Tourette-Routinen.

Tag 44

Zettel mit Notizen zu einem Song

Aus unzähligen Zetteln mit Notizen und Ideen ist ein Lied geworden:

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Tag 43

Unverfrorene Verachtung der Welt

Zwei Nachrichten ganz weit weg von einander und doch irgendwie zueinander passend:

Die Bosse der großen Autokonzerne fordern im Wohlgefühl des Schlüsselindustrie-Vorzugs-Status 3000 € staatlichen Zuschuss für Käufer*innen eines neuen Autos mit Verbrennungsmotor nach Euro-6-Norm. Die Bosse genau der Konzerne, die vor kurzer Zeit noch die ganze Welt betrogen haben bezogen auf eben diese Norm. Und die im Moment angesichts von Corona überlegen, ob nicht als „letztes Mittel“ irgendwann theoretisch eventuell notfalls doch auch über eine Kürzung von Dividenden und Boni nachgedacht werden könnte. Ich weiß nicht, ob „Unverfrorenheit“ dafür noch der richtige Begriff ist.

Die Regierung in Nepal hat eine Putzaktion wegen Corona vorläufig abgesagt. Der Mount Everest sollte gereinigt werden. Von tonnenweise Müll, den Mount-Everest-„Eroberer“ dort hinterlassen haben. Und auch von dem einen oder anderen „Eroberer“-Rest, der die Tour nicht überlebt hat und liegen blieb, weil er an einer schwer erreichbaren Stelle liegt.
Ich weiß nicht, ob „abgrundtiefe Verachtung der Welt“ für das Vermüllen eines Gebietes, in das man doch geht, um die Erhabenheit der Natur zu erleben, noch der richtige Begriff ist.

Tag 42

Zwei linke Gehirnhälften

Wenn ich in einen Baumarkt gehe mit einer Frage, von der ich vermute, dass richtige zertifizierte Heimwerker sie lächerlich finden, dann baue ich vor und kokettiere mit meiner Ungeschicklichkeit. Ich leite ein mit: Haben Sie schon mal von dem Mann mit den zwei linken Händen gehört?
Ja?
Das bin ich.
Meistens kriege ich ein honoriges ‚Gibt keine doofen Fragen, gibt nur doofe Antworten‘ geschenkt.
Dabei habe ich gar keine zwei linken Hände. Aber ich fürchte: Zwei linke Gehirnhälften.

Ich verbringe den halben Sonntag mit der Lösung eines Problems. Die ganze Abteilung ‚Elektronik‘ in meinem Zimmer hängt an einer Steckdose. Diese kann ich zentral an einem Schalter neben der Tür ein- und ausschalten. Er sieht aus wie die beiden Lichtschalter darüber.
Ich tippe drauf, wie üblich, weil ich Computer und Keyboard bespielen will. Nix. Ich tippe nochmal und nochmal. Nix. Ich weiß, dass ‚Nochmal-Drücken‘ totaler Quatsch ist. Aber ich schiebe damit etwas auf, von dem ich weiß: Es ist genauso unangenehm wie unvermeidlich: Ich muss in die unheimliche Unterwelt des Kabelgewirrs in den Kellergewölben des Schrankes neben meinem Schreibtisch hinter der Schiebetür unter der Schräge kriechen. Erreichbar ist es nur durch eine schräge Luke ganz rechts in der Ecke. Zugänglich ist sie nur, weil ich unheimlich lange Arme habe.
Ich habe sofort die entscheidende Diagnose: Es ist diese uralte Mehrfachsteckdose, der ich noch nie so richtig getraut habe. Kein Problem: Ich krieche eine Etage unter das unterste Regalbrett hinter der Schiebetür vor dem Schrank unter der Schräge, stöpsele die Mehrfachsteckdose aus und freue mich schon darauf, wenn ich gleich die ganzen Geräten mit einer schicken, deutlich jüngeren Steckdosenleiste beglücke.
Und dann dämmert mir: „Gleich“ ist ein schöner, aber unerfüllbarer Traum. Die Steckdosenleiste selbst liegt auf dem oberen Regalbrett hinter der Schiebetür vor dem Schrank unter der Schräge. Zwischen Wand und Regalbrettern passt kein Stecker durch. Weder der alte von der kaputten Leiste, noch der neue. Der Plan, sich die alte Leiste erstmal anzusehen, d.h. sie auseinanderzubauen und sie zu reparieren, ist schon mal schwieriger. Aber gut, dann baue ich sie eben unterm untersten Regalbrett im Kellergewölbe hinter der Schiebetür vor dem Schrank unter der Schräge auseinander. Denke ich.
Geht aber nicht. Da gibt es nichts, nicht einmal einen Hauch von irgendwas, was man auseinanderbauen könnte. Also die neue Leiste. Von der alten schneide ich dann den Stecker eben einfach ab.
Die neue Leiste hat tatsächlich Schrauben. An der Seite und am Boden.
Optimistisch suche ich Werkzeug zusammen und trage es auf die Baustelle.
Ich drehe die Seitenschrauben auf. Ich drehe die, … oh, nein, geht ja gar nicht. Das sind ja gar keine normalen Schrauben. Wie normale Schlitzschrauben, nur, dass der Schlitz in der Mitte mit einer kleinen Brücke verschlossen ist. Natürlich probiere ich erstmal mit einem klitzekleinen Schraubenzieherchen, ob ich es nicht doch irgendwie gefummelt kriege. Aber nach dem zweiten Abrutschen und haarscharfem Vermeiden einer lebensbedrohlichen Stichwunde sehe ich ein, dass ich ein passendes Werkzeug brauche. Zum Glück haben meine beiden Nachbarn nicht nur sowas von keine zwei linken Hände, sondern auch jede Menge Werkzeug. Und das ist, im Unterschied zu meinem, auch noch so geordnet, dass sie es auf Anhieb finden.
Wieder zurück, schraube ich mit diesem Wunderding die Steckdosenleiste tatsächlich auf. Dabei bete ich, dass die Kabel drinnen verschraubt sind. Bitte, lieber Gott, (in extremen Situation bin ich deutlich gläubiger als sonst), lass sie nicht gelötet sein.  Ich bleibe unerhört, was verständlich ist bei meiner Vorgeschichte. Die Kabel sind gelötet.
Glaub bloß nicht, dass ich jetzt aufgebe, Leiste! Ich hole den Lötkolben und schaffe tatsächlich, die beiden stromführenden Leitungen ohne größere Kollateralschäden abzulöten. Ich fummele das Kabel von unten hoch zum obersten Regalbrett. Dort löte ich, über den halben Schreibtisch hinweg ins Kabelgewölbe hineingebeugt, die Leitungen wieder an. Das geht besser, als ich dachte. Viel länger hätte mein Rücken diese Haltung aber auch nicht goutiert.
Als ich die Werkzeuge hole, um die Leiste wieder zusammen zu schrauben, fällt mir auf, dass ein Bauteil, das an der Seite festgeschraubt wird, sich noch liebevoll an den Stecker im Untergeschoss schmiegt. Es muss aber nach oben und passt auch nicht durch den Wand-Regalschlitz. Also löse ich die Lötstellen wieder, puhle das Kabel aus dem Kellergewölbe und will das Bauteil ans obere Ende des Kabels schieben. Dabei fällt es auseinander. Dass es nur zusammengesteckt war, hatte ich nicht gesehen. Ich hätte also die Lötstellen nicht lösen müssen.
Selbst die zweite Lötaktion funktioniert gut, obwohl schon unter starker nervlicher Belastung.
Das Zusammenschrauben auch. Das Besteckern der Leiste auch.
Guten Mutes gehe ich zum Schalter und freue mich schon auf das lustige Aufblinzeln der diversen Kontrollleuchten.
Nichts. Nochmal schalten. Nichts.
Ja wie?
Neue Leiste auch kaputt?
Schmerzhafte Einsicht: Schalter kaputt. Jetzt bin ich schon im Zustand tiefer Selbstzerfleischung.
Ich baue ihn auseinander und sehe, dass die Idee richtig ist. Ich finde einen Lichtschalter, den ich nie brauche, baue ihn aus und schließe ihn an dieser Stelle an.
Passt. Funktioniert.

Meine Freude ist, sagen wir: Gedämpft.
Ich muss dringend meine rechte Gehirnhälfte trainieren.

Tag 41

Garantien im Minidrck

… teilen wir Ihnen mit, dass wir Ihrem Wunsch leider nicht entsprechen können. wir verweisen in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Garantiebestimmungen, die dem Produkt beigefügt sind …

 

Tag 40

April am 1. Mai

1. Mai.
So gegen 12. 140. Regen. Wind.
Endlich April!

Tag 39.2

„Die weiße Hexe“, so werden die etwas ruppigeren Kinder in der Siedlung sie nennen. Die sanfteren vielleicht „Kräuter-Oma“. Kennen werden sie alle hier in der zutiefst unschmucken Kolonie in Essen-Frintrop.
Wir begegnen ihr, als wir wieder mal emschern. Eigentlich wollten wir ein ganzes Stück an der Emscher entlangwandern. Ab Höhe ‚Centro‘ in Oberhausen. Und dann so lange Richtung Bottrop, bis wir keine Lust mehr haben. Schon nach einem Kilometer springen wir auf einen anderen Zug. Eines der Schilder, die immer mal wieder an der Emscher stehen und über Besonderheiten informieren, weist auf ein kleines Biotop hier in der Nähe in zwei, drei km Entfernung von der Emscher hin. Es lockt uns, weil es verspricht, dass hier „Läppkes Mühlenbach“ – ehemals ebenfalls eine Abwasser-Kloake, die dann in die Emscher mündet, – komplett renaturiert zwischen dichten Sträuchern, hohen Bäumen und lauschigen Lichtungen silbrig kullernd durchs Dickicht fließt. Drumherum eine Naturlandschaft, die sich mutig zwischen die Industrieanlagen, die Siedlungen und die Gewerbegebiete hier drängelt. Wie ein Mahnmal mittendrin der Rest der alten Kloaken-Einfassung.
Kaum sind wir auf einem Pfad in das Gebiet hineingeschlüpft, taucht sie auf. Wallendes, langes, sanft gewelltes weißes Haar. Eine schwatte Bollerbuxe. Schon ziemlich verwelkte Turnschuhe. Und ein Mantel in einer Farbe, der man unangemessen schmeicheln würde, wenn man sie beige nennen würde. Oder hellgrau. In ihrer Hand pendelt ein Jutetasche. Faltig, wie sie ist, scheint sie leer zu sein.
Die Dame sieht meinen Fotoapparat und spricht mich an. „Wat wolln se denn hier fotografieren? Die Vögel, die nicht mehr kommen?“ Dabei funkelt sie mich an. Ich schweige einen Moment verduzt und kann ihren Blick nicht deuten. Wenn ich jetzt was sage, denke ich, löse ich womöglich eine kleine Verwirrtheits-Eruption aus.
Aber nein. Sie redet weiter. „Nein wirklich. Gibt ga keine Meisen mehr, dies Jahr. Ich weiß dat, ich geh jeden Tach dahinten hinter die Sträucher die Vögel füttern. Soll man ja nich, san’g se immer. Nur im Winter. Aber ich fütter ja nich. Ich gab ja nur Leckerchen. Dat ganze Jahr. Meisen komm‘ ga nich mehr. Und seit die von’n Baum gefallen sind, kommt dat Rotkehlchen auch nich mehr. Traurig is dat.“ Obwohl es traurig ist, lächelt sie. Meine Unsicherheit ist verflogen. Wir reden über diese seltsame Vogelkrankheit, der tatsächlich die Meisen zum Opfer fallen. Sie scheint die Theorie zu haben, dass das Rotkehlchen dann eher aus Solidarität wegbleibt. Scheint eine Bergmannswitwe zu sein. Da kennt man dat noch: Solidarität. Wir spekulieren zu dritt. Dass vielleicht auch das Insektensterben …
Ihr Blick wandert kurz ins Nichts. Dann fällt ihr ein: „Aber Schmetterlinge gibtet hier noch. Und ich sach Ihnen. Sooo schöne.“ Bei „Sooo“ schwingt sich ihre Stimme kurz in die Luft, als würde sie einem dieser flatternden Kunstwerke folgen.
Und sie erzählt weiter, dass sie auch den drei Pferden immer Leckerchen bringe, die da auf‘fe Weide stehen. Die Vögel und die Pferde, – die würden dat schon kennen. Wär ja auch immer so ungefähr die gleiche Zeit, wenn sie ihre Runde mache. Die kämen dann schon immer an.
„Und wissen `se wat?! Kürzlich kam dann auch so’n Rabe. Der hüppte dazu. Und wollte auch wat haben. Hab ich ihm auch Leckerchen gegeben. Und wissen `se, ich red dann ja auch mit denen. Und wenn die Zeit um ist, dann sach ich auch Tschüss. Und kürzlich hab ich dann die Pferde Tschüsse gesagt. ‚Tschüss, Flora‘, sachich, ‚tschüss Amanda, tschüss Tine. Und als ich dann so weggehe, kommt auf eima der Rabe angehüppt. Und steht da so vor mir, als wollter, dat ich ihm auch tschüss sage. ‚So‘ sachich, ‚du willz, dat ich dir auch tschüss sage. Ja, dann sach ma, wie heißt du denn`. Und da sachter ‚krakra‘. Und da sach ich: ‚Na, dann tschüss, KraKra.‘“ Dabei neigt sie sich leicht vor und schaut auf den Boden vor ihr. Als würde KraKra jetzt gerade da stehen. Unvermittelt richtet sie sich wieder auf und schaut uns beiden ganz begeistert ins Gesicht. „Ist dat nich schön, wat man inne Natur so erleben kann?!“
Sie wünscht uns noch einen schönen Tag und schlurft davon. Wir schauen ihr ein Weilchen versonnen hinterher. Und lassen uns ein wenig fluten von kitschiger Ruhrgebietsromantik.

Info-Tafel, beschmiert, Läppkes Mühlenbach

Viele von den Vögeln sind weg. Vielleicht jetzt auch die Schmierfinken.

Kloakenrest, Läppkes Mühlenbach

Hier floss Läppkes Mühlenbach, bevor er renaturiert wurde.

Tag 38

Man stelle sich einen Käfer vor,
Unruhig kreisend läuft er auf dem Asphalt hin und her.
Er hat Angst, seine Wiese nicht mehr zu finden.
Manchmal fragt er sich, ob es nicht besser wäre, konsequent in eine Richtung zu gehen.
Dann bekommt er Angst, dass das genau die falsche wäre, – die Richtung, in der der Asphalt immer weiter geht.

Tag 37

Die Kanzlerin hat Recht mit ihrer Sorge, die Deutschen könnten wieder sorgloser werden.
Selbst die Gänse werden nachlässiger.
Jeden Tag schaue ich einmal bei ihnen vorbei und gucke, ob sie meine Masken noch tragen. Heute waren sie ab.

Tag 36

Kaum traue ich mich noch zu schreiben. Oder etwas anderes zu tun, was Geist und Wachheit voraussetzt.
Nach gestern.

Tag 35

 

Ich erschrecke an mir.
Es gab einen Virus. Irgendwann ‚damals‘ irgendwo in China.
Dann war dieses Virus bei mir. Ich lernte seinen Namen, ich lernte die Namen von Virologen. Ich lernte „Shutdown“, „Cocooning“, „Infektionsketten“, #stayathome, und vieles mehr.
Heute scheint mir, dass von dem Moment an, als mir klar wurde, dass eine Erkrankung an Covid 19 genau mir geschehen kann, wenn ich nicht bestimmte Vorsichtsmaßnahmen ergreife, dass ich von dem Moment an auf dem Weg in einen Herz, Hirn und Seele aufweichenden Nebel war, aus dem ich nicht herausfinde.
Die immer irgendwie zusammengedachte Verbindung von Denken, Handeln und dem, was ich für Vernunft halte und für Aufrichtigkeit mir selbst und anderen gegenüber, ist brüchig. Ich musste lernen, dass sie offenbar bis ins Groteske brüchig ist.

Ich erlebe tatsächlich diese Szene, und weiß kaum, ob ich sie mir selber glauben kann:

Ich befinde mich auf einem meiner ‚lonesome-wulf-Spaziergänge‘: Plötzlich mitten auf dem Weg auf dem Asphalt eine Atemschutzmaske. Sie sieht unbenutzt und nicht verdreckt aus.
Super. Kann man doch noch gebrauchen. Und auch noch eine, die ziemlich professionell aussieht. Wo die Dinger so schwer zu kriegen sind …
Ein paar Schritte. Die Maske schlonkert am weißen Gummiband in meiner Hand. Vereinzelte Gedanken kratzen am Rand meiner Wachheit. Dringen aber noch nicht durch.
Dann plötzlich Alarm. Was ist, wenn die Maske mit Viren verseucht ist?
Fallen lassen!!
Ach, ist ja Quatsch. Du hast sie ja eh schon angefasst. Kannst Du sie jetzt auch festhalten. Außerdem: Wenn schon, dann doch wohl in einen Papierkorb. Jetzt komm‘ mal runter. Du achtest jetzt halt darauf, dir bis zum Händewaschen nicht ins Gesicht zu fassen.
Dann noch heißerer Alarm. Oh Gott! Du hast dir doch gerade so einen Pfefferminz-Drops aus der Tasche gefingert. Ein Rest .davon wird gerade von meiner Zunge hin- und hergeschubst Mit wird heiß im Gesicht. Sofort ausspucken! Ein anderes Ich versucht mich wieder einzufangen. Hey, hey, hey, bleib mal schön hier! Du hebst ab. Was ist los?!?
Aber ich bin nicht zu retten. Ich schwimme in einer grauen Blase und weiß nicht mehr, was ich denke oder empfinde.
Die Maske schlonkert mit mir nach Hause.
Ich zeige sie der Liebsten. Und erzähle ihr die Geschichte.
Es ist mir unendlich peinlich und ich weiß nicht einmal genau, was. Sie reagiert unverständlich gelassen. Sie müsste sich doch Sorgen machen wegen meiner Verrückt-heit.
Dann fasse ich langsam provisorisch wieder Fuß, werfe die Maske weg, wasche mir Gesicht und Hände geradezu pedantisch. Desinfiziere die Klinke, den Türknauf, den Griff von der Mülltonne. Versuche mich zu erinnern, was ich noch angefasst habe. Beobachte mich dabei und schüttele den Kopf.
Wie kann ich bloß so von allen Geistern verlassen sein? Nicht nur den guten?

Tag 34

Nichts

„Was ist?“, fragt man manchmal.
„Nichts“, sagt man manchmal.
Und meint: „Alles.“
Man kann aber nur „Nichts“ dazu sagen.
So geht es manchen Tagen.

Tag 33

Wir drehen keinen Film

Kann der Zufall, dieser Tausendsassa, so ungeheuer klug Regie führen?
Heute gehen wir ins Kino. Wir schauen einen Film. Es ist ein Film, der eigentlich im März in die Kinos hätte kommen sollen, was dann aber nicht ging, aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr so richtig präsent habe.

Diesen Film sehen wir auf einem Online-Portal namens „kinoflimmern.com“ (Ja, dies ist Werbung.) Wir haben dafür sogar so eine Art Eintritt bezahlt. Der kommt diversen Programmkinos zugute.

Nun, – dieser Film erzählt diese fiktive Handlung: Ein nicht mehr so ganz junger Mann, ein Schauspieler an einem kleinen Off-Theater, bucht eine Kamerafrau. Diese soll eine Zeitlang sein Leben filmen. Er ist ein Mond, der sich für eine Sonne hält und um sich selber kreist. Oft ist er traurig, weil alle anderen das nicht so sehen. Dass er eine Sonne ist. Er möchte verstehen, warum. Oder vielleicht auch nur effektvoll so tun, als ob.
Etwas weniger poetisch: Die Kamerafrau begleitet ihn überall hin. Zu seiner Probe, zu seinem besten Freund, zu einer (jetzt platonischen) alten Liebe usw. Der junge Mann schaut sich zwischendurch immer wieder mal Ausschnitte aus den Aufnahmen an.
Ich schaue zu, wie er lebt. Nein, ich schaue, was die Kamerafrau gefilmt hat, wie er sich gibt, wenn er weiß, dass sie filmt, was er möchte, das sie als Eindruck vermittelt, wie er lebt. Und das alles ausgedacht als Handlung. Das hat mächtig „Knoten-im-Kopf-Potential“. Und mächtig „Echte“-Gefühle-Potential.
Ich taumle von beschämtem Kichern, weil irgendetwas sehr Absurdes in einem Dialog z.B. sehr stark an eigene Absurditäten  erinnert. Oder stöhne gequält, wenn er sich besonders bescheuert verhält. Oder schweige betreten, wenn er mir leid tut. Oder atme schwer, wenn mir zum xten Mal wieder klar wird: Nein, es ist nicht das Leben dieses Mannes. Es ist eine Filmhandlung.

Wie ist das möglich, dass ein Film, der lange vor Corona entstanden ist, der schon auf Festivals lief und jetzt – gezwungenermaßen! – Kinopremiere im #stayathome-Kino hat, so genau und treffend über das erzählt, was wir in dieser Zeit geradezu inflationär oft auf Youtube und Vimeo und Instagram und Skype und sonstwo erleben: Dass Menschen Bilder aus ihrem Leben zeigen. Dass dieses „dies ist mein Privatleben“-Genre eine Gattung geworden ist mit eigenen Style-Konventionen. Dass wir glauben, wir sähen Menschen in ihrem Privatleben und in Wahrheit Filme von fiktivem Privatleben sehen. Und wir können denken, das sei echt. Und sie sagen immer: Wir haben keinen Film gedreht.
Wie das möglich ist? Der kluge, mitfühlende Zufall! Er wollte gerne diesem wunderbaren Film die perfekte Darbietungszeit schenken. Glaube ich.

Übrigens heißt der Film: „Wir drehen keinen Film“ (und ja, dies ist Werbung).

Tag 32

Kö-/\-elbecke

Wir sind auf dem Rückweg. Möglichst lange wollen wir mit dem Rad an der Emscher lang. An einer Baustelle ist Schluss. Wir müssen ausweichen. Von einer Parallelstrecke – etwas weiter weg – fällt unser Blick immer wieder auf das Gelände. Im Hintergrund eine riesige Industrie-Anlage, die wie eine Raffinerie anmutet. Ist vielleicht auch eine. Davor zwei parallele Baumreihen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man dahinten eine lauschige Allee vermuten. Sie säumen eine stinkende Kloake. Die Emscher. Genannt: Köttelbecke. Die beiden T’s darf man nicht sprechen. Sie werden nur durch einen kurzen Kehlkopfverschluss als Stopper angedeutet.
Dann erinnern wir uns. Genau hier haben wir mal mitten auf der Wiese vis à vis von der sagen wir: Raffinerie übernachtet. Auf einer Holzbrücke. Eine Kunstinstallation mit dem Namen „Warten auf den Fluss“. Eine chinesische Zick-Zack-Brücke, deren Zick-Zack böse Geister davon abhalten soll, den Fluss, den sie überspannt, über sie zu überqueren. Hier wäre sie eigentlich nicht nötig gewesen. Die bösen Geister können ja riechen. Damals erinnerte diese ungeheuer schöne Konstruktion daran, dass dereinst an dieser Stelle die renaturierte Emscher in ihrem alten Bette plätschern sollte. Die Brücke führte also über einen zukünftigen Fluss. Was für eine schöne Idee!
Genau hier ist jetzt Baustelle. Eine Riesenbaustelle. Sieht aus, als würde an einer Autobahn gebaut. Oder einer höhergelegten E-Bike-Rennstrecke. Ein sauber geformter Deich, geometrisch exakt geneigte Wangen, in leichtem Bogen über eine lange Strecke sich von der Emscher weg- und wieder in ihre Richtung zurück biegend. Oben drauf mehrere schwere Maschinen. Eine von ihnen walzt gerade was.
In meiner Phantasie sehe ich eine E-Bike-Reisegruppe auf dem Deich. Alle korrekte Einsfuffzig voneinander weg. Interessierte Blicke. Ein Reiseführer mit ziemlich spack sitzender Radlerhose redet in ein Headset-Mikro. Hier, so erklärt er und rührt mit Hand in der Luft zwischen Deich-Neubau und Raffinerie, – hier soll die Emscher später einmal fließen und sich bei Hochwasser ausbreiten dürfen. Da vorne ist ja noch die alte Emscher. Die Köttelbecke. Höhö. Eigentlich ist es ja die neue Emscher. Die alte Emscher floss ja hier. Also: Dahinten fließt quasi die alte neue Emscher und hier die neue alte. Höhö.
Zufrieden radelt die Gruppe wieder von dannen.
Ich auch.
Als wir ein Stück später wieder an der alten neuen Emscher entlang radeln können, spüren wir tatsächlich doch einen Hauch von Renaturierung: Sie stinkt nicht.

Tag 31

Mundschutz

Eine Stadt macht Ernst.

Harlekin Skulptur mit Mundschutz

Gänse Skulpturen mit Mundschutz 2

Gänse Skulpturen mit Mundschutz 1

 

Gans Skulptur mit Mundschutz

Gans Skulptur mit Mundschutz 2

Tag 30

Rote Beete eingefroren

Ooooch, – … du arme kleine Rote Bete, – … musstest du auch in Quarantäne? Nicht traurig sein. Irgendwann, wenn ich mal längere Zeit nicht zuhause bin, darfst du bestimmt wieder raus.

Tag 29

Rebellion

Die Liebste bleibt an einem Schaukasten hängen. Sie steht perplex da. Ich gehe zu ihr zurück. Ab und zu schüttelt sie leicht den Kopf. „Jetzt guck dir das an!“, raunt sie.

Abstand halten Werbeplakat

Ich gucke mir das an. Verstehe aber ihre Verstörtheit nicht. O.k., das Plakat hängt schief und ein bisschen unentschieden an der Magnet-Pin-Fläche herum. Aber das kann es nicht sein. So pingelig ist sie nicht.
Ich sag erstmal nichts, damit ich nicht doof dastehe.
Und dann fällt es auch mir auf. Wie hab ich das bloß übersehen können! Es ist ja klar zu erkennen!
Mich durchfährt jähe Erkenntnis. Dass gallische Dorf, diese allseits bekannte Ikone des wackeren Widerstandes gegen die autoritäre Obrigkeit, … es liegt im Süden des Münsterlandes. „Meine“ Stadt ist eine Keimzelle des Aufbegehrens. Das Epizentrum nichts weniger als das alte Rathaus selber. Womöglich ist „mein“ Bürgermeister der strahlende Held der Rebellion.
Die Botschaft ist ja eindeutig: Wollt Ihr Euch wirklich wie die blöden Hammel auf Befehl auseinander treiben lassen, um dann, wenn es den Mächtigen gefällt, bei „Haltern bittet zu Tisch“ wieder gemeinsam an den Trog beordert zu werden?
Wollt ihr das?!?!
Wollt Ihr dumme Schafe sein?!?!
Das Plakat wirkt. Ich bin zutiefst verunsichert. Ja, ich muss mir eingestehen, dass auch ich nur ein unkritisches Vieh in der Herde war. Ich beschließe noch hier vor Ort an diesem Schaukasten mich zu ändern. Ich werde wieder renitent in der Nase bohren, sogar öffentlich, auch wenn ich mich nicht erinnere, was ich heute nach dem Händewaschen schon alles angefasst habe.
Ich folge dem Ruf der Freiheit!

Tag 28

Klitzekleiner Zeitvertreib: Finde den Fehler.

Zwischen Duisburg und Dinslaken

Nein, – es sind nicht die Menschen.
Und auch nicht deren Abstand voneinander.

Tag 27

Wie ist der Stand
In Anderland?

Meine Mutter ist dement. Sie lebt in Anderland. Ihr Aufenthaltsort ist ein Altenheim.
Ich rufe dort an, um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Frau, die gerade am Telefon sitzt, schildert mir ausführlich, wie es meiner Mutter geht. Wie sie isst oder nicht isst, trinkt oder nicht trinkt, reagiert oder nicht reagiert, ab und zu etwas sagt oder nicht, … es gibt keinen Grund zur Besorgnis.
Doch, gibt es, gestehe ich, – mir und ihr. Besorgnis um mich: Wenn ich sie nach Wochen zum ersten Mal wieder sehe, wird sie dann, wie üblich, meinen Namen zwar nicht mehr wissen, aber strahlen?
Oder wird dieser Rest Kontakt, den ich noch leicht verstehe, auch weg sein?
Die Pflegerin berichtet mir, dass sie alle, die dort arbeiten, den Menschen, die noch regelmäßig Besuch bekommen, regelmäßig Fotos von diesen Personen zeigen und mit diesem alten Menschen dann über diese Person sprechen würden. Zum Glück hänge ja auch von mir griffbereit ein Foto im Raum. Wenn sie es meiner Mutter zeige, lache sie immer. Wenn sie sie dann frage, ob sie wüsste, wer das sei, sage sie mit dem Wunsch, möglichst überzeugend zu wirken, damit bloß keine weitere Frage komme: „Natürlich!“ Ich kann mir diesen etwas künstlich erwachsenen tiefen Stimmsitz, den meine Mutter dann hat, sofort lebhaft vorstellen.
Und dann würden sie immer ein wenig über mich sprechen.
Wie meine Mutter reagiere, wenn ich dann irgendwann nach Wochen sie wieder besuche dürfe, wisse sie aber trotzdem nicht.
Aber ich solle mir keine Sorgen machen. „Sie wissen doch: Das Gehirn mag dement werden. Das Herz wird es nicht.“

Tag 26

Sommer im April

Sonnenschirm reparieren

Ich freue mich.
Heute Morgen sehe ich schon zum dritten Mal in diesem Jahr einen Molch. Er taucht kurz auf, schnappt ein Bläschen Luft pur und taucht wieder ab.
Schon seit Tagen lockt Sommersonne auch uns nach draußen. Geduldig erinnert sie uns täglich immer wieder auf’s Neue daran, dass jetzt nun aber wirklich Zeit sei – und doch gerade auch Gelegenheit! –, die schon so lange überfällige Reparatur am Sonnenschirm vorzunehmen.
Wir hören auf sie und fangen an. Zwei, drei Hummeln schweben mir dabei blumig brummend immer wieder mal um die Glatze.
Der Schatten eines anderen Ich steht etwas abseits unschlüssig dabei. Sein Blick verliert sich im lichten Nichts. „Schon schön“, sagt er, „aber – … – Mitte April?“

 

Tag 25

Unser Bio-Grünzeug-Bauer hat die wöchentliche Kiste geliefert.
Obst ist wie üblich auch dabei.

Bio Obst

Die Zitrusfrüchte sind laut Begleitschreiben Mandarinen.
Ehm … – Bio oder Bayer?

Tag 24

Corona zieht die Welt auf links

Ich muss dringende Bankgeschäfte erledigen. Beim Aufrufen der Seite für’s online-banking wird mir klar, dass ich das auf dem neuen Laptop noch gar nicht machen kann, weil ich auf ihn die dafür notwendige Secure-App noch nicht aufgespielt habe. Ein wenig zu hektisch versuche ich, das nachzuholen. Das Herunterladen geht schnell. Das Einloggen mit den Daten, die noch auf meinem alten Laptop gespeichert sind, geht nicht. Ich hexe ungeduldig eine ganze Weile herum. Dann wird mir klar, dass ich eine App des österreichischen Bank-Namens-Vetters heruntergeladen habe. Also von vorne. Im Microsoft-App-Store gibt es eine solche App nicht. Ich finde sie woanders, lade sie herunter, versuche es wieder mit den alten Daten. Kein Glück. Ich suche die alte Postbenachrichtigung mit dem Aktivierungscode. Probiere den. Nicht besonders optimistisch. Schließlich steht schon in dem Schreiben, dass er nur 30 Tage gültig ist. Natürlich funktioniert er nicht. Währenddessen läuft bis an das Zerreißen von Nerven lange das auf laut gestellte Telefon mit einer schmierig poppig-peppigen Musik, ab und zu unterbrochen von einer sehr zugewandt klingen sollenden Männerstimme, die mir versichert, sie sei gleich für mich da. Ihr Timbre feuert die Phantasie an. Welchen Service der mir wohl anbietet, wenn ich dann dran bin …
Sämtliche Anrufversuche schlagen fehl. Aus Minuten wird mehr als eine Stunde. Dann ein Geistesblitz. Mehr aus Scheiß, ohne zu glauben, das würde es bringen, wähle ich bei den diversen Abfragen, was denn mein Ansinnen sei und den dazugehörigen Aufforderungen diese oder jene Taste dafür zu drücken oder dieses oder jenes Stichwort zu sagen, das Ansinnen: NEUKUNDE. Nicht, wie bisher, mein wirkliches Problem. Keine 15 Sekunden später spreche ich mit einem echten Menschen, der mich fragt, was er für mich tun könne.
Und der wimmelt mich tatsächlich nicht ab, sondern erledigt mein Anliegen.
Kurz danach ruft die Bankangestellte an, die in der Filiale in meiner Stadt arbeitet. Sie habe gesehen, dass ich versucht hätte anzurufen.
Als ich ihr die Geschichte erzähle, berichtet sie mir, dass an der Tür zur Filiale, die ja jetzt geschlossen sei, mehrere Informationblätter hingen, auf denen die Durchwahlen zu den verschiedenen Sachbearbeiter*innen der Bank stünden. Diese Durchwahlen würden immer funktionieren. Wenn eine*r von ihnen nicht da sei, würde das Gespräch automatisch weitergeleitet.
Ich hätte halt nur mal eben zur Filiale gehen müssen.

Tag 23

Die Liebste erzählt von einer Radioreportage. Dort sei erzählt worden, dass ein Kammerchor eine Probe via Skype gemacht habe. Ein süffiger Beitrag untermalt von wundervollen Chorklängen. Wir schauen uns an und grinsen und wissen mehr …

Tag 22

Aprilglöckchen

Maiglöckchen im April

Tag 21

Ich schnappe irgendwo einen O-Ton auf, in dem die Kanzlerin ankündigt, dass wir alle und vor allem ältere Menschen bei unserem aktuellen distanzierten Kontaktverhalten bleiben müssen, bis es eine Impfung gebe.
Zum ersten Mal regt sich Widerstand in mir. Der Logik, dass die Menschen in Deutschland mithelfen sollen, dass sich das unausweichliche Infektionsgeschehen so verlangsamt, dass die Kliniken in Sachen Intensivpflege nicht überlastet werden, konnte ich folgen.
Der Sinn für Eigennutz eines weißen alten Mannes hilft mir. Wenn es bei mir soweit ist, möchte ich auch ein Beatmungsgerät bekommen.
Aber dieses Leben weiter, bis es einen Impfstoff gibt?
Dieser Art von eindimensional linear denkender „Natur“wissenschaftlichkeit sträube ich mich zu folgen. Wir sollen mit domestiziertem Abstands-Verhalten weitermachen, bis Mediziner das Virus „besiegen“? Was vielleicht in einem Jahr der Fall sein wird? Uns selbst beschränken auf der Basis von verengtem Ursache-Wirkung-Lösung-Denken? Nach dem Verfahren: Wenn ich schwitze, nehme ich Deo. Wenn es kein Deo mehr gibt, sorge ich dafür, dass ich nicht mehr schwitze. Oder mich keine/r mehr riecht.
Ich frage mich, wie lange ich das wohl mitmache. Und frage mich, ob es richtig war, das bisher so brav mitgemacht zu haben. Und frage mich, ob wohl dann ältere Menschen zur Impfung verpflichtet werden? Und fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich vielleicht irgendwann das Risiko eingehen will, schwer krank zu werden. Und tröste mich mit dem Gedanken, dass ich ja immer in dem Risiko gelebt habe. Ich konnte es nur leichter verdrängen. Ja, es gibt die Möglichkeit, an der durch diesen Virus ausgelösten Krankheit zu sterben. Andererseits: Es gab schon viele  Möglichkeiten zu sterben in meinem bisherigen Leben. An manche kann ich mich erinnern. Von anderen weiß ich gar nichts. Das ich jetzt zusammen mit Millionen anderer auf der Welt täglich Tote zähle, macht das allein schon wahrscheinlicher, dass auch ich demnächst dran bin? Und bin ich das nicht sowieso?
Und wenn ja, – wie will ich bis dahin leben?

Tag 20

Auf unserer täglichen Waldstrecke liegen auch drei Stationen eines alter Kreuzwegs. Die Liebste neckt mich. Sie wisse nicht, ob sie es zulassen könne, dass ich als Katholik den Kreuzweg in diesen denkwürdigen Tagen der Passion noch immer nicht gegangen bin.

Tag 19

Fast-Sommer-Frühling im Wald

Frisches Grün im Frühling

Frühling fast wie Sommer

Tag 18

Mein Clip bringt es innerhalb von nun 3 Tagen auf sagenhafte 270 Clicks. Die alte und die neue Version zusammengerechnet. Ziemlich dürftig, angesichts meiner Hoffnung, dass ich einen Internet-Hit lande. In Deutschland und in Italien. Warum kann mir nicht mal so eine amerikanische Tellerwäscher-Story gelingen? Wenigstens ein bisschen.
Mir droht ein ziemlicher Kater.

Tag 17

Studio at home

Den Kopf heben

Nach tagelanger freiwilliger Verengung auf das Viereckige, das Tastengeklapper, das Klicken, die winzige Kammer des www: Kopf heben.

Wald Lichtung Hochsitz

Moos? Ein Virus? Hat Corona etwa den Sprung Mensch – Pflanze geschafft?

 

Tag 16

Youtube-Falle

Böse Falle. Zwei Menschen haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Hall hinter meiner Stimme in dem Italien-Clip ziemlich merkwürdig klingt. Das beunruhigt mich. Schließlich entscheide ich mich, den Clip nochmal zu ändern. Die Änderungen in den Ursprungsdateien geht schnell.
Ich rufe, als ich fertig bin, Youtube wieder auf. Diesmal vielleicht ein wenig zu eilig, weil ich eigentlich keine Lust zu dieser Art von Beschäftigung habe. Ich werde kurz und relativ unscheinbar darauf aufmerksam gemacht, dass ich das alte Video nicht austauschen, sondern nur einen neuen Link kreieren kann, und dass man diesen Vorgang auch nicht rückgängig machen kann. Ich klicke auf „weiter“. Und erst danach wird mir klar, was ich mir besser davor bewusst gemacht hätte. Und dann möchte ich es rückgängig machen. Und glotze ungläubig auf den Bildschirm. Und weiß: Die ohnehin schon nicht übertrieben vielen Menschen, die den Link zu meinem Video geteilt haben, oder das Video einfach noch einmal sehen wollen, laufen selbst ins Leere und schicken andere dahin. Ich muss also die Social-Media-Rosskur nochmal machen und die Welt darauf hinweisen, dass ich ein Youtube-Analphabet bin.

Tag 15

Italia, solo per te

5 Tage in Quarantäne in der Quarantäne.
Aus einer Idee ist ein ausgewachsenes Lied geworden.
Und ein Videoclip:

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Solo per te

(Aprile 2020, parole + musica: M.Gehrigk)

No parlo l’italiano molto bene
Le mie Parole non sono molto eleganti
Ma non e importante perché
Cio che voglio dire, dice il mio cuore invece di me

Ho cantato per gli amici di tempo in tempo
Ho cantato particularmente per I miei figli volentieri
Ho cantato qualche volta nella vasca da bagno
O nella doccia molto forte, sempre solo per me

Ma oggi, bella Italia, oggi canto solo per te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te

Ho pregato quando ero giovanno per una nuova bicicletta
Ho pregato, che l’amore mio me esaudi
Ho pianto, quando l’amore terminava
Ho pianto, quando mio fratello moriva

Ma oggi, bella Italia, oggi prego e piango solo per te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te

La tua gente, il tuo paesaggio, le tue città
Mi hanno regalato cotanti momenti di felicità
Molto volentiere voglio rimandare qualcosa a te

E oggi, bella Italia, oggi Rimando questa canzone a te
Italia, Italia, Italia, – questo è per te

Tag 14

Die Enkelin lernt Tablet. Sie weiß schon, was sie machen muss, um für uns besonders groß zu erscheinen. Ist wichtig, wenn man z.B. Fratzen zieht, um die anderen zum Lachen zu bringen. Manchmal aber verschwindet sie noch aus dem Bild. Dann macht sie z.B. Gymnastik und man sieht nur ab und zu einen Zopf durchs Bild fliegen oder hört Geräusche. Und zwischendurch ruft sie immer – zunehmend aus der Puste – : Seht ihr?
N-e-i-n!!
Unsere Antwort hört sie dann nicht. Sie ist einfach zu sehr mit Rumhüpfen beschäftigt.

 

Tag 13

Die Recherche hat nichts ergeben.
Wir machen das Skype-Familien-Musik-Treffen trotzdem. Chaos ist schon fast ein euphemistischer Begriff für das, was dann passiert. Wir schlingern zwischen Verzweiflung und Schlapplachen. Eine ganze Weile. Als wir uns voneinander trennen, sind alle irgendwie zufrieden. Merkwürdig, wie wenig schon reicht, wenn man sich nicht nah sein darf.
Immerhin lernen wir: Die schönen Filmchen, die angeblich Menschen zeigen, die via Internet zusammen musizieren, sind wahrscheinlich Fake. Oder wir möchten einfach glauben, sie würden live zusammen musizieren, so sehr, dass wir ihnen unterstellen, sie produzierten Fake.
Nach unserer Erfahrung geht es „live“ definitiv nicht.
Was ich noch lerne: Ich bin beim Skypen immer wieder auf’s Neue irritiert, wenn meine Gesprächspartner*innen entweder so merkwürdig ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas aussehen oder mir immer auf’s Kinn gucken. Dann verstehe ich: Sie müssen in die Kamera gucken, damit ich das Gefühl habe, sie sähen mich an. War das nicht Lektion 1 beim Selfie-Lernen? Ich muss auch in die Kamera gucken. Dann haben meine Partner*innen das Gefühl, dass ich sie angucke.
Aber dann kann ich sie nicht sehen. Und gucke ihnen doch wieder auf’s Kinn. Oder ins Leere blickend wie auf der Suche nach irgendwas …

Tag 12

Skype-Musizieren

Alle Kinder und Enkel sind mit der Liebsten und mir morgen zum gemeinsamen Musizieren via Skype verabredet. Diverse Video-Clips, die in diesen Corona-Zeiten im Internet kursieren, lassen uns phantasievoll höhenfliegen. Mit der Tochter und ihrem Mann möchte ich heute mal probieren, wie das geht, – uns alle per Skype zusammenzuschalten.
Wir sind ganz begeistert, als unser aller Konterfeis sich den Bildschirm teilen.
Voller Tatendrang wollen wir gemeinsame Live-Musik probieren. Ich spiele die Akkorde von „Let it be“. Die beiden singen dazu das, was so an rudimentären Textbrocken aufgescheucht durch die bekannte Musik aus dem Gedächtnis kullert.
Und sind irritiert. Meine Musik erreicht die beiden jeweils später als ich sie spiele und jeweils unterschiedlich später. Beim Rückweg brauchen ihre Töne zu mir auch ein Weilchen. Und unterschiedliche Weilchen. Es ist schlicht unmöglich, so zusammen Musik zu machen. Natürlich gehen wir erstmal davon aus, dass wir
– irgendwas in Skype falschmachen, digital-doof wie wir sind, oder
– unsere alten Computer-Möhren damit einfach überfordert sind, oder
– wir für unser Vorhaben das falsche Programm gewählt haben.
Einige ad-hoc-Lösungsversuche scheitern auch.
Die Begeisterung über unser tolles Vorhaben verpufft in ungläubiger Enttäuschung. Genauso wie die Zeit, die ruckzuck mit der Lösungssucherei verdampft ist.
Wir verabreden, noch einmal getrennt von einander weiter zu recherchieren, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit gibt. Die anderen – die aus dem Internet – müssen es doch auch geschafft haben.

Tag 11

Wie das ursprünglich mal gedacht war

Es sind einige Dinge auszutauschen mit den Kindern. Konspirativ. Im Treppenhaus oder auf dem Bürgersteig.
Also fahre ich zuerst nach Duisburg. Von da nach Düsseldorf. Das alles zu einer Zeit, die früher mal hieß: Hauptverkehrszeit. „Rush hour“ auf 1Live. Ich fahre flüssig durch. Auch innerhalb der Städte. Entspannt und zügig. Nirgendwo Stau oder zähfließender Verkehr. Nirgendwo blankliegende Nerven.
Ich bekomme eine Ahnung, wie das mit den Autobahnen ursprünglich mal gedacht war.

Tag 10

Wörter durcheinander kegeln

Seit gestern geistert ein zartes Ideen-Pflänzchen in meinem Kopf und in meinen Händen herum. Ein Song für Italien. Ein erstes Bruchstückchen Melodie. Eine erste Textzeile.
Ich möchte weiter über den Text nachdenken. Also schlendere ich 2 Stunden am Kanal entlang.


Als sollten die Worte in mir durch die Bewegung durcheinandergekegelt werden. Damit sie sich  anders wieder sortieren können.

Tag 9

Die Liebste und ich haben eine kleine Challenge. Wer kreiiert den Spruch des Jahres? Manchmal ist er witzig. Manchmal treffend. Manchmal beides. Meistens gewinnt sie.
Einmal, es war zu der Zeit, als eine damals bekannte Baumarktkette mit dem Spruch warb: „Geht nicht gibt’s nicht!“.
Da ging die Liebste mit einer ungefähren Vorstellung von einem Gegenstand in eben diesen Baumarkt und brachte einem der Berater diese Vorstellung nahe. Sein Kommentar: Mundkräuse. „Gibt’s nicht“. Darauf die Liebste: „Wie?! Geht nicht gibt’s nicht, aber gibt’s nicht geht?“

Heute hat sie den Spruch des Jahres 2020 kreiert. Da sind wir jetzt schon sicher. Er gehört in die Kategorie ‚treffend‘. Man benutze ihn beim Abschied in diesen Tagen:
„Bleib negativ und denk positiv!“

Tag 8

Ein Bildrätsel als klitzekleiner Zeitverbreib.

Erbsen zählen mit Strichliste

Obwohl …: Muss ich mir die Zeit vertreiben? Haut sie mir nicht immer von selber ab?

Tag 7

Endlich Zeit, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen. Z.B. das Problem, dass ich, wenn um den 28. Dezember herum die allerletzte Marzipan-Kartoffel gegessen ist und es unter meiner Würde ist, dann von den runtergesetzten Restbeständen zu kaufen, weil eben einfach nicht mehr Weihnachten ist, – dass ich dann ein ganzes Jahr warten muss.
Wir kreieren die
„Marzipan-Kartoffel,
Premium Easter Edition.“

Marzipankartoffeln als Hase mit Mandelohren

 

Tag 6

Lagerkoller? Die Liebste und ich reden irgendwas über Kurzarbeit. Sie fragt sich, was Beitragsbemessungsgrenze bedeutet. Ich habe das schon mal gehört und fange an, mein Halbwissen wissend auszubreiten. Mittendrin sagt die Liebste, sie müsse das unbedingt mal googeln. Ich bin starkstrombeleidigt. Äußere das. Sie dann auch. Wir pratten eine ganze Weile. Bis ganz kurz vor die „Jetzt-wird’s-ernst-Grenze“.

Tag 5

Am frühen Morgen hole ich Brot und Brötchen. Beim Lieblingsbäcker. Die Schlange draußen reicht von der Eingangstür über die Fußgänger-Laden-Straße davor, macht einen Knick und zieht sich dann noch an zwei Häusern entlang. Es sind nur ein paar Menschen. Sie halten tatsächlich die 2m ein. Wir alle scannen immer wieder mal unsere jeweilige Umgebung. O.k. stimmt noch.
Wieder draußen steige ich auf’s Fahrrad und bleibe ziemlich genau 2m vor der Ampel stehen. Es dauert eine Weile, bis ich es bemerke.

Tag 4

Von einem warmen Blimmer-Ton begleitet, öffnet sich der Bildschirm und die Enkelin ist zu sehen. Sie liegt auf dem Sofa unter einer Kuscheldecke und windet sich unglücklich. Sie hat sehr schlecht geschlafen, klärt uns die Mama auf. Eigentlich will die Mama mit dem kleinen Bruder im Arm jetzt aus dem Raum gehen wie üblich, damit die Enkelin wie üblich mit uns alleine spielen kann. Aber die möchte das heute nicht. Dass sie bleibt aber auch nicht. Sie will irgendwie nichts und irgendwie alles und irgendwie gleichzeitig und irgendwie geht das nicht. Und beugt sich auf und fällt wieder zurück.
Die Mama macht noch einen Versuch zu gehen. Wir wollen die Enkelin trösten: „Guck mal, wir bleiben doch hier.“ Die Enkelin ist nur noch Klage, die ihre Augen an die Zimmerdecke senden:
„Aber nicht in echt.“

Tag 3

Ich bin schon dazu übergegangen, die Experten, die mir täglich via Bildschirm begegnen, zu duzen. Den Christian, den Lothar. Ich würde einen von ihnen gerne mal in Ruhe sprechen. Mit Zeit für eine Antwort.
Wenn ein/e Journlist*in fragt, – was im übrigen auch ich mich frage –, warum gemessen an der Zahl der Erkrankungen die Zahl derer, die sterben müssen, in Deutschland vergleichsweise deutlich kleiner ist als in anderen Ländern, ist die Standardantwort: Weil in Deutschland sehr viel mehr getestet wird als anderswo. Frage: Wo kann ich mich testen lassen? Das scheint ja zu schützen.

Tag 2

Ich lese in den letzten Tagen vermehrt, dass Profifußballer, Trainer und Vorstände auf „Teile ihres Gehaltes“ verzichten. Man wolle in diesen schwierigen Zeiten dafür sorgen, dass der Verein seine Mitarbeiter*innen auch bei ausbleibenden Einnahmen weiter bezahlen kann. Daraus schließe ich, dass er bei finanzieller Schieflage Kurzarbeit für sie anmelden oder ihnen im schlimmsten Fall kündigen müsste.
Frage: Wieso eigentlich den Platzwart entlassen? Würde es nicht viel mehr Einsparung bedeuten, z.B. den Starstürmer zu entlassen?
Frage: Warum nicht Kurzarbeit beantragen? Der durchschnittliche Spieler bei Schalke 04 verdient 2,4 Millionen Euro im Jahr. Angenommen, die durch Corona hervorgerufene Krise dauert 2 Monate. In diesen zwei Monaten verdient er 400 000 €. Nehmen wir an, der Verein beantragt Kurzarbeit für sie, weil sie im Moment nur für eine Arbeitsleistung von 50% gebraucht werden. Der Verein müsste dann nur noch 200 000 € für ihn bezahlen, macht bei einem Kader von 25 Spielern 4,5 Millionen € Ersparnis. Mit diesem Geld müssten die kleinen Angestellten im Verein doch 2 Monate bezahlbar sein. Ein bisschen was für die Portokasse bekämen die Spieler dann noch per Kurzarbeitsgeld. 60% (ohne Familie) bzw. 67% (mit Familie) der Beitragsbemessungsgrenze von 6900 €.
Wahrscheinlich scheitert dieses Modell daran, dass der Betriebsrat der Spieler zustimmen müsste. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen gibt.

Tag 1

Coronaide Liebes-Erklärung

So sehr
Verinfiziert
Bin ich von dir
Dass tief in mir
Aufwallend fiebrige Verzückungsmoleküle tollen.

Ich würde keinesfalls
– und sei es nur partiäre –
Heilung wollen.

Tag 0

Strenge Ausgangsregeln sind beschlossen. Gut, dass es diese Sing-Aktion gibt. Fast wie ein Trost. Ich versuche  die Tonart rauszufinden, in der wir alle dann in ganz Deutschland singen und spielen werden. Und ich suche, in welchem Radiosender eine Begleitmusik gespielt wird. Ich meine, ich hätte sowas gelesen. Finde es aber nicht. Schließlich beende ich die Suche. Es ist 18:00. Die festgelegt Zeit. Wir öffnen das Fenster. Die Liebste singt. Ich spiele Klavier. Die Tonart wählen wir selber. „Freude, schöner Götterfunken“.
Das Ganze ist weder flash, noch mob. Wir sind die einzigen weit und breit. Jedenfalls bei uns in der Siedlung. Falls es irgendwo anders anders war: Leute!! Wir waren dabei!!